Zwi­schen Ver­söh­nung und Hass

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON FRANK HERR­MANN

Nach den töd­li­chen Schüs­sen in Dal­las füh­len sich vie­le an 1968 er­in­nert. Das Jahr, in dem Mar­tin Lu­ther King und Ro­bert Ken­ne­dy er­mor­det wur­den und übe­r­all Un­ru­hen aus­bra­chen.

DAL­LAS Es war John Le­wis, das le­ben­de Denk­mal der Bür­ger­rechts­be­we­gung, der den Fin­ger di­rekt in die Wun­de leg­te. Manch­mal ha­be er das Ge­fühl, als ob man ihn wie­der hin­ab­rut­sche, den Hang, den man zu er­klim­men ver­su­che, sag­te der Kon­gress­ab­ge­ord­ne­te aus Geor­gia. Er mar­schier­te einst ne­ben Mar­tin Lu­ther King, um mit ge­walt­lo­sem Wi­der­stand die Mau­ern der Ras­sen­tren­nung zum Ein­sturz zu brin­gen. Die Nar­ben des Ras­sis­mus sei­en noch im­mer schmerz­haft zu spü­ren, „wir müs­sen uns ih­rer an­neh­men“, mahn­te der 76 Jah­re al­te Po­li­ti­ker, als die Po­li­zis­ten­mor­de in Dal­las ih­re Schock­wir­kung ent­fal­te­ten.

Der Hor­ror von Dal­las, dar­in ist sich das Land ei­nig, be­deu­tet ei­ne Zä­sur, er kann so­gar ei­nen Wen­de­punkt mar­kie­ren. Nur bleibt un­klar, in wel­che Rich­tung es geht. Ob man un­ge­schminkt über un­an­ge­neh­me Wahr­hei­ten re­de und da­bei zu ei­nem sinn­vol­len Dia­log fin­de, oder aber sich in die Ge­wiss­hei­ten des ei­ge­nen Stam­mes­den­kens zu­rück­zie­he, dies sei die of­fe­ne Fra­ge, sagt Da­vid Brooks, ei­ner der Star­ko­lum­nis­ten der „New York Ti­mes“. Wo­bei er mit dem Stam­mes­den­ken we­ni­ger die Kon­stel­la­ti­on Schwarz ge­gen Weiß meint, son­dern viel­mehr die Grä­ben, die sich im­mer tie­fer durch die Ge­sell­schaft zu zie­hen schei­nen.

Auf der ei­nen Sei­te das auf­ge­klär­te, to­le­ran­te, op­ti­mis­ti­sche Ame­ri­ka, auf der an­de­ren Sei­te das verun- si­cher­te, skep­ti­sche, sich nost­al­gisch nach „gu­ten al­ten Zei­ten“seh­nen­de, das sich nun in sei­nen Vor­ur­tei­len be­stä­tigt sieht.

Nach Dal­las ist ei­ne Jah­res­zahl in al­ler Mun­de. 1968. Das Jahr, in dem Mar­tin Lu­ther King und Ro­bert Ken­ne­dy er­mor­det wur­den, in dem übe­r­all Un­ru­hen aus­bra­chen, Ge­schäf­te in Flam­men auf­gin­gen, gan­ze Stra­ßen­zü­ge ver­wüs­tet wur­den. Droht 2016 zu ei­nem zwei­ten 1968 zu wer­den? Ba­rack Oba­ma be­ant­wor­tet die Fra­ge mit ei­nem kla­ren Nein. Die USA sei­en bei wei­tem nicht so ge­spal­ten, wie man­che es jetzt sug­ge­rier­ten, be­ton­te er am Ran­de des Na­to-Gip­fels in War­schau. Was die Na­ti­on ei­ne, sei der Zorn auf ei­nen kran­ken At­ten­tä­ter, der das schwar­ze Ame­ri­ka eben­so we­nig re­prä­sen­tie­re, wie der To­des­schüt­ze von Charles­ton das wei­ße Ame­ri­ka re­prä­sen­tiert ha­be – je­ner Dyl­ann Roof, der in ei­ner afro­ame­ri­ka­ni­schen Kir­che in South Ca­ro­li­na auf Gläu­bi­ge schoss.

Vie­les von dem, was 1968 das Pul­ver­fass ex­plo­die­ren ließ, ge­be es 2016 glück­li­cher­wei­se nicht, ar­gu­men­tie­ren die Op­ti­mis­ten: kein Viet­nam­krieg, kei­ne Wel­le po­li­ti­scher Hin­rich­tun­gen. Al­lein schon der Marsch, mit dem die Ak­ti­vis­ten von „Black Li­ves Mat­ter“in Dal­las ge­gen die vor­an­ge­gan­ge­nen Ex­zes­se von Ba­ton Rouge und St. Paul pro­tes­tier­ten: War er nicht der bes­te Be­weis für die Funk­ti­ons­fä­hig­keit ei­ner of­fe­nen Ge­sell­schaft? Fried­li­che De­mons­tran­ten ver­sam­mel­ten sich, um ih­ren Un­mut über das Vor­ge­hen von Po­li­zis­ten kund­zu­tun, und das un­ter dem Schutz von Po­li­zis­ten, die am En­de ihr Le­ben ris­kier­ten.

Dann wie­der ist es aus­ge­rech­net ein Ord­nungs­hü­ter, der die kri­tischs­ten Wor­te fin­det zum Sta­tus quo. Ed­ward Flynn, Po­li­zei­chef der Stadt Mil­wau­kee, sagt oh­ne Um­schwei­fe: „Wir sind das am schwers­ten be­waff­ne­te, am ehes­ten zur Ge­walt nei­gen­de Land der in­dus­tria­li­sier­ten Welt, und es sind Afro­ame­ri­ka­ner, die am meis­ten dar­un­ter lei­den“. Die höchs­te Kri­mi­na­li­täts­ra­te, die schlimms­te Ar­mut, die schlech­tes­ten Bil­dungs­chan­cen, das al­les kom­me zu­sam­men in Vier­teln, in de­nen über­wie­gend Afro­ame­ri­ka­ner le­ben. „Und was tun wir? Wir bür­den der Po­li­zei un­se­re so­zia­len Pro­ble­me auf.“

Auch nach Dal­las fehlt es nicht an Wort­mel­dun­gen, die wie Öl ins Feu­er wir­ken. Den rhe­to­ri­schen Tief­punkt hat Joe Walsh er­reicht, ein Re­pu­bli­ka­ner aus Il­li­nois, der zwei Jah­re lang im Re­prä­sen­tan­ten­haus saß und via Twit­ter Zei­len vol­ler Hass in die Welt setz­te, be­vor er den Ein­trag lösch­te. „Das ist jetzt Krieg. Pass auf, Oba­ma. Passt auf, ihr Arm­leuch­ter von Black Li­ves Mat­ter. Das wah­re Ame­ri­ka ist euch auf den Fer­sen.“William John­son, Di­rek­tor ei­ner Be­rufs­or­ga­ni­sa­ti­on von Po­li­zis­ten, ver­gleicht den Prä­si­den­ten der USA mit dem bri­ti­schen Pre­mier Ne­vil­le Cham­ber­lain, dem Ap­peas­e­men­tPo­li­ti­ker des Münch­ner Ab­kom­mens. „Was wir er­le­ben, ist ein Krieg ge­gen die Cops, und Oba­ma ist Ne­vil­le Cham­ber­lain.“

Zu be­ob­ach­ten ist aber auch der Ver­such der po­li­ti­schen Klas­se, die Ge­mü­ter zu be­ru­hi­gen. So­gar Do­nald Trump ver­zich­te­te auf die Ver­bal-Keu­len, zu de­nen er sonst gern greift, wäh­rend sei­ne Ri­va­lin Hil­la­ry Cl­in­ton zu ei­nem Dia­log der Ver­nunft auf­rief. Be­mer­kens­wert sind auch Tö­ne, wie sie dies­mal – ab­ge­se­hen von Walsh – aus den kon­ser­va­ti­ven Rei­hen zu hö­ren sind. Newt Ging­rich, einst der par­la­men­ta­ri­sche Ge­gen­spie­ler des Prä­si­den­ten Bill Cl­in­ton, spricht da­von, dass man in Ame­ri­ka of­fen­bar ge­fähr­li­cher le­be, wenn man schwar­ze Haut ha­be. Als Schwar­zer, so Ging­rich, „kommst du sehr viel wahr­schein­li­cher in ei­ne La­ge, in der dich die Po­li­zei nicht re­spek­tiert“.

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