Pol­ni­sche Trau­er­mu­si­ken für al­le To­ten und Le­ben­den

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON WOLF­RAM GOERTZ

Spi­ri­tua­li­tät aus War­schau: Geist­li­che Wer­ke ha­ben in Po­len ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on – et­wa bei den Kom­po­nis­ten Lu­toslaw­ski, Szy­ma­now­ski und Pen­der­ecki.

WAR­SCHAU Die gan­ze deut­sche Na­ti­on über­kam lust­vol­ler Schau­der, wenn die­se Mu­sik er­klang und den Mo­de­ra­tor Ger­hard Lö­wen­thal an­kün­dig­te, sei­nes Zei­chens Mo­de­ra­tor und Chef­an­klä­ger im „ZDF-Ma­ga­zin“. Die­se von 1969 bis 1988 re­gel­mä­ßig aus­ge­strahl­te Fern­seh­sen­dung küm­mer­te sich mit ei­ner ge­wis­sen Grund­wut um den kom­mu­nis­ti­schen Os­ten, vor al­lem die ehe­ma­li­ge DDR. Die Tö­ne je­ner Mu­sik stampf­ten, ge­witt­ri­ge Strei­cher fuh­ren in wil­den Sex­ten ab­wärts – kurz­um: ei­ne sen­sa­tio­nel­le Mu­sik von be­trächt­li­chem Er­leb­nis­ni­veau. Wenn sie sich im Kon­zert­saal wie­der­fand, flo­gen die Köp­fe der Hö­rer wie an­ge­piekst her­um: Das kann­ten sie. Auch heu­te noch geht durch je­des deut­sche Pu­bli­kum ein Rau­nen, wenn die­se Mu­sik er­klingt.

Es han­delt sich um das „Kon­zert für Orches­ter“(1954) von Wi­told Lu- toslaw­ski (1914–1994), ein Meis­ter­werk des 20. Jahr­hun­derts und ein Pa­ra­de­bei­spiel auch für die po­li­ti­sche Tau­wet­ter­pha­se in Po­len. Kom­po­niert hat es ein Künst­ler, des­sen gran­dio­se Mu­sik in ih­rer Be­deu­tung noch längst nicht ge­wür­digt ist. Sei­ne „Trau­er­mu­sik“, die „Jeux véniti­ens“, das Kla­vier­kon­zert, die Sin­fo­ni­en oder „Les es­paces du som­meil“für Ba­ri­ton und Or- ches­ter – das sind im wahrs­ten Sin­ne un­er­hör­te Gip­fel­wer­ke, die man sich gern häu­fi­ger auf Pro­gram­men wünscht.

Über­haupt ist die Mu­sik un­se­res öst­li­chen Nach­bar­lan­des hier­zu­lan­de kaum so be­kannt wie die­je­ni­ge aus Frank­reich. Al­le ken­nen De­bus­sy und Ra­vel, aber wer kennt Ka­rol Szy­ma­now­ski? Trotz um­fang­rei­cher Be­mü­hun­gen sei­ner An­hän­ger hat die­ser pol­ni­sche Kom­po­nist (1882– 1937) die Wahr­neh­mungs­schwel­le des in­ter­na­tio­na­len Mu­sik­pu­bli­kums nie über­tre­ten kön­nen. Das ist in­so­fern scha­de, als er im Zwi­schen­fach von Spät­ro­man­tik und Im­pres­sio­nis­mus si­cher ei­ner der span­nends­ten Kom­po­nis­ten über­haupt war – sei­ne Ten­ta­keln re­gis­trier­ten so­gar Im­pul­se von Alex­an­der Skrja­bin und den rus­si­schen Fu­tu­ris­ten.

Szy­ma­now­ski und Lu­toslaw­ski, die ein­an­der nur ein­mal be­geg­net sind, ver­bin­det ei­ne tie­fe spi­ri­tu­el­le Ader. Lu­toslaw­skis „Trau­er­mu­sik“für Streich­or­ches­ter ist dem An­den­ken des Kom­po­nis­ten Bé­la Bar­tók ge­wid­met; die Mu­sik fin­det in ih­rer de­pres­si­ven Stim­mung nicht mehr zu­rück in die Welt der Le­ben­den, und wer ein­mal je­ne er­grei­fen­de Stel­le des „Apo­gäums“ge­hört hat, die in der As­tro­no­mie den erd­ferns­ten Punkt in der Um­lauf­bahn ei­nes Kör­pers be­schreibt, der ahn­te, wel­che Re­gio­nen Lu­toslaw­ski mein­te: Er dach­te an Bar­tók, den fer­nen Bru­der im Geis­te, der wie er ein zu­tiefst po­li­tisch den­ken­der Künst­ler war.

Szy­ma­now­ski auf der an­de­ren Sei­te war ein eben­so frei­er Geist, der gleich­wohl – in sei­nen jün­ge­ren, na­tio­nal­be­wusst an­ge­hauch­ten Jah­ren – ein „Sta­bat Ma­ter“kom­po­niert hat. Man mag da­rin ei­nen Re­flex auf die pol­ni­sche Ma­ri­en­fröm­mig­keit se­hen, ob­wohl sich der Kom­po­nist tra­di­tio­nel­ler pol­ni­scher Me­lo­di­en und Rhyth­men be­dient. Zugleich war das Werk mit pri­va­ten Sor­gen be­schwert: Sei­ne ge­lieb­te Nich­te war ge­stor­ben, und Szy­ma­now­ski schrieb das „Sta­bat Ma­ter“denn auch als Trost­mu­sik für sei­ne trau- ern­de Schwes­ter, die Mut­ter des Kin­des.

In un­se­ren Jah­ren liegt das in­ter­na­tio­na­le Au­gen­merk vor al­lem auf Kr­zystz­of Pen­der­ecki (1933 ge­bo­ren), der einst als ve­he­men­ter Klang­or­ga­ni­sa­tor auf sich auf­merk­sam mach­te, spä­ter je­doch ei­nen Weg zu weit­aus kon­ven­tio­nel­le­ren Klän­gen fand. Sei­nem deut­schen Pu­bli­kum ist er vor al­lem durch sei­ne vor ge­nau 50 Jah­ren in Müns­ter ur­auf­ge­führ­te „Lu­kas-Pas­si­on“be­kannt. Im Jahr da­nach (1967) ließ er – be­reits als Akt ei­nes po­li­tisch-ka­tho­li­schen Be­kennt­nis­ses – das „Dies Irae“als „Ora­to­ri­um zum Ge­dächt­nis der Op­fer von Au­schwitz“fol­gen. Bei­de Wer­ke um­krei­sen – wie spä­te­re geist­li­che Wer­ke Pen­der­e­ckis auch – bi­bli­sche The­men und theo­lo­gisch-lit­ur­gi­sche Tex­te. Zugleich be­trei­ben sie ei­ne Äs­t­he­ti­sie­rung der Dis­so­nanz. Bei Pen­der­ecki gibt es vie­le Schre­cken, die sich in Ver­söhn­lich­keit auf­lö­sen.

Pen­der­e­ckis „Lu­kas-Pas­si­on“wur­de

vor 50 Jah­ren in Müns­ter ur­auf­ge­führt

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