„Auch ei­ne Au­to­bahn kann ein ly­ri­scher Ort sein“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER KULTUR -

(los) Für ih­ren Band „Zum Be­grei­fen nah“ist Ju­lia Trompeter – ge­bo­ren 1980 in Sieg­burg – ges­tern beim Poe­sie­fest im Hei­ne Haus mit dem Poe­sie-De­büt-Preis aus­ge­zeich­net wor­den. Er wur­de zum ers­ten Mal ver­ge­ben und ist do­tiert mit 4000 Eu­ro, fi­nan­ziert von der Lan­des­haupt­stadt. Die Lau­da­tio auf Trompeter hielt der Faz-Re­dak­teur Hu­bert Spie­gel. Wel­che Ta­ges­zeit ist für Sie ei­gent­lich die freund­lichs­te, um Ge­dich­te zu schrei­ben? TROMPETER Hmm, freund­lich ist ein schö­nes Ad­jek­tiv für ei­ne Ta­ges­zeit! Viel­leicht der spä­te Mor­gen, an dem man aus­schla­fen konn­te, an ei­nem Tag vol­ler Mu­ße ganz oh­ne Ter­mi­ne. . . Wenn ich zum Dich­ten je­doch im­mer auf ei­ne sol­che Ta­ges­zeit an ei­nem sol­chen Tag war­ten müss­te, wä­re mein Ly­rik­band we­sent­lich schma­ler. Sie ar­bei­ten an der Bochu­mer RuhrU­ni­ver­si­tät; das ist nicht ge­ra­de der al­ler­ly­rischs­te Ort hier­zu­lan­de. Den­noch wird er Ge­gen­stand auch Ih­rer Ge­dich­te. . . TROMPETER . . .was ver­ste­hen Sie denn un­ter ei­nem ly­ri­schen Ort? Für mich gibt es kei­ne nicht-ly­ri­schen Or­te. Auch ei­ne Au­to­bahn kann ein ly­ri­scher Ort sein, näm­lich ge­nau dann, wenn je­mand ein Ge­dicht über sie schreibt. Und die RuhrU­ni­ver­si­tät in Bochum fin­de ich so­gar ganz be­son­ders ge­dicht­freund­lich, weil sie so vie­le span­nen­de Brü­che ent­hält. Den­ken Sie mal an die­se wun­der­ba­re, fu­tu­ris­ti­sche Be­ton­ar­chi­tek­tur der spä­ten 60er Jah­re – die RUB ist ei­ne Uni, die auf ei­nem Hü­gel thront, um­schlos­sen vom wei­ten Him­mel, wie ei­ne Raum­sta­ti­on, von der aus man in die saf­tig­grü­ne Land­schaft des Ruhr­ge­biets blickt! Der Ti­tel ih­res Ge­dicht­ban­des er­weckt den Ein­druck, als sei so et­was wie Sinn tat­säch­lich greif­bar. Ih­re Ver­se ver­lan­gen al­ler­dings doch er­heb­lich mehr An­stren­gung und auch Ein­las­sung. TROMPETER Ja, ein biss­chen an­stren­gen und ein­las­sen soll­te sich der Le­ser. Denn wenn et­was „zum Be­grei­fen nah“er­scheint, heißt das ja nicht, dass man es auch tat­säch­lich be­grei­fen kann. Et­was kann sehr na­he sei, und den­noch bleibt im­mer ein Rest üb­rig, ein letz­tes Sub­strat der Din­ge, das sich ver­schließt. Mei­ner An­sicht nach kann un­se­re Wahr­neh­mung eben­so wie un­ser be­griff­li­ches Den­ken im­mer nur ei­ne An­nä­he­rung an ei­nen Ge­gen­stand lie­fern und ihn nie in al­len sei­nen Di­men­sio­nen er­fas­sen. Da darf man gern an Kants „Ding an sich“den­ken – muss man aber nicht. Es reicht voll­stän­dig, wenn an­hand der Tex­te klar wird, dass es vie­le Ar­ten gibt, auf un­se­re Welt zu bli­cken – und vor al­lem vie­le Ar­ten, dies sprach­lich zu er­fas­sen; und dass es doch ver­mes­sen wä­re, für die ei­ge­ne Sicht­wei­se Ob­jek­ti­vi­tät zu be­an­spru­chen. Sie sind die ers­te Trä­ge­rin des Poe­sieDe­büt-Prei­ses. Sie be­grün­den qua­si ei­ne Tra­di­ti­on. Be­flü­gelt das? TROMPETER Klar! Ich freue mich, dass es von nun an ei­nen Preis ge­ben wird, der ganz ex­pli­zit den Ly­rik­de­büts gilt. Ein sol­cher Preis fehl­te bis­lang, und sei­ne Ein­füh­rung setzt gleich meh­re­re Zei­chen: Sie zeigt, dass Ly­rik ei­ne wich­ti­ge li­te­ra­ri­sche Gat­tung ist und dass der ers­te Ly­rik­band für al­le, die schrei­ben, et­was Be­son­de­res ist. Au­ßer­dem macht der Preis klar, dass die Dich­terin­nen und Dich­ter fi­nan­zi­ell be­son­ders för­de­rungs­be­dürf­tig sind, je­den­falls so­lan­ge der Markt so bleibt, wie er ge­ra­de ist.

Ju­lia Trompeter

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