Kri­mis im Twit­ter-Tem­po

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON PHILIPP HOL­STEIN

Die gro­ßen Kri­mi-Best­sel­ler „Go­ne Girl“und „Girl On The Train“ver­ra­ten viel über un­se­re Ge­gen­wart. Die Spra­che der Thril­ler klingt wie bei Twit­ter. Er­zählt wird in der ers­ten Per­son, und im Mit­tel­punkt ste­hen häus­li­che Pro­ble­me.

DÜS­SEL­DORF Die po­pu­lä­re Kul­tur re­agiert ziem­lich schnell auf den ver­än­der­ten All­tag. In Pop­songs, Co­mics und Fil­men fin­den sich je­ne Din­ge wie­der, die uns täg­lich be­schäf­ti­gen; das Neue kommt dort schnel­ler an. In­so­fern funk­tio­niert Pop­kul­tur als Spie­gel ih­rer Zeit, und wer sie ernst nimmt und ge­nau be­trach­tet, er­fährt ei­ni­ges über die Ge­gen­wart. Sehr gut lässt sich das zur­zeit am Kri­mi nach­voll­zie­hen.

In den ver­gan­ge­nen vier Jah­ren hat sich das Gen­re ver­än­dert. Es be­gann mit „Go­ne Girl“, dem Welter­folg der Ame­ri­ka­ne­rin Gil­li­an Flynn. Der Thril­ler er­schien 2012, er ge­hört mit der „Sha­des Of Grey“-Tri­lo­gie zu den gro­ßen Best­sel­lern des Jahr­zehnts, und er brach­te ei­nen neu­en Ton in die Welt. Kri­mis wer­den nicht mehr in der Mehr­zahl aus der Sicht männ­li­cher Er­mitt­ler er­zählt, Hel­den­fi­gu­ren ster­ben aus, und auch das Er­zäh­len in der drit­ten Per­son hat aus­ge­dient.

„Go­ne Girl“han­delt von ei­nem Ehe­paar, Nick und Amy. Die bei­den er­zäh­len im Wech­sel die Ge­schich­te von Amys Ver­schwin­den, je­weils in der ers­ten Per­son. Der Le­ser der er­folg­reich ver­film­ten Ge­schich­te weiß nicht, wem er ver­trau­en kann, und bald merkt man, dass gar nicht so sehr der Kri­mi­nal­fall an sich im Mit­tel­punkt steht. „Go­ne Girl“han­delt viel­mehr von den Be­din­gun­gen der Be­zie­hung zwi­schen Mann und Frau, gibt Ein­sich­ten in die Psy­che see­lisch ver­sehr­ter Zeit­ge­nos­sen. Der Sound ist cool, die Form cle­ver, und wäh­rend es bei männ­li­chen Se­ri­en­hel­den wie Jack Re­acher von Lee Child wei­ter­hin um Waf­fen und kör­per­li­che Ver­let­zun­gen geht, wird hier mit Spra­che Ge­walt aus­ge­übt. Je­de Be­mer­kung kann ei­ne Klin­ge sein. Sar­kas­mus ist das neue Gift.

Wenn man sich die Kri­mi-Best­sel­ler­lis­ten an­sieht, fin­det man dort vie­le Au­to­rin­nen: Ka­rin Slaugh­ter aus den USA, Val McDer­mid aus Schott­land, Ta­na French aus Ir­land und Ka­rin Fos­sum aus Nor­we­gen. Der neu­es­te Star der Sze­ne ist die 42 Jah­re al­te Pau­la Haw­kins aus En­g­land. Ihr welt­weit bis­her acht Mil­lio­nen Mal ver­kauf­tes Buch „Girl On The Train“macht die Ver­wandt­schaft zu „Go­ne Girl“be­reits im Ti­tel deut­lich. Das ist ein raf­fi­niert kom­po­nier­tes Buch, bei dem es der Le­ser mit drei Er­zäh­ler­stim­men zu tun be­kommt, und ei­ne ist un­zu­ver­läs­si­ger als die an­de­re. Was die Fi­gu­ren von sich ge­ben, kann man im Grun­de gar nicht mehr als Er­zäh­len be­zeich­nen, es ist eher ein Tei­len im Sin­ne der so­zia­len Netz­wer­ke: Ich muss was los­wer­den, mei­ne Sicht der Din­ge, viel­leicht ge­fällt sie euch.

Die zen­tra­le Fi­gur ist die 32-jäh­ri­ge Ra­chel, die je­den Tag im Pend­ler­zug nach Lon­don sitzt und auf das Haus sieht, in dem der Mann, mit dem sie Kin­der ha­ben woll­te, mit ei­ner neu­en Frau lebt. Ra­chel ist meist an­ge­trun­ken, und sie be­ob­ach­tet rät­sel­haf­te Vor­gän­ge in der Nach­bar­schaft. Es soll nicht zu viel ver­ra- ten wer­den, aber wer sich nun an Hitch­cocks „Fens­ter zum Hof“er­in­nert fühlt, liegt rich­tig.

„Go­ne Girl“und „Girl On The Train“ha­ben et­li­che Nach­ah­mer ge­fun­den. Die Schau­plät­ze sind nicht mehr die High­ways oder die dunk­len Ecken der Groß­stadt. Die neu­en Ver­bre­chen fin­den in der Vor­stadt statt und im Ehe­bett, und wenn man „Wo­man With A Se­cret“von So­phie Han­nah da­zu nimmt, auch im In­ter­net. In die­sem Buch kann die Haupt­fi­gur nicht mehr zwi­schen den Rol­len un­ter­schei­den, die sie in den so­zia­len Netz­wer­ken und im ech­ten Le­ben spielt.

„Do­mestic Noir“nennt das „At­lan­tic“-Ma­ga­zin die­ses Phä­no­men: Das Grau­en lau­ert in der Dop­pel­haus­hälf­te. Mor­de und Ver­bre­chen pas­sie­ren nur mehr bei­läu­fig und wer­den im Vor­über­ge­hen be­schrie­ben. Die Er­zäh­le­rin­nen ge­ben Sät­ze von sich, die mit­un­ter ein­schüch­ternd sind, manch­mal an­kla­gend, bis­wei­len ver­zwei­felt, und was nicht ge­sagt wird, kann eben­so wich­tig sein wie das Aus­ge­spro­che­ne.

Man merkt, dass das Schrei­ben von Pau­la Haw­kins und noch stär­ker So­phie Han­nah den Stil auf­nimmt, der et­wa bei Twit­ter ge­pflegt wird. Ih­re Sät­ze sind kurz, man kann die Stim­mung der Spre­che­rin her­aus­hö­ren, aber sel­ten die Wahr­heit dar­in er­ken­nen. Die­se Spra­che führt zum Ver­ti­go-Ef­fekt im Kopf des Le­sers, man ist ver­wirrt, al­les dreht sich, und De­tek­tiv zu sein, be­deu­tet, dass man ge­ra­de­zu sprach­phi­lo­so­phisch ar­bei­ten muss.

Wenn man Kri­mis tat­säch­lich als Be­stands­auf­nah­me liest, könn­te man sa­gen, dass die­se Bü­cher zei­gen, wie schwie­rig es ist, der Über­in­for­ma­ti­on Herr zu wer­den. Sie stel­len Fra­gen: Wem kann man trau­en? War­um wird et­was ge­sagt? Und: Wel­che Rol­le spie­le ich da­bei? Ge­sucht wird kein Mör­der mehr und auch kein Ali­bi. Son­dern Iden­ti­tät.

Ge­walt wird in die­sen Bü­chern über Spra­che aus­ge­übt. Sar­kas­mus ist

das neue Gift.

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