Das gan­ze Le­ben in ei­nem Film

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FILM - VON MAR­TIN SCHWICKERT

„Un­se­re klei­ne Schwes­ter“bie­tet hoch­wer­ti­ges Fa­mi­li­en­ki­no aus Ja­pan.

Fil­me wie Ha­ro­ka­zus Ko­re-Edas „Un­se­re klei­ne Schwes­ter“gibt es viel zu sel­ten. Fil­me, die schein­bar dem Le­ben beim Ver­ge­hen zu­schau­en, an­statt ih­re Ge­schich­ten ge­walt­sam zu dra­ma­ti­sie­ren. Fil­me, die sich von der Lie­be zu ih­ren Cha­rak­te­ren näh­ren und in de­nen je­des Bild ein Ge­nuss ist.

Die drei Schwes­tern Sa­chi (Aya­se Ha­ru­ka), Yo­shi­no (Na­gasa­wa Ma­sa­mi) und Chi­ka (Kaho) hat­ten es nicht im­mer leicht. Der Va­ter hat die Fa­mi­lie vor 15 Jah­ren we­gen ei­ner an­de­ren Frau ver­las­sen. Die Mut­ter konn­te die Schmach nicht er­tra­gen und ist eben­falls weg­ge­zo­gen. Die äl­tes­te Schwes­ter Sa­chi hat früh Ver­ant­wor­tung über­nom­men und steht auch heu­te noch nach der Ar­beit im Kran­ken­haus am Herd, um ih­re Ge­schwis­ter zu be­ko­chen.

Auf der Be­er­di­gung des Va­ters ler­nen sie ih­re Halb­schwes­ter Su­zu (Hi­ro­se Su­zu) ken­nen. Aus ei­nem Im­puls her­aus bie­tet Sa­chi der ver­lo­ren wir­ken­den 14-Jäh­ri­gen an, bei ih­nen zu woh­nen. Mit der neu­en klei­nen Schwes­ter ver­schiebt sich fast un­merk­lich das ein­ge­fah­re­ne Be­zie­hungs­ge­fü­ge im Haus. Un­ge­heu­er fein be­ob­ach­tet der ja­pa­ni­sche Re­gis­seur Ko­re-Eda („Li­ke Fa­ther, Li­ke Son“) die Nuan­cen der emo­tio­na­len Ve­rän­de­rung. Vie­les er­zählt sich hier über den häus­li­chen All­tag, das ge­mein­sa­me Es­sen, ge­müt­li­ches Her­um­hän­gen oder der Zu­be­rei­tung von Pflau­men­wein aus den Früch­ten im Gar­ten.

Ei­gent­lich ist dies die Ge­schich­te ei­ner dys­funk­tio­na­len Fa­mi­lie, aber „Un­se­re klei­ne Schwes­ter“hat nichts mit den Fa­mi­li­en­auf­stel­lungs­dra­men zu tun, wie sie das eu­ro­päi­sche oder ame­ri­ka­ni­sche Ki­no aus sol­cher­lei Kon­stel­la­tio­nen her­aus ent­wi­ckeln. Nicht das zu­ge­spitz­te Dra­ma ist Ziel der Er­zäh­lung, son­dern der Fluss des Le­bens, der mit den Men­schen nun ein­mal an­ders ver­fährt als es the­ra­peu­ti­sche Dreh­buch­kon­zep­te tun. Ko­re-Eda ver­traut in die­sem wun­der­bar fo­to­gra­fier­ten Film der sinn­li­chen Wahr­neh­mung mehr als aus­for­mu- lier­ten Dia­lo­gen. Es ist kein Zu­fall, dass die Zu­be­rei­tung von Spei­sen und die ge­mein­sa­men Mahl­zei­ten in der Kom­mu­ni­ka­ti­on der Ge­schwis­ter ei­ne zen­tra­le Rol­le spie­len. Die köst­li­chen Ge­rich­te sind hier Ge­nuss, Zu­nei­gungs­be­kun­dung und Er­in­ne­rung zugleich.

Man sehnt sich förm­lich nach ei­nem Koch­buch zum Film. Un­se­re klei­ne Schwes­ter,

FOTO: VERLEIH

Die wun­der­ba­ren Sa­chi-Schwes­tern, bei de­nen man di­rekt ein­zie­hen möch­te.

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