Der letz­te Ein­trag hallt nach

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 -

Die Pa­ri­ser ver­brin­gen ei­ne kost­ba­re Zeit ih­res Le­bens im Stau und er­tra­gen das ge­las­sen. In Mar­seil­le hin­ge­gen bro­delt es. Doch noch be­ein­dru­cken­der ist der Geist von Evi­an: Er ent­schleu­nigt und macht nach­denk­lich.

Mei­ne Eu­ro­pa­meis­ter­schaft ist jetzt zu En­de. Ich weiß noch, wie sie an­ge­fan­gen hat. Ich saß zu Hau­se in Rhe­ydt und war­te­te auf das Ta­xi, das mich zum Flug­ha­fen brin­gen soll­te. Von der be­vor­ste­hen­den EM war noch nichts zu er­ken­nen. Au­tos wa­ren noch nicht be­flaggt, die ein­sa­me Deutsch­land-Fah­ne am Fens­ter auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te hängt da schon vie­le Jah­re. Sie sah schon bei der WM 2014 ein biss­chen sehr hell aus – grau, ro­sa, gelb statt schwarz, rot, gold. Der Geist von Evi­an hat­te auch mich noch nicht er­eilt. Es lag al­les im Va­gen – so wie die Far­ben der Fah­ne.

Ich ha­be dann noch in Düs­sel­dorf drei St­un­den im Flug­zeug in der Park­po­si­ti­on ge­ses­sen, weil ein Ge­wit­ter den Ab­flug ver­zö­ger­te. Das ist viel Zeit zum Nach­den­ken, die EM kam da­bei nicht vor. Sie ist ins­ge­samt wohl eher lang­sam in Fahrt ge- kom­men, nicht nur für mich. Ich darf mich al­so für ein fuß­ball­eu­ro­päi­sches Ge­samt­kunst­werk hal­ten. So viel Selbst­be­wusst­sein muss ja wohl sein.

Was bleibt, sind ge­misch­te Ge­füh­le. Die Fran­zo­sen ha­ben es zwar ge­schafft, nicht übe­r­all den Ein­druck ei­ner Ver­an­stal­tung im Hoch­si­cher­heits­trakt auf­kom­men zu las­sen, völ­lig ver­mei­den konn­ten sie es nicht. Spä­tes­tens als ich zum ers­ten Mal im Bahn­hof zehn Mi­nu­ten ne­ben ei­nem wirk­lich bis an die Zäh­ne be­waff­ne­ten Sol­da­ten stand, war klar: Das wird jetzt nicht der rei­ne Spaß. Und als in Mar­seil­le und Lil­le Hoo­li­gans aus Deutsch­land, Russ­land und En­g­land mit ih­rer ei­ge­nen Eu­ro­pa­meis­ter­schaft be­gan­nen, schien das doch auf ei­ne trau­ri­ge Schie­ne zu ge­ra­ten.

Das hat sich sehr ge­än­dert. Die Hoo­li­gans ha­ben wahr­schein­lich den Re­gen nicht ver­tra­gen, viel­leicht sind sie auch mit gro­ßem Nach­druck ver­trie­ben wor­den. Sie spiel­ten je­den­falls nach den ers­ten Ta­gen kei­ne Rol­le mehr.

Ich ha­be das Land von Evi­an aus ken­nen­ge­lernt. Evi­an liegt mehr in der Schweiz als in Frank­reich, des­halb sind vie­le Ex­kur­sio­nen nach Frank­reich über Genf ge­star­tet wor­den. Die Ho­tels am See­ufer könn­te ich den Na­men nach in ih­rer Rei­hen­fol­ge bis zum oder vom Bahn­hof her auf­sa­gen. Ich ken­ne die Fon­tä­ne am See­ufer, den Strand von Genf und die Kreis­ver­keh­re auf dem Weg in die Ber­ge, den ei­nen mit dem gro­ßen Fisch fand ich am bes­ten. Ich weiß, wo die Ab­fahrt zur Au­to­bahn ist, bis Lyon müss­te ich nie mehr ein Na­vi zum Ein­satz brin­gen – das heißt et­was für ei­nen, der sich noch in ei­ner gut aus­ge­schil­der­ten Te­le­fon­zel­le ver­lau­fen könn­te.

Bei un­se­ren Aus­flü­gen nach Fuß­ball-Eu­ro­pa ha­be ich ge­merkt, dass es doch ein sehr gro­ßes Land ist. Ich bin in Schnell­zü­gen durch­ge- rauscht, mit Flug­zeu­gen drü­ber ge­flo­gen, im Bus und im Au­to ge­müt­li­cher lang­ge­gon­delt. Es hat im­mer ge­dau­ert.

Ich fand die Staus von Pa­ris be­ein­dru­ckend. Noch be­ein­dru­cken­der fand ich die Ru­he der Pa­ri­ser. Sie ste­hen ziem­lich si­cher ihr hal­bes Be­rufs­le­ben ir­gend­wo auf ei­ner acht­spu­ri­gen Stra­ße her­um, aber sie neh­men es hin. Es ist die Na­tur ih­rer Stadt. Man­che ha­be ich bei meh­re­ren Be­su­chen in der Haupt­stadt wie­der­er­kannt. Da­von bin ich zu­min­dest über­zeugt.

Evi­an ist so et­was wie mei­ne ge­lie­he­ne Hei­mat ge­wor­den. In ei­nem Mo­nat ab­züg­lich der Aus­flü­ge ins Groß­stadt­le­ben ha­be ich Evi­ans Herz­schlag auf­ge­nom­men. Er geht ziem­lich lang­sam, un­ge­fähr in der Nä­he des Ru­he­puls von To­ni Kroos – al­so bei 40 bis 50 Schlä­gen in der Mi­nu­te.

In Evi­an ist al­les ent­schleu­nigt – so wie man das von den Ber­nern in der Schweiz sagt. Die Evia­ne­sen ha­ben sich viel Mü­he mit der ein­ge­fal­le­nen Hor­de von Sport­re­por­tern ge­ge­ben. Am En­de hat fast nie­mand mehr ge­nör­gelt. Das heißt et­was bei be­ruf­li­chen Bes­ser­wis­sern.

Ei­ne rich­ti­ge Fuß­ball­par­ty ha­be ich nur in Mar­seil­le er­lebt, in die­sem rot­brau­nen, hit­zi­gen, bro­deln­den Mo­loch am Mit­tel­meer. Wo­mög­lich bringt die Tem­pe­ra­tur die Men­schen so ins Glü­hen. Das ist üb­ri­gens das Lieb­lings­wort von Me­sut Özil ge­wor­den, das ha­be ich mir ge­merkt. Er ist ein Teil in die­ser Ver­mark­tungs­ma­schi­ne Fuß­ball, und er sitzt an ei­nem sehr fei­nen En­de der Nah­rungs­ket­te.

Ein biss­chen ge­hö­re ich auch zu der Ver­mark­tungs­ma­schi­ne, ob ich will oder nicht. Das macht mich nach­denk­lich auf dem Weg nach Hau­se.

Viel­leicht hat mich der Geist von Evi­an doch noch be­rührt. Das wä­re ja nicht schlecht.

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