As­phalt-Fes­ti­val lässt Dä­mo­nen tan­zen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER KULTUR - VON DOROTHEE KRINGS

Fa­mi­liä­re At­mo­sphä­re, ex­pe­ri­men­tel­le Kunst – mit die­ser Mi­schung bringt das Kul­tur­fest wie­der Be­we­gung in den trä­gen Som­mer.

Eben saß man noch im Hof der ehe­ma­li­gen Back­fa­brik an der Rons­dor­fer Stra­ße, die heu­te als Welt­kunst­zim­mer Künst­lern und Krea­tiv­ar­bei­tern Raum gibt. Char­mant-rau­es Pflas­ter, es gibt Waf­feln, Würst­chen, Bier in Hum­pen. Man sieht die Leu­te kom­men auf Stroh­soh­len und in leich­ten Klei­dern, lässt die Ge­dan­ken ru­hen auf die­sem Som­mer­klang­tep­pich aus Ge­mur­mel, Ge­ren­ne, Kin­der­ge­schrei, hat noch ein Bild im Kopf aus der fei­nen Fo­toAus­stel­lung von Lau­renz Ber­ges, die ge­ra­de er­öff­net wur­de – ei­nen Tun­nel, ver­wit­ter­te Mau­er, grau­er As­phalt. Star­ker Kon­trast zur Som­mer­lich­keit drau­ßen. Da geht es schon los mit der ers­ten Per­for­mance des As­phal­tFes­ti­vals in der Glas­hal­le der ehe­ma­li­gen Back­fa­brik: Die ko­rea­ni­sche Tän­ze­rin Ho­wool Baek lässt ih­re Ar­me auf die Büh­ne spa­zie­ren als sei­en es Bei­ne, zieht den Kör­per wie ge­lähmt hin­ter­her. Bald wird man in ih­ren vir­tuo­sen re­pe­ti­ti­ven Be­we­gun­gen al­ler­lei Krea­tür­li­ches er­ken­nen: Kr­ab­ben, In­sek­ten, Flü­gel­we­sen. Man wird stau­nen über den Bild­reich­tum des mus­ku­lö­sen Mi­ni­ma­lis­mus die­ser Tän­ze­rin. Und im­mer stil­ler wer­den, kon­zen­trier­ter, be­reit für wei­te­re Entdeckungen.

Das ist ja ei­ne Stär­ke des As­phal­tFes­ti­vals: Es hat et­was Fa­mi­liä­res, wie Gril­len bei Freun­den, und schafft da­mit ei­ne At­mo­sphä­re aus Ent­spannt­heit und Ver­trau­en, die Men­schen für Ex­pe­ri­men­tel­les öff­net. Das muss nicht im­mer ge­lin­gen. Die „Ab­sa­gen an die Fe­s­tung Eu­ro­pa“von Ewert Nitsch­ke et­wa sind ei­ne doch recht ba­na­le In­stal­la­ti­on. Der Künst­ler aus Bochum hat Men­schen und In­sti­tu­tio­nen, die sei­ner Mei­nung nach zur Ab­schot­tung Eu­ro­pas bei­tra­gen, mah­nen­de Brie­fe ge­schickt. Die bau­meln nun in Groß­for­mat von der De­cke ei­nes Rau­mes im Welt­kunst­zim­mer, sol­len An­lass ge­ben über Han­deln und Hal­tung po­li­tisch Ver­ant­wort­li­cher nach­zu­den­ken. An ei­nem Lap­top kann der Be­su­cher gar ei­ge­ne Ab­sa­gen for­mu­lie­ren. Doch in die Tie­fe führt ein sol­ches Kon­zept nicht, die Ober­flä­che aber kennt man schon.

Auch die Tanz­so­li von Va­len­ti­na Mo­ar und Laia San­mar­tin über­zeu­gen we­ni­ger als das klein­tei­li­ge Kör­per­spiel von Ho­wool Baek. Doch schon steht die „Ban­da Sen­de­ros“im Kon­zert­saal auf der Büh­ne und for­dert nun das Pu­bli­kum zum Tanz. Die neun­köp­fi­ge Band spielt Cum­bia und Reg­gae mit un­miss­ver­ständ­li­chen Beats und bald steht vor dem Po­di­um kein Fes­ti­val­be­su­cher mehr still.

As­phalt setzt auf star­ke Kon­tras­te zwi­schen den An­ge­bo­ten ei­nes Abends. Da­mit hat das Fes­ti­val schon in sei­nem Grün­dungs­jahr 2012 Be­we­gung in die trä­gen Som­mer­wo­chen ge­bracht und ei­ne Ni- sche im Kul­tur­an­ge­bot der Stadt auf­ge­tan. Das funk­tio­niert auch dies­mal wie­der, nach­dem das Fes­ti­val im ver­gan­ge­nen Jahr un­ter an­de­rem we­gen Fi­nan­zie­rungs­schwie­rig­kei­ten pau­sie­ren muss­te. So konn­te man am Er­öff­nungs­wo­chen­en­de et­wa zu­erst Neue Musik er­le­ben. Fes­ti­val-Mit­be­grün­der Bo­jan Vu­le­tic brach­te mit erst­klas­si­gen Mu­si­kern aus New York den sechs­ten Teil sei­ner „Re­com­po­sing Art“Rei­he zur Auf­füh­rung. Da­zu lässt er sich von Wer­ken an­de­rer Kunst­spar­ten an­re­gen. Dies­mal hat er sich mit Pa­blo Pi­cas­sos ge­wal­ti­gem An­ti­kriegs-Ge­mäl­de „Gu­er­ni­ca“be­fasst und legt ein Stück vor, das raf­fi­niert mit den klang­li­chen Mit­teln der In­stru­men­te ar­bei­tet, Krieg und Ver­zweif­lung hör­bar macht. Das nack­te Grau­en in Pi­cas­sos Werk al­ler­dings lässt sich klang­lich wohl doch schwer fas­sen.

Dann zeit­ge­nös­si­sches Pup­pen­thea­ter: Der bra­si­lia­ni­sche Tän­zer Du­da Pai­va be­tritt als buck­li­ger Au­ßen­sei­ter die Büh­ne, ver­wi­ckelt die Zu­schau­er am Ran­de in ein Ge­spräch über Krank­heit, Hoff­nung, Wun­der­hei­ler. Schon ist er selbst in Be­hand­lung. Die Ge­schwü­re an sei­nem Ko­s­tüm öff­nen sich, le­bens­gro­ße Schaum­stoff­pup­pen tre­ten aus dem Kör­pe­ran­zug her­vor. So­fort haucht Pai­va die­sen Fi­gu­ren Le­ben ein, tanzt mit sei­nen in­ne­ren Mons­tern, ringt mit sei­nen Dä­mo­nen, kämpft, tö­tet. Das ist hoch­vir­tu­os und so amü­sant wie be­un­ru­hi­gend. Pai­va muss­te als Kind er­fah­ren, wie es ist, blind zu sein, al­les er­tas­ten zu müs­sen, von Sprech­stun­de zu Sprech­stun­de ge­reicht zu wer­den. Man spürt in sei­nem Stück „Blind“die exis­ten­zi­el­le Angst sei­ner Kin­der­ta­ge, als ge­ne­se­ner Blin­der öff­net er den Se­hen­den die Au­gen für Aus­gren­zung, Au­ßen­sei­ter­tum, das ver­zwei­fel­te Rin­gen um Nor­ma­li­tät. Be­klem­mend, an­re­gend, ei­ne Ent­de­ckung.

Fes­ti­val-Mit­grün­der Bo­jan Vu­le­tic hat ein

Stück über Pi­cas­sos „Gu­er­ni­ca“

kom­po­niert

FO­TOS: PATRICK_ARGIRAKIS/ RALF PUDER (2)

Der bra­si­lia­ni­sche Tän­zer und Pup­pen­spie­ler Du­da Pai­va weck­te die Mons­ter in sich und ließ aus Bu­ckeln in sei­nem Kör­per­kos­tüm le­bens­gro­ße Pup­pen schlüp­fen.

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