Viel­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Dass das ziem­lich un­wahr­schein­lich war, ver­ur­sach­te ihm ein schlech­tes Ge­wis­sen. Doch wenn Lau­rence recht hat­te, muss­te er et­was Pro­vo­zie­ren­des tun und im bild­li­chen Sinn die Mus­keln spie­len las­sen, da­mit Eva end­lich auf­wach­te. Und da war der Gang zum Im­mo­bi­li­en­mak­ler ge­nau das Rich­ti­ge. Er hat­te nur das Haus, die Kat­ze oder sich selbst zur Aus­wahl. Und er woll­te we­der Lu­ther in Gei­sel­haft neh­men noch aus Trotz mit je­man­dem ins Bett stei­gen, wie Lau­rence ihm ge­ra­ten hat­te.

Wie sich her­aus­stell­te, gab es kei­nen schlim­me­ren Ero­tik­kil­ler als die Tat­sa­che, dass man nicht lan­ge nach der Hoch­zeit von sei­ner Frau ver­las­sen wor­den war. Er fühl­te sich, als hät­te Eva ihm Schlä­ge in Kopf, Brust und Bauch ver­ab­reicht und ge­wis­se Kör­per­funk­tio­nen un­ter­halb die­ser Zo­ne ab­ge­schal­tet. Bei der Vor­stel­lung, ei­ne will­kür­li­che Af­fä­re an­zu­fan­gen und ei­nen an­de­ren Men­schen zu be­nut­zen wie die Pup­pe im Ers­te-Hil­fe-Kurs, wur­de ihm ein we­nig übel, und ihm war trau­rig zu­mu­te. Sich als po­ten­zi­ell Ge­schie­de­ner mit ge­bro­che­nem Her­zen, der sei­ner Ver­flos­se­nen nach­heul­te, so­bald sein neu­es­tes Sex­spiel­zeug im Ta­xi saß, auf­zu­füh­ren wie ein Zwan­zig­jäh­ri­ger? Nein dan­ke. In so ei­nem Jam­mer­tal hat­te man kei­ne Lust auf Ge­sell­schaft.

Ja­mes steck­te das Te­le­fon ein, kehr­te an sei­nen Schreib­tisch zu­rück und schlug den Ter­min­ka­len­der auf. Er wür­de die­sen Ter­min als Mee­ting tar­nen müs­sen. Was konn­te er als Mee­ting zu Hau­se ver­kau­fen? Nicht viel, wie sich her­aus­stell­te. Al­ler­dings brauch­te er ei­ne glaub­haf­te Aus­re­de, denn Har­ris war auf dem Kriegs­pfad und such­te nach Grün­den, um ihm ans Bein zu pin­keln.

Har­ris war ei­gent­lich gar nicht sein Vor­ge­setz­ter, hat­te je­doch ei­nen gu­ten Draht zu den In­ha­bern von Par­lez, ei­nem un­ver­schämt rei­chen Paar in den Fünf­zi­gern na­mens Jez und Fi (bloß nicht Je­re­my und Fio­na!). Der­zeit wa­ren sie da­bei, ihr Pas­siv­haus in Um­bri­en um­zu­bau­en, das so­gar in der Sen­dung Gro­ße Träu­me, gro­ße Häu­ser vor­ge­stellt wor­den war. An­ge­sichts der Tat­sa­che, dass die ur­sprüng­li­che Bau­sum­me weit über­schrit­ten wor­den war und die Ein­hei­mi­schen ih­nen mit Mord­dro­hun­gen nach­stell­ten, hät­te Gro­ße Tor­hei­ten, gro­ßer Är­ger wohl bes­ser ge­passt.

Har­ris war das nie­mals blin­zeln­de Au­ge der bei­den und wür­de ih­nen si­cher bald sei­nen Mo­nats­be­richt ab­lie­fern. Die Ru­brik „Schlur­fis und Witz­bol­de“wür­de ver­mut­lich ei­nen nicht un­be­trächt­li­chen Pro­zent­satz die­ses Be­richts ein­neh­men, und Ja­mes stand be­reits auf Har­ris’ schwar­zer Lis­te. Denn Har­ris wuss­te sei­ner­seits, dass Ja­mes ihn nicht ab­konn­te.

Mo­ment mal. Das Theo­do­ra-Pro­jekt. Er hat­te sich no­tiert, dass er die für die App aus­ge­wähl­ten Ex­po­na­te noch mal mit die­sem An­na-Mäu­schen vom UCL durch­spre­chen muss­te. Woll­te er, dass sie zu ihm nach Hau­se kam? Nicht un­be­dingt . . . aber die Sa­che wür­de ja höchs­tens ein bis zwei St­un­den dau­ern. Au­ßer­dem war sie beim letz­ten Mal im Bri­tish Mu­se­um ganz in Ord­nung ge­we­sen. Er be­schloss, zu Kreu­ze zu krie­chen und ihr ei­ne Mail zu schi­cken, in der er sich da­für ent­schul­dig­te, dass das Tref­fen we­gen sa­ni­tä­rer Pro­ble­me lei­der bei ihm zu Hau­se statt­fin­den müs­se. „Was kannst du uns über dei­ne Neue er­zäh­len, al­ter Jun­ge?“, hör­te er Har­ris hin­ter sich fra­gen. Har­ris rück­te sei­nen kreisch­blau­en Samt­hut mit Krem­pe zu­recht, der von ei­ner Fe­der im Hut­band auf­ge­peppt wur­de. Es war nur sein dritt­scheuß­lichs­ter.

(Fort­set­zung folgt)

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