„Ei­ne Mil­li­on Flücht­lin­ge sind zu schaf­fen“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK -

Der Chef von Flücht­lings­bun­des­amt und Ar­beits­agen­tur sieht die größ­te Her­aus­for­de­rung in der In­te­gra­ti­on in den Ar­beits­markt.

Wo soll das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on am En­de des Jah­res ste­hen, wenn Ihr Job als Lei­ter der Be­hör­de en­det? WEI­SE Im Herbst wer­den al­le Men­schen, die in Deutsch­land nach ih­rer An­kunft re­gis­triert wur­den, auch zen­tral er­fasst sein. Al­le re­le­van­ten Be­hör­den kön­nen dar­auf zu­grei­fen – das ist ein gro­ßer Fort­schritt. Bei den Asyl­an­trä­gen zie­len wir dar­auf, dass wir noch in die­sem Jahr die An­trä­ge aus 2015 und frü­her er­le­di­gen und ei­nen gro­ßen Teil der An­trä­ge, die in die­sem Jahr ge­stellt wur­den. Dann wür­den wir et­wa 200.000 Fäl­le mit ins nächs­te Jahr neh­men. Ob das ge­lingt, hängt da­von ab, wel­che Art von An­trä­gen wir be­ar­bei­ten. Bis­her hat­ten wir vie­le leich­te Fäl­le – si­che­res oder un­si­che­res –Her­kunfts­land. Nun ha­ben wir zu­neh­mend auch kom­ple­xe Fäl­le – An­trag­stel­ler oh­ne Un­ter­la­gen und mit un­ge­klär­ter Iden­ti­tät, Her­kunfts­län­der mit schwie­ri­gen Si­tua­tio­nen. Ein­fluss hat na­tür­lich auch die Fra­ge, wie vie­le Neue noch hin­zu­kom­men. Auf wie vie­le Flücht­lin­ge soll­te das Bun­des­amt aus­ge­rich­tet wer­den? WEI­SE Da­zu gibt es bis­her kei­ne Vor­ga­be, weil man sie auch nicht ma­chen kann. Mit den ak­tu­el­len Ka­pa­zi­tä­ten von 6300 Stel­len wä­re es mög­lich, un­ter Druck bis zu 800.000 Fäl­le zu be­ar­bei­ten. Wenn wir in den Ar­beits­ab­läu­fen wei­ter bes­ser wer­den, könn­ten wir bis zu ei­ne Mil­li­on Fäl­le pro Jahr schaf­fen. Wich­tig ist, dass un­se­re Or­ga­ni­sa­ti­on agil ist und sich schnell auf ver­än­der­te Zu­gän­ge von Asyl­su­chen­den ein­stel­len kann. Und nicht zu ver­ges­sen ist: Die In­te­gra­ti­on von Ge­flüch­te­ten ist mit dem Asyl­ver­fah­ren noch nicht zu En­de, sie be­ginnt erst jetzt. Sie se­hen, es gibt viel zu tun. Hilft es, wenn mehr Län­der zu si­che­ren Her­kunfts­staa­ten wer­den? WEI­SE Für si­che­re Her­kunfts­län­der gilt die Re­gel­ver­mu­tung, dass dort kei­ne Ver­fol­gung droht. Das heißt aber nicht, dass wir nicht je­den Fall ein­zeln prü­fen. Wenn je­mand glaub­haft ma­chen kann, er sei ver­folgt wor­den, ist die Prü­fung gleich – un­ab­hän­gig da­von, ob er aus ei­nem si­che­ren Her­kunfts­land kommt oder nicht. Es ist zu­dem so, dass die Ein­stu­fung zum si­che­ren Her­kunfts­staat, die po­li­ti­sche De­bat­te dar­über die Zahl der Neu­an­kömm­lin­ge aus den be­tref­fen­den Län­dern ver­rin­gert.

Sie spa­ren kei­ne Zeit im Ver­fah­ren? WEI­SE Es gibt ei­ni­ge Un­ter­schie­de und dem­ent­spre­chend auch et­was Zei­ter­spar­nis. Die nicht be­grün­de­ten Fäl­le kön­nen bei si­che­ren Her­kunfts­län­dern ein­fa­cher ent­schie­den wer­den. Zu­dem gel­ten für ab­ge­lehn­te Fäl­le aus si­che­ren Her­kunfts­staa­ten an­de­re Rechts­fol­gen, et­wa ei­ne räum­lich sehr be­grenz­te Wohn­pflicht. Wie zu­frie­den sind Sie bis­her mit der Ein­glie­de­rung von Flücht­lin­gen in den Ar­beits­markt? WEI­SE Ich bin nicht zu­frie­den, weil wir noch kei­ne gro­ßen Er­fol­ge er­zie­len konn­ten. Mitt­ler­wei­le ha­ben wir aber gu­te Vor­aus­set­zun­gen für den Er­folg, da­durch, dass wir in­zwi­schen schnel­le Ver­fah­ren ha­ben. Zu­gleich las­sen wir in Kom­bi-Kur­sen den Sprach­er­werb und die In­te­gra­ti­on in den Ar­beits­markt par­al­lel lau­fen. Die Grund­la­gen für ei­ne gu­te In­te­gra­ti­on ha­ben wir so­mit ge­legt. Ha­ben Sie ers­te Zah­len? WEI­SE Aus den acht wich­tigs­ten nicht-eu­ro­päi­schen Asyl-Her­kunfts­län­dern ar­bei­te­ten im April 2016 rund 96.000 Men­schen in so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Jobs. Das sind 22.000 mehr als ein Jahr zu­vor, al­so ein An­stieg um 29 Pro­zent. Wenn man auch an­de­re Ar­beits­ge­le­gen­hei­ten wie Mi­ni-Jobs hin­zu­nimmt, ist die Zahl um 30.000 ge­stie­gen. Auf der an­de­ren Sei­te ha­ben wir aus dem Kreis der Asyl­be­wer­ber heu­te schon 130.000 Men­schen, die ar­beits­los in der Grund­si­che­rung le­ben. In wel­chen Bran­chen kom­men die­je­ni­gen un­ter, die ei­nen Job fin­den? WEI­SE Die Ge­flüch­te­ten ge­hen zu­meist in Bran­chen, in de­nen bei uns Man­gel herrscht. Zwi­schen April 2015 und März 2016 ging von 21.400 neu­en Be­schäf­tig­ten et­wa je­der Vier­te in die Leih­ar­beit, ge­folgt von Di­enst­leis­tun­gen wie Ge­bäu­de­rei­ni­gung oder Wach­diens­te. Da­nach kom­men Gast­ge­wer­be, Han­del und Kfz-Werk­stät­te so­wie das Ge­sund­heits- und So­zi­al­we­sen. Kön­nen wir durch den Flücht­lings­zu­zug den Fach­kräf­te­be­darf de­cken oder be­nö­ti­gen wir zu­sätz­lich ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz? WEI­SE Un­se­ren Fach­kräf­te­be­darf de­cken wir nie­mals aus der Flucht­mi­gra­ti­on. Im Ge­gen­teil: Wir müs­sen wei­ter ge­zielt Zu­wan­de­rung von Fach­kräf­ten för­dern: Wir soll­ten die Frei­zü­gig­keit in Eu­ro­pa nut­zen, Deutsch­land at­trak­tiv ma­chen für leis­tungs­fä­hi­ge Men­schen und auch au­ßer­halb der EU su­chen. Ob die­se Be­mü­hun­gen in ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz mün­den soll­ten, ist ei­ne po­li­ti­sche Fra­ge. Der­zeit sind un­se­re Struk­tu­ren je­den­falls zu kom­plex, um Fach­kräf­ten die In­te­gra­ti­on in Deutsch­land leicht zu ma­chen. Wie vie­le St­un­den pro Wo­che ar­bei­ten Sie in ih­rer Dop­pel­funk­ti­on als Chef von BAMF und BA? WEI­SE Zur­zeit sind es et­wa 70 bis 80 St­un­den pro Wo­che. GRE­GOR MAYNTZ UND EVA QUADBECK FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH

FO­TO: LAIF

Frank-Jür­gen Wei­se lei­tet seit 2015 das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge.

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