Nach der EM ist vor der WM

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON RO­BERT PE­TERS

MAR­SEIL­LE Wenn Joa­chim Löw mal so rich­tig auf­ge­regt ist, wenn ihn et­was emo­tio­nal packt, dann fällt er in den Dia­lekt sei­ner ba­di­schen Hei­mat. Das geht vie­len so. Nach dem 0:2 der DFB-Aus­wahl im EM-Halb­fi­na­le ge­gen Frank­reich ist so ein Mo­ment. Löw spricht über das Aus­schei­den des Welt­meis­ters, und aus vie­len „S“wer­den „Sch“. Er sagt: „Der St­a­chel sitzt tief.“Und er will sich mit Ge­dan­ken an die Zu­kunft gar nicht erst be­fas­sen. „Zur Ana­ly­se ist es noch zu früh, dar­über ma­che ich mir mor­gen, in drei Ta­gen oder vier Wo­chen Ge­dan­ken“, er­klärt er. Auf die Fra­ge, ob er beim nächs­ten Län­der­spiel ge­gen Finn­land im Au­gust in Mön­chen­glad­bach noch auf der Bank sit­ze, sagt er: „Ich den­ke schon.“DFB-Prä­si­dent Rein­hard Gr­in­del stellt fest: „Nach der EM ist vor der WM.“Wo steht Löws Team nach der EM, wo lie­gen die Pro­ble­me? Die Team­leis­tung Die deut­sche Mann­schaft hat sich im Tur­nier von Frank­reich ge­stei­gert, sie ist zu­sam­men­ge­wach­sen, „sie hat tol­len Te­am­geist be­wie­sen“, wie Löw sagt. Ihr bes­tes Spiel bot sie beim Aus­schei­den, sie be­ein­druck­te den Gast­ge­ber mit Pass-Si­cher­heit, Tem­po in den Kom­bi­na­tio­nen und ei­ner ge­sun­den Mi­schung aus Spiel­freu­de und erns­ter Be­rufs­auf­fas­sung. Löw fin­det, sie ha­be ins­ge­samt „ein tol­les Tur­nier ge­spielt“. Das ist ein biss­chen zu dick auf­ge­tra­gen, ein gu­tes Tur­nier war es den­noch. Die Spiel­idee Die Deut­schen hat­ten in Frank­reich die bes­te Ab­stim­mung. Sie ver­tei­dig­ten nach frü­hen Aus­set­zern im ers­ten Grup­pen­spiel ge­gen die Ukrai­ne als Team sehr gut, ge­stat­te­ten ih­ren Geg­nern we­nig Platz und wa­ren „sehr do­mi­nant, auch in der Kör­per­spra­che“, was Löw nach dem Frank­reich-Spiel zu Recht her­aus­stellt. Des­halb wa­ren sie auch der Tur­nier­fa­vo­rit, und des­halb ist die Ent­täu­schung grö­ßer als nach an­de­ren Nie­der­la­gen im Halb­fi­na­le zu­vor. Die Tor­ge­fahr Die Ab­wehr ge­winnt Ti­tel, heißt es. Sie muss al­ler­dings auch ei­nen An­griff zur Sei­te ha­ben, der ge­le­gent­lich Spie­le ge­winnt. Da­für müs­sen To­re her, und in die­ser Hin­sicht ist Löws Team in Frank­reich sehr spar­sam ge­we­sen. Vor al­lem Tho­mas Mül­ler, der bis­her in sei­ner Lauf­bahn mit gro­ßer Selbst­ver­ständ­lich­keit Tref­fer in al­len Le­bens­la­gen er­zielt hat, blieb weit hin­ter den Er­war­tun­gen. Er schuf­te­te und acker­te, aber in sei­nem Job als Tor­jä­ger ver­sag­te er. Nach dem Frank­reich-Spiel sagt er: „Es passt zu den Spie­len da­vor, ich ha­be al­les ver­sucht, aber es hat nicht sol­len sein.“ Pro­blem­po­si­ti­on Mit­tel­stür­mer Nach vie­len Jah­ren hat­te Deutsch­land mal wie­der ei­nen ech­ten Mit­tel­stür­mer, Ma­rio Go­mez. Er fehl­te ge­gen Frank­reich, und nicht nur der we­gen ei­ner Sper­re eben­falls zum Zu­schau­en ver­ur­teil­te Ver­tei­di­ger Mats Hum­mels ur­teilt: „Ge­gen tief­ste­hend ver­tei­di­gen­de Mann­schaf­ten brauchst du ei­nen Mit­tel­stür­mer, der Prä­senz im Sech­zehn­me­ter-Raum zeigt.“Go­mez ist auch schon 31 Jah­re alt, hin­ter ihm herrscht gäh­nen­de Lee­re. Die Nach­wuchs­för­de­rung hat sich of­fen­bar über vie­le Jah­re vol­ler Be­geis­te­rung der Her­an­bil­dung of­fen­si­ver Mit­tel- feld­spie­ler mit Be­we­gungs­drang und fei­nem Füß­chen ge­wid­met. Es wird Zeit, wie­der an Straf­raum­spie­ler zu den­ken, die ge­gen die zu­neh­mend de­fen­si­ve Aus­rich­tung Wir­kung er­zie­len kön­nen. Die Au­ßen­ver­tei­di­ger Nach Phil­ipp Lahms Rück­tritt hat­ten die Deut­schen hier die größ­ten Sor­gen. Die schlimms­ten Be­fürch­tun­gen aber zer­streu­te die EM. Jo­nas Hec­tor macht sei­nen Job auf der lin­ken Sei­te seit zwei Jah­ren mit ste­tig wach­sen­der Klas­se. Er ist so lern­fä­hig, dass da noch mehr zu er­war­ten ist. Jos­hua Kim­mich hat be­wie­sen, dass er die Plan­stel­le auf der rech­ten Sei­te auf Dau­er be­set­zen könn­te. Ge­gen die klei­nen Geg­ner war er sehr gut, ge­gen die gro­ßen hat er Lehr­geld ge­zahlt. Das ge­hört da­zu. Die In­nen­ver­tei­di­ger Wenn sie ge­sund sind, hat Deutsch­land das bes­te In­nen­ver­tei­di­ger-Paar Eu­ro­pas, wahr­schein­lich das bes­te der Welt. Je­ro­me Boateng ist in Frank­reich noch ein­mal sicht­ba­rer in sei­ner Rol­le als Füh­rungs­spie­ler her­vor­ge­tre­ten. Auf dem Platz war er schon vor­her im­po­sant. Mats Hum­mels ist nicht so schnell wie sein künf­ti­ger Bay­ern-Kol­le­ge, aber er hat ein aus­ge­zeich­ne­tes Stel­lungs­spiel und ist ein eben­so klu­ger Mann in der Spiel­eröff­nung. Durch die­se bei­den Schrän­ke passt we­nig. Sie sind ei­ne si­che­re Bank im Blick auf die WM in Russ­land.

Die An­grei­fer An­dré Schürr­le und Ma­rio Göt­ze ha­ben sich, vor­nehm aus­ge­drückt, nicht in den Vor­der­grund ge­spielt. Ju­li­an Drax­ler hat Schürr­le den Rang ab­ge­lau­fen, Göt­ze konn­te er­neut nicht be­wei­sen, dass er bes­ser ist als Mes­si, wie es Löw in sei­nem gol­de­nen Wort bei der Fi­nal­ein­wechs­lung in Rio 2014 ver­lang­te. Nach ver­lo­re­nen Jah­ren bei den Bay­ern steht Göt­ze vor ei­nem drin­gend not­wen­di­gen Neu­an­fang. Gro­ße Wer­bung für sich konn­te er nicht ma­chen. Die Per­spek­ti­ven Die deut­sche Mann­schaft hat ei­ni­ge sehr rei­fe Auf­trit­te hin­ge­legt. Sie ist in ih­ren Grund­po­si­tio­nen ein­ge­spielt, und sie hat si­cher nicht we­ni­ger Po­ten­zi­al als der Eu­ro­pa­meis­ter von mor­gen. Des­halb wird sie ganz si­cher die Qua­li­fi­ka­ti­on für Russ­land schaf­fen. Und sie wird dort zu den Fa­vo­ri­ten zäh­len. Wie sag­te Frank­reichs Trai­ner Di­dier De­schamps: „Deutsch­land ist die bes­te Mann­schaft der Welt.“Er muss es wis­sen.

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