Ir­lands Angst vor den Br­ex­it-Fol­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - VON RAINER KIEBAT

Die Ent­schei­dung der Bri­ten, die EU zu ver­las­sen, be­un­ru­higt den Frei­staat. Die Gren­ze zu Nord­ir­land ist so gut wie un­sicht­bar. Jetzt fürch­ten die An­woh­ner um das hart er­ar­bei­te­te Wirt­schafts­wachs­tum. Ein Be­such im Grenz­ge­biet.

DU­BLIN/BELFAST (dpa) Wer vom Stadt­rand Du­blins auf die M1-Au­to­bahn fährt, ist in knapp zwei St­un­den in Belfast. Die Gren­ze zwi­schen der Re­pu­blik Ir­land und dem bri­ti­schen Nord­ir­land nimmt man erst wahr, wenn sich die Au­to­bahn­schil­der än­dern. Nach­dem man die im­po­san­te Ma­ry-McA­lee­se-Boy­ne-Val­ley-Brü­cke über­quert hat – die von der EU mit­fi­nan­ziert und nach der ehe­ma­li­gen iri­schen Prä­si­den­tin Ma­ry McA­lee­se be­nannt ist – er­reicht man das ein­zi­ge Hin­der­nis auf dem wich­ti­gen Han­dels­weg zwi­schen zwei EU-Staa­ten.

Selbst das ist aber nur ei­ne Maut­stel­le. In vie­len Pri­vat­fahr­zeu­gen und in den meis­ten Last­wa­gen er­tönt ein kur­zes Pie­pen, und die Ge­bühr wird mo­nat­lich ab­ge­bucht. Da­nach geht es un­ge­hin­dert oh­ne Zol­lund Grenz­kon­trol­len wei­ter in den Nor­den. Noch. Denn falls Groß­bri­tan­ni­en die Ent­schei­dung der Br­ex­itVolks­ab­stim­mung um­setzt und die EU ver­lässt, ver­läuft zwi­schen Ir­land und Nord­ir­land die EU-Au­ßen­gren­ze. Was wür­de das für den Han­del be­deu­ten?

Or­la Hayes, die Mar­ke­ting-Ma­na­ge­rin des Car­rick­da­le Ho­tels in Car­rick­car­non, di­rekt an der Gren­ze, spricht von der Ent­täu­schung über das Er­geb­nis des Re­fe­ren­dums, in dem 52 Pro­zent der Bri­ten für den Br­ex­it stimm­ten. Das wür­de sich sehr ne­ga­tiv auf das Ho­tel aus­wir­ken: „Wir sind hier ide­al ge­le­gen für Ge­schäfts­leu­te, die un­se­re Kon­fe­renz­räu­me nut­zen. Ich be­fürch­te, dass vie­le ei­nen wei­ten Bo­gen ma­chen wür­den, wenn es an der Gren­ze wie in al­ten Zei­ten aus­sä­he.“

Vom Ho­tel sind es nur ein paar hun­dert Me­ter zur Gren­ze. Ge­ra­de noch in der Re­pu­blik liegt der Hof von „Tho­mas­town Trucks“, voll mit Lkw. Die Kenn­zei­chen sind irisch und nord­irisch – wie die Kun­den des flo­rie­ren­den Un­ter­neh­mens. Grün- der Ar­thur McPar­land glaubt nicht, dass der Br­ex­it wirk­lich kommt: „Es wird ein zwei­tes Re­fe­ren­dum ge­ben.“Die Gren­ze we­ni­ge Me­ter hin­ter der Aus­fahrt sei­nes Hofs ist nur an den Mar­kie­run­gen am Stra­ßen­rand zu er­ken­nen: gelb in Ir­land, weiß in Nord­ir­land.

Groß­bri­tan­ni­en und Ir­land tau­schen je­de Wo­che Wa­ren und Di­enst­leis­tun­gen im Wert von mehr als ei­ner Mil­li­ar­de Eu­ro aus. Der bri- ti­sche Nach­bar ist mit Ab­stand Ir­lands wich­tigs­ter Han­dels­part­ner. Und die Gren­ze, die man we­der sieht noch spürt, ist Nor­ma­li­tät ge­wor­den. Das soll so blei­ben, da sind sich Po­li­ti­ker in Du­blin und Belfast ei­nig. Grenz- und Zoll­kon­trol­len wür­den nie­man­dem nut­zen. Da­her wol­len die Po­li­ti­ker in den Aus­tritts­ver­hand­lun­gen er­rei­chen, dass der „Ge­mein­sa­me Rei­se­be­reich“zwi­schen Ir­land und dem UK er­hal­ten bleibt. Die be- son­de­re Si­tua­ti­on zwi­schen den Län­dern soll­te von den EU-In­sti­tu­tio­nen ge­wür­digt wer­den, for­der­ten Ir­lands Pre­mier En­da Ken­ny und die nord­iri­sche First Mi­nis­te­rin Ar­le­ne Fos­ter.

Die Nord­iren ha­ben mehr­heit­lich ge­gen den Br­ex­it ge­stimmt. Doch po­li­ti­sche Be­ob­ach­ter wie Fin­tan O’Too­le von der „Irish Ti­mes“se­hen bei den re­gie­ren­den Kon­ser­va­ti­ven in London we­nig Sym­pa­thie für nord­iri­sche Selbst­be­stim­mung. „Ir- land muss auf al­len Ebe­nen dar­auf be­ste­hen, dass Nord­ir­land in der EU bleibt“, for­dert er.

An­de­rer­seits: Man­che pro­fi­tie­ren von den un­mit­tel­ba­ren Fol­gen des Br­ex­it-Re­fe­ren­dums, et­wa das gro­ße Ein­kaufs­zen­trum in Ne­wry. Der ak­tu­el­le Wech­sel­kurs macht es für Iren wie­der in­ter­es­sant, hier ein­zu­kau­fen, nach­dem das bri­ti­sche Pfund seit dem 23. Ju­ni ab­ge­stürzt ist. Aber das ist auch nur ein Aspekt.

FOTO: GET­TY

Ei­ne Gren­ze zwi­schen Ir­land und Nord­ir­land wie vor 66 Jah­ren – das ist der­zeit der Alp­traum vor al­lem vie­ler Un­ter­neh­mer im Frei­staat.

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