Am En­de al­ler Kräf­te

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - FUßBALL-EM 2016 - VON RO­BERT PE­TERS

Die Be­las­tun­gen für Spit­zen­fuß­bal­ler sind hoch. Mehr als 50 Spie­le wer­den ab­sol­viert. Das hält nicht je­der Kör­per aus.

MAR­SEIL­LE Da sitzt er nun auf dem Ra­sen, der gro­ße Mann. Er bie­tet ei­nen trau­ri­gen An­blick. Es ist Vier­tel nach zehn am Don­ners­tag­abend im Sta­di­on Ve­lo­dro­me von Mar­seil­le. Und die Eu­ro­pa­meis­ter­schaft ist für Je­ro­me Boateng zu En­de. Ei­ne hal­be St­un­de spä­ter ist sie das für die ge­sam­te deut­sche Mann­schaft, sie ver­liert ihr Halb­fi­na­le ge­gen den Gast­ge­ber mit 0:2. Der Ver­tei­di­ger ist da be­reits an der Sei­ten­li­nie vom Phy­sio­the­ra­peu­ten Klaus Eder be­han­delt wor­den. Die ers­te Dia­gno­se be­stä­tigt sich am Wo­che­n­en­de in Mün­chen: Der Na­tio­nal­spie­ler hat ei­ne Mus­kel­ver­let­zung im Ober­schen­kel er­lit­ten. „Ich den­ke, es wird knapp mit dem Sai­son­start in der Bun­des­li­ga“, sagt er.

Boateng ist nicht der Ein­zi­ge, der aus die­ser EM hin­aus­hum­pelt, an­de­re sind so­gar hin­ein­ge­hum­pelt. Sa­mi Khe­di­ra kann am An­fang nicht rich­tig trai­nie­ren, Bas­ti­an Schwein­stei­ger schleppt sich durch die Vor­be­rei­tung, in sei­ne bei­den lan­gen Ein­sät­ze ge­gen Ita­li­en und Frank­reich geht er ban­da­giert wie ein Krie­ger, der un­be­dingt noch mal in die letz­te Schlacht zie­hen will. Ma­rio Go­mez schaut im Halb­fi­na­le wie Khe­di­ra we­gen der bles­sier­ten Mus­ku­la­tur zu. Die Dort­mun­der Mar­co Reus und Il­kay Gün­do­gan ver­pas­sen die EM, sie blei­ben we­gen ih­rer Ver­let­zun­gen zu Hau­se.

Die deut­schen Spit­zen­spie­ler zah­len den Tri­but für die Be­las­tun­gen im Pro­fi­fuß­ball – da geht es ih­nen nicht bes­ser als den Kol­le­gen in den an­de­ren Mann­schaf­ten. Mehr als 50 Spie­le muss ein Top­spie­ler in ei­ner Sai­son auf ho­hem Ni­veau hin­ter sich brin­gen – die Freund­schafts- und Pri­vat­spie­le nicht mit­ge­rech­net. Und es ist nicht ab­seh­bar, dass sich dar­an et­was grund­le­gend än­dern wird. Die Ue­fa hat das Ih­re ge­tan, in­dem sie das Teil­neh­mer­feld der EM noch ein­mal ver­grö­ßert hat. Das er­höht die Be­las­tung, und es führt nicht nur nach An­sicht des deut­schen Trai­ners Joachim Löw da­zu, „dass am En­de auch die Qua­li­tät lei­det, klar“.

Das Tur­nier in Frank­reich un­ter­streicht das. Die Gro­ßen kom­men nur lang­sam auf Tou­ren, klei­ne­re Fuß­ball­na­tio­nen, de­ren Spie­ler eher sel­ten bei den Top­klubs un­ter Ver­trag ste­hen, steh­len ih­nen die Schau, weil sie hung­rig sind, fri­scher und oh­ne den Über­druss an läs­ti­gen Be­haup­tungs­kämp­fen, den so man­cher gro­ße Star zu­nächst an den Tag legt. Cris­tia­no Ro­nal­do ist ein gu­tes Bei­spiel. Er geht er­kenn­bar an­ge­schla­gen in die Ver­an­stal­tung, und hart­nä­ckig kämp­fen­de Ab- wehr­spie­ler fin­det er furcht­bar an­stren­gend. An­kla­gend geht der Blick zum Schieds­rich­ter, fast wei­ner­lich. Erst sehr spät, nach vie­len mü­he­vol­len Be­geg­nun­gen, die selbst für das Pu­bli­kum schwer zu er­tra­gen sind, kommt er in Gang – wie sei­ne Mann­schaft und vie­le der ver­meint­li­chen Fa­vo­ri­ten.

Vie­le bü­ßen mit Ver­let­zun­gen für die zä­he Selbst­über­win­dung. Boateng bei­spiels­wei­se ist erst spät im April nach ei­ner län­ge­ren Pau­se wie­der in den Wett­kampf­fuß­ball zu­rück­ge­kehrt. In Frank­reich macht zu­nächst der Kör­per­teil Pro­ble­me, der bald als „Wa­de der Na­ti­on“in den Schlag­zei­len er­scheint. Die Phy­sio­the­ra­peu­ten und Ärz­te im deut­schen Stab be­han­deln ihn ta­ge­lang, im Halb­fi­na­le ist es dann der Ober­schen­kel, der den Ver­tei­di­ger ins Kran­ken­la­ger bringt. Ir­gend­wann ent­schei­den nicht mehr die schein­ba­ren All­heil­mit­tel der Sport­me­di­zin. Der Kör­per nimmt sich sei­ne Pau­sen, er wehrt sich durch Ver­let­zun­gen.

Da­mit müs­sen sich Pro­fis in den ein­sa­men Hö­hen des Spit­zen­sports of­fen­bar ab­fin­den. „Im Fuß­ball“, klagt Löw, „wird es im­mer, im­mer mehr.“Da­für gibt es na­tür­lich auch im­mer, im­mer mehr Geld. Die Show muss wei­ter­ge­hen, Pau­sen ver­trägt das Un­ter­hal­tungs­ge­schäft nicht. Noch wäh­rend der EM-Tur­nie­re be­ginnt die Sai­son­vor­be­rei­tung in den Ver­ei­nen, Spon­so­ren­ver­trä­ge ver­pflich­ten zu wei­ten Rei­sen, der Spiel­rhyth­mus ist früh in der Sai­son hoch, ei­gent­lich zu hoch. Aber ir­gend­wo muss die Ma­schi­ne Pro­fi­fuß­ball ih­ren Treib­stoff, das Geld, ja ge­win­nen.

Des­halb muss er sei­ne pro­mi­nen­tes­ten Un­ter­hal­tungs­künst­ler stän­dig auf die Büh­ne stel­len. In man­chen Li­gen pau­sen­los. „In En­g­land ha­ben sie ja nicht mal ei­ne Win­ter­pau­se“, sagt der deut­sche Na­tio­nal­spie­ler Tho­mas Mül­ler, „das ist bru­tal.“Die Bri­ten zah­len da­für seit vie­len Jah­ren bei den gro­ßen Tur­nie­ren ei­nen ho­hen Preis. Wenn es dort in- ter­es­sant wird, sind sie meis­tens nicht mehr da­bei, weil ih­re Stars aus­ge­laugt sind.

In die­sem Jahr muss Mül­ler das Op­fer für den Zir­kus brin­gen. Er ver­letzt sich nicht, da­ge­gen ist er of­fen­sicht­lich im­mun, aber er spielt elend schlecht, kann sich nicht kon­zen­trie­ren, er bringt die not­wen­di­ge psy­chi­sche Kraft nicht auf. Es lässt ihn ge­le­gent­lich auf dem Spiel­feld ver­zwei­feln, rat­los macht es ihn nicht, denn er kann es sich er­klä­ren. „Es ist ein ner­ven­auf­rei­ben­des Ge­schäft für uns Prot­ago­nis­ten“, sagt er in feins­tem Wis­sen­schaft­lerDeutsch, „es gibt ja nicht mehr die­se Ru­he­pau­sen. Du kannst ein­mal kurz Luft ho­len, dann wirst du wie­der un­ter Was­ser ge­drückt.“

Mül­ler stellt das fest, er be­jam­mert es nicht. Er weiß ja um das mehr als or­dent­li­che Schmer­zens­geld. „So ist nun mal das Ge­schäft“, sagt er, „du hast nur drei Wo­chen Ur­laub, und da musst du ver­su­chen, men­tal zur Ru­he zu kom­men.“Die phy­si­schen Be­las­tun­gen er­trägt er – bes­ser als vie­le an­de­re Kol­le­gen. „Je­der Mensch kann gut vor­be­rei­tet al­le vier Ta­ge läu­fe­risch ei­ne Top­leis­tung bie­ten“, be­haup­tet der Bay­er. Das hat er selbst be­wie­sen. Trotz­dem wür­den ihm nicht al­le zu­stim­men. Khe­di­ra nicht, Schwein­stei­ger nicht und Boateng schon gar nicht.

FO­TO: IMA­GO

Ich kann nicht mehr: Je­ro­me Boateng ruft in der zwei­ten Halb­zeit im Halb­fi­na­le ge­gen Frank­reich nach me­di­zi­ni­scher Be­treu­ung.

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