Wett­streit um die Luft­ho­heit

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - VON MA­XI­MI­LI­AN PLÜCK

Heu­te star­tet in Farn­bo­rough na­he Lon­don ei­ne der wich­tigs­ten Luft­fahrt­mes­sen der Welt. Dort kämp­fen Air­bus und Bo­eing um lu­kra­ti­ve Auf­trä­ge. Doch vor al­lem die Mi­li­tär-Pro­jek­te ma­chen den bei­den Kon­zer­nen zu schaf­fen.

FARN­BO­ROUGH Wie schon so man­cher Glücks­rit­ter vor ihm war Wil­helm Böing, ein Berg­bau-In­ge­nieur aus dem west­fä­li­schen Ho­hen­lim­burg (heu­te ein Stadt­teil von Ha­gen), auf der Su­che nach Er­folg. Im Jahr 1868 pack­te er Sack und Pack und wan­der­te mit sei­ner Frau Ma­rie in die USA aus. Und tat­säch­lich brach­te es Böing als Holz­händ­ler in De­troit zu ei­ni­gem Reich­tum. Die­ser ver­blasst je­doch im An­ge­sicht des­sen, was sein Sohn auf die Bei­ne stell­te: Wil­helm Edu­ard Böing, der sich in William Ed­ward Bo­eing um­be­nann­te, grün­de­te vor ge­nau 100 Jah­ren ei­nes der er­folg­reichs­ten Un­ter­neh­men in der Ge­schich­te Ame­ri­kas: die Pa­ci­fic Ae­ro Pro­ducts Com­pa­ny, die er ein Jahr spä­ter in Bo­eing Aer­pla­ne Com­pa­ny um­be­nann­te.

Aus der klei­nen Ma­nu­fak­tur, die zu­nächst auf den Bau von Was­ser­flug­zeu­gen spe­zia­li­siert war, ent­stand nicht zu­letzt dank lu­kra­ti­ver Mi­li­tär-Auf­trä­ge und des Sie­ges­zugs der zi­vi­len Luft­fahrt ei­nes der größ­ten Flug­zeu­gim­pe­ri­en der Welt. Das Ju­bi­lä­um wird in den kom­men­den Ta­gen nicht in den USA son­dern in ei­ner 60.000-Ein­woh­ner-Stadt na­he Lon­don ge­fei­ert. In Farn­bo­rough trifft sich ab heu­te die Zunft zu ei­ner der be­deu­tends­ten Luft­fahrt­mes­sen der Welt. Für das Ge­burts­tags­kind rich­ten die Or­ga­ni­sa­to­ren der Farn­bo­rough In­ter­na­tio­nal Air­show Tra­de ei­ne Flug­show mit his­to­ri­schen Bo­eing-Ma­schi­nen aus.

Doch für Bo­eing-Chef Den­nis Mui­len­burg ist der Auf­tritt in Farn- bo­rough kei­ne rei­ne Spaß­ver­an­stal­tung. Für ihn geht es – wie auf je­der gro­ßen Luft­fahrt­mes­se – ums Ge­schäft. Bo­eing führt die neue 737MAX-8 vor, de­ren ers­tes Ex­em­plar 2017 in Di­enst ge­hen soll.

Es ist kein ein­fa­ches Jahr für die Bran­che. Bo­eing selbst hat­te zu­letzt Pro­ble­me mit dem Tank­flug­zeug, das der Kon­zern im Auf­trag des USMi­li­tärs ent­wi­ckelt. Weil sich die Luft­be­tan­kungs­tech­nik als ex­trem kom­plex her­aus­stell­te und sich da­durch die Aus­lie­fe­rung ver­zö­ger­te, war das Er­geb­nis zu Jah­res­be­ginn um knapp zehn Pro­zent un­ter dem des Vor­jah­res ge­blie­ben.

Auch beim Kon­kur­ren­ten Air­bus ent­wi­ckeln sich ge­ra­de die Mi­li­tär­pro­jek­te un­er­freu­lich. Da wä­re et­wa der Trans­port­flie­ger A400M. Aus dem Pres­ti­ge­pro­jekt ist ein Sor­gen- kind ge­wor­den. Nach Jah­ren der Ver­zö­ge­rung wur­den zwar drei Ma­schi­nen des Trans­all-Nach­fol­gers an die Bun­des­wehr aus­ge­lie­fert. Da es aber zu Trieb­werks­pro­ble­men kam, war nur ei­ne Ma­schi­ne ein­setz­bar. Am Wo­che­n­en­de teil­te Air­bus mit, dass es zu­min­dest ei­ne Zwi­schen­lö­sung ge­be. „Das heißt, dass sie das Flug­zeug im Grun­de wie­der nor­mal ein­set­zen kön­nen“, sag­te der Prä­si­dent von Air­bus Mi­li­ta­ry Air­craft, Fer­nan­do Alon­so. An ei­ner lang­fris­ti­gen Lö­sung wer­de ge­ar­bei­tet. Auch sei ein wei­te­rer A400M an die Bun­des­wehr ge­lie­fert wor­den.

Sor­gen be­rei­ten auch die Rie­sen­flie­ger. Für das Air­bus-Flagg­schiff A380 hat sich Ver­kaufs­chef John Le­a­hy nicht ein­mal ein Ver­kaufs­ziel ge­setzt. Und Bo­eing fährt die Pro­duk­ti­on sei­nes mo­der­ni­sier­ten Jum­bos 747-8 auf sechs Ma­schi­nen pro Jahr zu­rück. Ei­ne Nach­fol­ge­rin für die 757 ist frü­hes­tens für 2025 ge­plant.

Deut­lich mehr ver­spre­chen sich die Kon­zer­ne von ih­ren neu­en Sprit­spa­rern. Die Mo­del­le A319Neo, A320Neo und A321Neo ver­brau­chen Air­bus zu­fol­ge 20 Pro­zent we­ni­ger als ih­re Vor­gän­ger – sind aber auch teu­rer. Auch Bo­eing bie­tet in­zwi­schen ei­ne Sprit­s­par­ver­si­on sei­ner 737 an. Die Auf­trags­bü­cher sei­en auf Jah­re hin­weg bes­tens ge­füllt.

Frag­lich ist aber, ob den bei­den Platz­hir­schen das En­de ih­res lang­jäh­ri­gen Duo­pols be­vor­steht. Fast 20 Jah­re lang gab es mit Bo­eing und Air­bus welt­weit nur zwei re­le­van­te Her­stel­ler, die Flug­zeu­ge mit mehr als 100 Sit­zen ver­kauf­ten. Doch im Ju­ni lie­fer­te der ka­na­di­sche Flug­zeug­bau­er Bom­bar­dier sei­ne ers­te C-Se­rie aus, die et­wa ge­gen den Air­bus A319neo an­tritt. Kurz zu­vor hat­te der rus­si­sche Her­stel­ler Ir­kut sei­ne ers­te MS-21 der Öf­fent­lich­keit vor­ge­stellt. Auch der chi­ne­si­sche Co­mac-Kon­zern zielt mit sei­ner C919 auf das ab­satz­stärks­te Flug­zeug­seg­ment mit ei­nem Mit­tel­gang zwi­schen den Sit­zen, das bis­her vom Air­bus A320 und der Bo­eing 737 be­herrscht wird.

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