WO­CHE­N­EN­DE 9./10. JU­LI 2016

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SOMMERRÄTSEL -

sol­len in­zwi­schen mit­ten un­ter uns le­ben.

Und sie sind längst nicht im­mer spie­ßig ge­we­sen. Das kommt erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg, als die Gär­ten kei­ne Nutz­gär­ten mehr sein muss­ten und so­mit aus­rei­chend Platz zur Gestal­tung blieb. Der wur­de mehr oder we­ni­ger fein­sin­nig ge­nutzt – eben auch mit Gar­ten­zwer­gen, die mit der in­dus­tri­el­len Fer­ti­gung nicht zu den schöns­ten ih­rer Gat­tung ge­hö­ren. Im­mer kit­schi­ger sind sie ge­wor­den, viel glat­ter und ste­reo­ty­per. Der Gar­ten­zwerg der Nach­kriegs­zeit be­kommt ein Bäuch­lein, er bleibt flei­ßig und schätzt die wohl­ver­dien­te Pau­se. Kaum ein Be­rufs­stand, der nicht gar­ten­zwer­ge­risch dar­ge­stellt wird.

In den Wirt­schafts­wun­der­jah­ren wird der Gar­ten­zwerg zum Ac­ces­soire pro­vin­zi­el­ler Ge­müt­lich­keit, er ist ein Stück Hei­mat, ei­ner, der sei­ne Schol­le liebt und die­se auch red­lich be­ar­bei­tet. Der Vor­gar­ten und der Schre­ber­gar­ten sind sei­ne be­vor­zug­ten Bio­to­pe.

Für ty­pisch deutsch hal­ten das heu­te noch Tou­ris­ten. Und so ist ne­ben der Ku­ckucks­uhr der Gar­ten­zwerg ein wich­ti­ger Ex­port­schla­ger ge­wor­den. Nach Ja­pan und den USA vor al­lem, aber auch nach Skan­di­na­vi­en, wo mit ih­nen ein ul­ki­ger Brauch ent­stand. Dort wer­den in der Sil­ves­ter­nacht klei­ne Gar­ten­zwer­ge aus Ton zer­trüm­mert. Auch die­se Scher­ben sol­len Glück brin­gen. Wo­bei die Gar­ten­zwerg-Geg­ner hier­zu­lan­de an die­sem Wich­telMas­sa­ker ih­re grim­mi­ge Freu­de ha­ben dürf­ten.

Doch manch­mal fährt der Gar­ten­zwerg auch aus sei­ner ei­ge­nen Haut und wird kur­zer­hand Aben­teu­rer. Im Ki­no­film „Die fa­bel­haf­te Welt der Amé­lie“reist er um die hal­be Welt und do­ku­men­tiert sei­ne Ex­pe­di­ti­on mit Fo­tos.

Doch nicht im­mer durf­ten die Winz­lin­ge auch Lieb­lin­ge der Deut­schen sein. Die DDR-Mäch­ti­gen lehn­ten sie ab als ty­pi­sches Pro­dukt des Ka­pi­ta­lis­mus, aber auch aus äs­the­ti­schen Grün­den. Die Na­zis fan­den gleich­falls we­nig Ge­fal­len am bunt be­mal­ten Gnom. Er wur­de im so­ge­nann­ten Drit­ten Reich eher als stö­ren­des Ele­ment emp­fun­den und ent­lang der Wein­stra­ße so­gar ver­bo­ten. Zwi­schen all ger­ma­ni­schen Hel­den – wie die Na­zis sie sich so vor­stell­ten – soll­te in Deutsch­land nichts Klein­wüch­si­ges oder auch Skur­ri­les die Sym­pa­thi­en der Volks­an­ge­hö­ri­gen we­cken.

Da­bei er­zählt der Gar­ten­zwerg – als er noch Gnom ge­nannt wur­de – die span­nen­de Ge­schich­te von Klein­wüch­si­gen, die be­son­ders in der Phan­ta­sie der Men­schen ein Ei­gen­le­ben füh­ren. Im spä­ten Mit­tel­al­ter sind sie Hof­nar­ren oder wer­den als klei­ne Sen­sa­ti­on auf Jahr­märk­ten zur Schau ge­stellt.

An­de­re ar­bei­ten in nied­ri­gen Stol­len. Und ih­re Zip­fel­müt­ze ist ein In­diz die­ser be­schwer­li­chen Schuf­te­rei. Mit Stroh ge­füllt sol­len ih­re put­zi­gen Hü­te die Hö­he des fins­te­ren Berg­bau-Stol­lens er­ah­nen las­sen, oh­ne dass man sich da­bei die ei­ge­ne Rü­be blu­tig stößt. Ur­sprüng­lich reich­te die ei­gen­wil­li­ge Kopf­be­de­ckung ih­nen so­gar bis über die Schul­tern – als ein for­mi­da­bler Schutz vor al­ler­lei Dreck. Auch da­von gibt es in Zons jetzt noch ein paar al­te Fi­gu­ren zu se­hen.

Doch „or­dent­li­che“Berg­leu­te wer­den sie nie. Viel­mehr scheint ein Zau­ber sie zu um­hül­len, im Gu­ten wie im Schlech­ten. An Le­gen­den und Mär­chen man­gelt es je­den­falls nicht, um das Volk der Klei­nen noch ge­heim­nis­vol­ler zu ma­chen. Manch­mal sind sie flei­ßig wie die Hein­zel­männ­chen, manch­mal sor- gend wie Schnee­witt­chens sie­ben Zwer­ge. Aber sie kön­nen auch bö­se sein. Rum­pel­stilz­chen ist so ein üb­ler Ge­sel­le.

Die Deut­schen ha­ben sich da­mit ihr ei­ge­nes klei­nes Sa­gen­volk ge­schaf­fen, die auch als Ko­bol­de und Haus­geis­ter mun­ter in den Köp­fen der Men­schen rum­spu­ken. Das Mär­chen­haf­te ih­rer Exis­tenz im 18. und 19. Jahr­hun­dert wur­de ih­nen zur Ein­tritts­kar­te für die gro­ßen herr­schaft­li­chen Gär­ten und Land­schafts­parks. In ver­meint­li­cher Le­bens­grö­ße – bis zu 140 Zen­ti­me­tern hoch – soll­ten sie für ein paar Über­ra­schungs­ef­fek­te in­mit­ten der Na­tur sor­gen. Der Gar­ten­zwerg wird zum Sta­tus­sym­bol, das auch fürs Groß­bür­ger­tum in­ter­es­sant wird. Jetzt aber im deut­lich klei­ne­ren und so­mit auch er­schwing­li­chen For­mat.

Die al­ten Fo­tos aus den An­fän­gen des 20. Jahr­hun­derts zei­gen ein ganz und gar un­ge­bro­che­nes Ver­hält­nis der Men­schen zum Gar­ten­zwerg. Es ist sei­ne Blü­te­zeit. Bei der Kaf­fee­ta­fel der fei­nen Da­men darf ein Zwerg aus Ton auf den Kni­en der Haus­her­rin ver­wei­len. Und al­le an­de­ren tun grad so, als sei es ein Schoß­hünd­chen.

Ei­ne an­de­re vor­neh­me Frau po­siert vor dem Fo­to­gra­fen al­lein mit ih­rem Gar­ten­zwerg-Lieb­ling; da­bei trägt sie ei­nen Hut, der selbst auf Ga­lopp­renn­bah­nen Auf­se­hen er­re­gen wür­de. In ih­rer Hal­tung und ih­rer Ge­wan­dung kommt vor al­lem der enor­me Stolz der Zwer­gen-Be­sit­ze­rin zum Aus­druck. Was al­les ist ge­sche­hen bis zu je­ner Fo­to­gra­fie aus den 1970er Jah­ren. Stu­den­ten hat­ten die Vor­gär­ten ih­rer Stadt ge­plün­dert und al­le er­beu­te­ten Gar­ten­zwer­ge im Stadt­park um ei­nen Brun­nen ge­stellt. Die in Zons do­ku­men­tier­te Tat war nur von be­schei­de­ner an­ar­chi­scher Kraft. Denn al­le Gar­ten­zwer­ge hat­te man zu­vor re­gis­triert und nach der Ak­ti­on wie­der nach Hau­se ge­bracht.

Gar­ten­zwerg-Ka­ri­ka­tu­ren gibt es in Zons auch zu se­hen; auf man­che aber wur­de auch ver­zich­tet, wie auf den Ex­hi­bi­tio­nis­ten. Wie im­mer man zu Gar­ten­zwer­gen steht: Sei­ne Ge­schich­te ist oft auch Teil un­se­rer Ge­schich­te. Und für sei­ne ziem­lich ge­mei­ne Er­mor­dung in stu­den­tisch über­mü­ti­ger Zeit ent­schul­di­gen wir uns an die­ser Stel­le nach­träg­lich.

Der Gar­ten­zwerg wird zum Sta­tus­sym­bol und im 19. Jahr­hun­dert

auch in­ter­es­sant fürs Groß­bür­ger­tum

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