Die neue Kon­fron­ta­ti­on mit Russ­land

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS - VON GRE­GOR MAYNTZ

BER­LIN Die Na­to-Ent­schei­dung, je tau­send zu­sätz­li­che Sol­da­ten in Est­land, Lett­land, Li­tau­en und Po­len zu sta­tio­nie­ren, ist für die Lin­ke in Deutsch­land die „Vor­be­rei­tung für den Kal­ten Krieg 2.0“. Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger Mich­ail Gor­bat­schow arg­wöhnt so­gar, da­mit ge­he die Na­to zur Vor­be­rei­tung ei­nes hei­ßen Krie­ges über – weil Russ­land zu har­ten und ge­fähr­li­chen Re­ak­tio­nen pro­vo­ziert wer­de. Hat der Na­to-Gip­fel in War­schau Eu­ro­pa al­so tie­fer in ei­ne Si­tua­ti­on es­ka­lie­ren­der Kon­fron­ta­ti­on ge­bracht?

Seit der Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz von 2007 ist der Kal­te Krieg zu­min­dest als Be­griff und po­ten­zi­el­les Ge­fühl zu­rück. Da­mals hat­te Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin dem Wes­ten den Bruch vie­ler Ver­ein­ba­run­gen und ein per­ma­nen­tes Vor­rü­cken in Rich­tung Russ­land vor­ge­wor­fen. Auch in Deutsch­land gibt es vie­le, die Mos­kaus Sicht gut nach­voll­zie­hen kön­nen. Und nun wird aus­ge­rech­net in der Stadt, die dem War­schau­er Pakt sei­nen Na­men gab, be­schlos­sen, dass mehr Na­to-Sol­da­ten auf ehe­mals so­wje­ti­sches Ter­ri­to­ri­um ge­schickt wer­den. Ob­wohl die Na­to-Russ­land-Gr­und­ak­te Ver­stär­kun­gen un­ter­sagt.

Das Bünd­nis be­haup­tet, da­mit kei­ne Ver­trä­ge zu ver­let­zen, da es sich nicht um ei­ne dau­er­haf­te Sta­tio­nie­rung han­de­le. Der Kal­te Krieg sei Ge­schich­te und sol­le es blei­ben, ver­si­cher­te Na­to-Ge­ne­ral­se­kre­tär Jens Stol­ten­berg. Um den Wort­laut der Gr­und­ak­te ein­zu­hal­ten, sol­len die Sol­da­ten „ro­tie­ren“, al­so nur für ei­ne be­stimm­te Zeit blei­ben und dann von Ka­me­ra­den ab­ge­löst wer­den. Deutsch­land schickt vor­aus­sicht­lich 500 Pan­zer­gre­na­die­re nach Li­tau­en und über­nimmt dort die Füh­rung, wei­te­re kom­men ver­mut­lich von den Be­ne­lux-Staa­ten, Nor­we­gen und Frank­reich.

Wie lan­ge die zu­sätz­li­che Prä­senz in Russ­lands Nach­bar­schaft bleibt, macht Li­tau­ens Prä­si­den­tin Da­lia Gry­bau­skai- te vom Ver­hal­ten Pu­tins ab­hän­gig: „Wenn er dar­auf be­steht, dass es län­ger dau­ert, wird es län­ger dau­ern.“Da­mit ver­weist sie auf Mos­kau als ei­gent­li­chen Ur­he­ber und auf die Ängs­te, die nach der ver­kapp­ten In­va­si­on der Krim mit nach­fol­gen­der Be­set­zung und Anne­xi­on in den Ost­län­dern ent­stan­den sind. Tau­sen­de Ak­teu­re hat­te Russ­land durch Ma­nö­ver in die Nä­he der Krim ge­bracht. Die Viel­zahl ähn­li­cher Ma­nö­ver und Alarm­übun­gen, bei de­nen tau­sen­de Sol­da­ten wie­der­holt Rich­tung Wes­ten ver­legt wer­den, las­sen die Be­fürch­tun­gen wach­sen, Mos­kau pla­ne Ähn­li­ches et­wa mit den bal­ti­schen Staa­ten.

Ste­cken wir in ei­ner Spi­ra­le der Miss­ver­ständ­nis­se? Russ­land sagt, es agie­re so, weil es sich vom Wes­ten ver­drängt und un­ter Druck ge­setzt fühlt, dar­auf­hin füh­len sich die neu­en Na­to-Mit­glie­der von Russ­land be­drängt und un­ter Druck ge­setzt, wor­auf Russ­land... – tat­säch­lich hat Mos­kau auf die zu er­war­ten­de Ver­stär­kung der Na­to-Flan­ke durch vier Ba­tail­lo­ne mit „ro­tie­ren­den“Sol­da­ten längst re­agiert und be­schlos­sen, sei­ner­seits in den Grenz­re­gio­nen auf Dau­er drei zu­sätz­li­che Di­vi­sio­nen zu sta­tio­nie­ren. 4000 Sol­da­ten mehr im Wes­ten be­wirk­ten al­so min­des­tens 30.000 Sol­da­ten mehr im Os­ten.

Mög­li­cher­wei­se er­klärt sich dar­aus auch die re­la­tiv mo­de­ra­te Kom­men­tie­rung der Na­to-Be­schlüs­se durch den Kreml. Pu­tin über­ließ es einst­wei­len Gor­bat­schow, mög­li­che wei­te­re und „ge­fähr­li­che“Re­ak­tio­nen in den Raum zu stel­len. Das rus­si­sche Au­ßen­mi­nis­te­ri­um be­klag­te le­dig­lich ei­ne „Dä­mo­ni­sie­rung“Russ­lands und kri­ti­sier­te, dass die Na­to ih­re Kräf­te dar­auf kon­zen­trie­re, ei­ne nicht exis­tie­ren­de Ge­fahr aus dem Os­ten ein­zu­däm­men. Mit be­son­de­rem In­ter­es­se ver­zeich­ne­ten Di­plo­ma­ten zu­dem, dass der für Mitt­woch ge­plan­te Na­to-Russ­land-Rat von Mos­kau nicht ab­ge­sagt wur­de. So­mit sind of­fen­bar bei­de Sei­ten ge­willt, die bei­der­seits be­ton­te Ge­sprächs­be­reit­schaft aus­zu­tes­ten.

Auf zwei Ebe­nen hat sich das Ver­hält­nis zwi­schen der Na­to und Russ­land ver­än­dert. Bei der mit­tel- und lang­fris­ti­gen Po­si­tio­nie­rung ist die Skep­sis ge­gen­über Mos­kau ge­wach­sen. Auch das neue Weiß­buch über die si­cher­heits­po­li­ti­schen Grund­ori­en­tie­run­gen Deutsch­lands, das die Bun­des­re­gie­rung über­mor­gen be­schlie­ßen will, wird da­von zeu­gen: Be­tont wird nicht mehr die Part­ner­schaft mit Russ­land und die sich dar­aus er­ge­ben­den Per­spek­ti­ven und Chan­cen, son­dern die Not­wen­dig­keit, sich ge­gen ei­ne stra­te­gi­sche rus­si­sche Ri­va­li­tät und den zu­neh­men­den Ein­satz hy­bri­der In­stru­men­te zur „Ver­wi­schung der Gren­ze zwi­schen Krieg und Frie­den“zu wapp­nen und auch ver­stärk­te Vor­keh­rung ge­gen rus­si­sche Sub­ver­si­on zu tref­fen. Das klingt schon wie­der deut­lich stär­ker nach den Ana­ly­sen aus Zei­ten des kal­ten Krie­ges.

Gleich­zei­tig ist bei den kurz­fris­ti­gen Si­gna­len und Er­fah­run­gen im­mer wie­der Ent­span­nung zu er­ken­nen. Jah­re­lang stand Mos­kau bei der Lö­sung des sy­ri­schen Bür­ger­krie­ges auf der Brem­se, nun ist es mit ei­ge­nen Sol­da­ten in­vol­viert. Die da­mit ver­folg­te Stär­kung des As­sad-Re­gimes ent­spricht zwar nicht west­li­chen Lö­sungs­ent­wür­fen, doch war schon zu­vor die Er­kennt­nis ge­wach­sen, dass es oh­ne As­sad kaum zu ei­ner Be­frie­dung kom­men kön­ne. So­gar die Ab­spra­che zwi­schen den USA und Russ­land über Mi­li­tär-Ein­sät­ze in Sy­ri­en ist in Gang ge­kom­men.

Auch die vie­len brenz­li­gen Si­tua­tio­nen mit pro­vo­kan­ten Bei­na­he-Kol­li­sio­nen über der Ost­see könn­ten auf­ge­löst wer­den. Pu­tin sag­te bei sei­nem Finn­land-Be­such, es wä­re ei­ne ver­trau­ens­bil­den­de Maß­nah­me, wenn künf­tig al­le Pi­lo­ten den Trans­pon­der ih­rer Mi­li­tär­ma­schi­nen ein­schal­te­ten.

Doch zu­gleich warn­te er die nach der Krim-Anne­xi­on ver­schreck­ten Fin­nen da­vor, sich der Na­to an­zu­schlie­ßen. Wenn das ge­sche­he, wer­de Russ­land Finn­land nicht mehr als un­ab­hän­gig und sou­ve­rän be­trach­ten, son­dern als Geg­ner. Sprü­che wie die­se näh­ren das Be­dürf­nis, Schutz bei der Na­to zu su­chen. Und ma­chen das Ge­spenst des Kal­ten Krie­ges im­mer wie­der le­ben­dig.

Bei­de Sei­ten rüs­ten in Ost­eu­ro­pa auf: Der Wes­ten schickt 4000 zu­sätz­li­che Sol­da­ten, die

Rus­sen 30.000

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