Vi­ve la Fran­ce!

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON THO­MAS SCHUL­ZE

Der Ein­zug ins Fi­na­le ist Bal­sam für die See­le ei­nes Lan­des, das in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten zu vie­le schlech­te Er­fah­run­gen ge­macht hat. Ein Sieg von Frank­reich ge­gen Por­tu­gal wür­de dem fran­zö­si­schen Le­bens­ge­fühl gut­tun.

DÜS­SEL­DORF Frank­reich ist oben­auf. End­lich mal wie­der. Der Ein­zug ins End­spiel der Fuß­ball-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft weckt ein al­tes Ge­fühl, das der Gran­de Na­ti­on, und lässt all die Sor­gen und Pro­ble­me der ver­gan­ge­nen Mo­na­te zu­min­dest für ein paar St­un­den in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten.

Da­von hat­te das Land zu­letzt mehr als ge­wünscht: ei­ne Se­rie von At­ten­ta­ten im No­vem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res und im Ja­nu­ar, tri­um­pha­le Wah­l­er­fol­ge des rechts­po­pu­lis­ti­schen Front Na­tio­nal, ho­he Ar­beits­lo­sig­keit, Streiks we­gen harm­lo­ser Re­for­men, die un­ge­wis­se Zu­kunft der EU nach dem Br­ex­it und ei­nen schwer an­ge­schla­ge­nen Prä­si­den­ten Francois Hol­lan­de. All das hat­te das fran­zö­si­sche Le­bens­ge­fühl, das frü­her bei Plau­de­rei­en, Wein und Zi­ga­ret­ten in Bis­tros aus­ge­lebt wur­de, stark be­ein­träch­tigt.

Selbst zum Tur­nier­be­ginn woll­te nicht über­all in Frank­reich die rech­te Stim­mung auf­kom­men. Das Land, in dem Boule und Rug­by lan- ge ei­nen hö­he­ren Stel­len­wert hat­ten als Fuß­ball, frem­del­te mit der Leich­tig­keit ei­nes fran­zö­si­schen Som­mer­mär­chens – auch weil am ers­ten Spiel­tag in Mar­seil­le rus­si­sche Hor­den und eng­li­sche Hoo­li­gans wü­te­ten und für die kom­men­den Ta­ge Schlimms­tes be­fürch­ten lie­ßen.

Die nach dem Zwei­ten Welt­krieg ge­wach­se­ne deutsch-fran­zö­si­sche Freund­schaft, die die Ba­sis des fried­vol­len Eu­ro­pas bil­det, ruh­te auf dem Ra­sen in Mar­seil­le für 90 Mi­nu­ten. Doch die­se 90 Mi­nu­ten, an de­ren En­de Frank­reich 2:0 ge­gen Deutsch­land ge­won­nen hat­te, ver­än­der­ten das Land. Die Pro­ble­me sind nicht ge­löst, doch die Stim­mung. Der Sieg hat das an­ge­knacks­te Selbst­be­wusst­sein der Fran­zo­sen ge­stärkt.

„Ein Er­folg, der in der Ge­schich­te des fran­zö­si­schen Fuß­balls ver­ewigt sein wird. Ge­gen Deutsch­land, den Welt­meis­ter. Der Angst­geg­ner seit

IJe­an-Ma­rie Le Gu­en ch hab’s jetzt auch mal so ge­macht wie die Spie­ler von La Mann­schaft. Nach ei­nem gu­ten Früh­stück ge­hen die Spie­ler am „Match-Day“, so nen­nen sie den Spiel­tag, zum leich­ten An­schwit­zen in ei­nen Trai­nings­raum oder auf den Platz. Mir reicht da­zu ein Spa­zier­gang bei 30 Grad am Mor­gen. Und da wird schon deut­lich mehr als nur an­ge­schwitzt, aber es steht ja auch wahr­lich Gro­ßes be­vor, ein Halb­fi­na­le der Fuß­ball-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft.

Die Pro­fis ver­zeh­ren nun ein leich­tes Mit­tag­es­sen, ich stel­le bei der Ge­le­gen­heit fest, dass sie schon auch viel es­sen, wie der Jo­gi sa­gen wür­de, klar. Es muss ja nicht ge­ra­de so viel sein, wie sich die Sport­ka­me­ra­den von der Tour, die im Mo­ment durchs Land ra­deln, rein­schau­feln – 12.000 Ka­lo­ri­en ver­bren­nen die pro Tag.

Bei mir wird das leich­te Mit­tag­es­sen in Er­man­ge­lung von ge­eig­ne­ten Spei­sen durch ein ziem­lich üp­pig be­leg­tes Ba­guette er­setzt, von dem selbst die Tour-Pro­fis le­ben könn­ten, ei­nen hal­ben Tag zu­min­dest. Aus der Mit­tags­ru­he, die der Jo­gi sei­nen Jungs für­sorg­lich ver­ord­net, wird nichts, weil ich noch schnell was schrei­ben muss. Au­ßer­dem liegt 1958.“So ju­bel­te selbst die wirt­schafts­li­be­ra­le und ge­sell­schafts­kon­ser­va­ti­ve Ta­ges­zei­tung „Le Fi­ga­ro“nach dem Sieg. Er wirkt wie ei­ne Be­frei­ung. End­lich herrscht im ge­sam­ten Land die Stim­mung, die sich die Gast­ge­ber er­hofft hat­ten, end­lich wird auch auf dem Pracht­bou­le­vard Champs-Ely­se­es ge­fei­ert. „Das soll­te uns al­len ein we­nig Moral und Ver­trau­en zu­rück­ge­ben in das, was Frank­reich ist“, sag­te Staats­se­kre­tär Je­an-Ma­rie Le Gu­en.

Im End­spiel ge­gen Por­tu­gal will Frank­reich sei­nen 16-Jah­res-Rhyth­mus wah­ren. Nach dem Ge­winn der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 1984 und 2000 will die Equi­pe bei ih­rer drit­ten Fi­nal-Teil­nah­me den Ti­tel zum drit­ten Mal ge­win­nen. Die Chan­cen sind gut, denn für die Gast­ge­ber spricht nicht nur der Heim­vor­teil, son­dern auch die Mehr­zahl der Sta­tis­ti­ken. Drei Mal stan­den sich die bei­den Mann­schaf­ten bei gro­ßen Tur­nie­ren im Halb­fi­na­le ge­gen­über (EM 1984, EM 2000, WM 2006), drei Mal setz­ten sich die Fran­zo­sen durch. „Ich bin si­cher, dass uns das nicht be­ein­flusst“, sagt der por­tu­gie­si­sche Trai­ner Fer­nan­do San­tos. Doch auch die ak­tu­el­len Ver­glei­che spre­chen für Frank­reich: Sie ha­ben im Tur­nier die meis­ten To­re er­zielt (14/Por­tu­gal 8), sie sind im Ab­schluss stär­ker, die Päs­se kom­men häu­fi­ger an und sie ha­ben we­ni­ger Ge­gen­tref­fer (4/5) kas­siert.

Das End­spiel ist zugleich das Du­ell der bei­den Stars: An­toi­ne Griez­mann trifft auf Cris­tia­no Ro­nal­do. Der Fran­zo­se führt die Tor­schüt­zen­lis­te die­ser EM mit sechs Tref­fern an und hat zwei wei­te­re vor­be­rei­tet, Ro­nal­do ist mit ins­ge­samt neun Tref­fern der EM-Re­kord­tor­jä­ger. Nur all­zu ger­ne wür­de Griez­mann zu­dem ei­ne Rech­nung mit Ro­nal­do be­glei­chen, denn der Fran­zo­se ver­lor mit At­le­ti­co Madrid En­de Mai das Cham­pi­ons-Le­ague-Fi­na­le ge­gen Re­al mit 4:6 nach Elf­me­ter­schie­ßen. Ein reiz­vol­les Du­ell.

„Das soll­te uns al­len ein we­nig Moral und Ver­trau­en zu­rück­ge­ben in das, was Frank­reich ist“

Staats­se­kre­tär

Die Par­ty ist für mich lei­der vor­bei

das Ba­guette so schwer im Ma­gen, dass aus der Ru­he so­wie­so nichts wür­de.

Ge­gen 16 Uhr neh­me ich mir vor, mich nun end­lich aufs Spiel zu fo­kus­sie­ren. Das macht man näm­lich so. Ich le­ge mich aufs Bett, stöp­sel die Kopf­hö­rer ein und las­se mich be­rie­seln. Im Un­ter­schied zu den rich­ti­gen Fuß­ball­spie­lern hö­re ich we­der HipHop, noch tra­ge ich mo­nu­men­ta­le Kopf­hö­rer wie „de Sche­r­ohm“Boateng, der da­mit im­mer aus­sieht wie Mi­cky Maus mit zu lan­gen Bei­nen.

Mei­ne Kopf­hö­rer sind eher un­schein­bar, und ich hö­re auch kei­ne HipHop-Mu­sik, ob­wohl das in Mar­seil­le, der Haupt­stadt des fran­zö­si­schen HipHop, ei­ne an­ge­mes­se­ne Ver­beu­gung vor jün­ge­ren Tra­di­tio­nen wä­re. Ich be­gnü­ge mich zu­min­dest vor­läu­fig mit Ja­mes Tay­lor und ent­span­ne wie der leib­haf­ti­ge Jo­gi. Um 17 Uhr ist mir schon fast al­les egal.

Im Mann­schafts­bus der Jour­na­lis­ten rol­len wir zum Sta­di­on. Das heißt: Manch­mal rol­len wir zum Sta­di­on. Meist ste­hen wir. So kom­me ich in den Ge­nuss, ein wirk­lich se­hens­wer­tes Quar­tett von fran­zö­si­schen Fuß­ball­freun­den in der St­un­de, die wir für ein paar Ki­lo­me­ter vom Ho­tel zum Ve­lo­dro­me be­nö­ti­gen, gleich mehr­mals zu tref­fen. Die Jungs über­ho­len uns vor je­der gro­ßen Kreu­zung und vor je­dem Kreis­ver­kehr. Zu Fuß.

Wir schlie­ßen Freund­schaft, in­dem wir ab­wech­selnd den Dau­men zum Zei­chen re­cken, dass es uns mäch­tig gut geht. Mir, weil ich die schö­ne Aus­sicht ge­nie­ße, ih­nen, weil sie of­fen­kun­dig viel Spaß mit­ein­an­der ha­ben.

Der Ers­te trägt die Iro­ke­sen­pe­rü­cke in Na­tio­nal­far­ben, die bald aus­ver­kauft sein muss, weil wirk­lich sehr vie­le Men­schen da­mit her­um­lau­fen. Der Zwei­te hat et­was Un­de­fi­nier­ba­res – na­tür­lich in Na­tio­nal­far­ben – auf dem Kopf, der Drit­te den gal­li­schen Hahn, der Vier­te ei­nen Son­nen­schirm (in Na­tio­nal­far­ben). Sie win­ken mit ei­ner Aus­dau­er, dass ich bei­na­he schon ver­ges­se, fo­kus­siert zu sein.

Ich er­mah­ne mich ent­spre­chend und stel­le fest, wie schwer es ist, ein Pro­fi zu sein. Doch dann bin ich im Tun­nel. Und ich be­kom­me gar nicht mit, dass wir uns seit ein paar Mi­nu­ten durch ei­ne Art Ge­schäfts­vier­tel be­we­gen. .

Ich se­he des­halb auch nicht, dass es bei „Opa­ca.Lo.Cash“Ha­l­al-Bur­ger gibt und die bil­ligs­ten Ge­trän­ke nörd­lich von Afri­ka. Es ist mir auf ewig ver­bor­gen, dass das Re­stau­rant „Le Ca­pric­cio“ein Mit­tags­me­nü für zehn Eu­ro an­bie­tet. Viel­mehr: an­ge­bo­ten hat, denn es ist ver­git­tert, ver­rie­gelt, ver­ram­melt und mit Graf­fi­ti ver­ziert. Bei den Prei­sen muss man ja in die Plei­te se­geln, hät­te ich ei­gent­lich ge­dacht. Aber ich hab’s in mei­nem Tun­nel ja nicht wahr­ge­nom­men.

Im Sta­di­on ma­che ich ein paar Auf­wärm­übun­gen auf den Trep­pen zum Me­di­en­zen­trum. Den Auf­zug las­se ich lo­cker ste­hen, mit vier Wo­chen al­pi­ner Spiel­vor­be­rei­tung in Evi­an sind vier Eta­gen ein Klacks – den­ke ich. Oben pfei­fe ich un­ge­fähr so wie nach der Erst­be­zwin­gung des Bergs in Evi­an. Ich las­se mir nichts an­mer­ken und spre­che erst mal ei­ne St­un­de lang nicht.

Dann wird’s auch schon Zeit für die Tri­bü­ne. Ich blei­be fo­kus­siert, 45 Mi­nu­ten, 90 Mi­nu­ten. Hilft aber nicht. La Mann­schaft ver­ab­schie­det sich aus dem Tur­nier.

Auf dem Rück­weg bin ich nicht mehr fo­kus­siert. Des­halb se­he ich vie­le Mo­ped-Fah­rer mit fran­zö­si­schen Fah­nen und tau­sen­de fei­ern­de Men­schen. Es ist die ers­te gro­ße EM-Par­ty.

Für mich ist sie lei­der vor­bei.

FOTO: DPA

Hu! Die Fran­zo­sen kön­nen ja doch fei­ern. Nach dem Sieg ge­gen Deutsch­land in­i­tier­ten sie mit den Fans den Schlacht­ruf der Is­län­der.

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