Viel­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Hmmm?“, brum­mel­te Ja­mes und tat, als sei er in die Ar­beit ver­tieft. „Das weib­li­che We­sen, das du zu un­se­rem Fünf­jäh­ri­gen mit­brin­gen willst.“

„Äh. Hmm. Da­für ist es noch ein biss­chen zu früh.“

„Komm schon, ir­gend­was kannst du uns doch si­cher sa­gen . . .“Har­ris war ein Quäl­geist. Er bohr­te nur in die­sem The­ma her­um, weil er spür­te, dass Ja­mes nicht dar­über re­den woll­te.

„Lern sie selbst ken­nen, ganz un­vor­ein­ge­nom­men!“, ver­such­te Ja­mes es mit auf­ge­setz­ter Freund­lich­keit.

„Wie heißt sie denn? Wo hast du sie ken­nen­ge­lernt?“VERPISS DICH END­LICH, DU OBERARSCHLOCH. „Ge­mein­sa­me Freun­de.“Wäh­rend Ja­mes noch über­leg­te, wie er sich aus der Sa­che mit der ima­gi­nä­ren Freun­din raus­re­den soll­te, fiel Har­ris’ Blick auf Par­kers Bild­schirm, und er stieß ei­nen mar­ker­schüt­tern­den Schrei aus.

„Par­ker, bist du et­wa auf Goog­le Plus? Wer, zum Teu­fel, ist denn auf Goog­le Plus? Wahr­schein­lich führst du Selbst­ge­sprä­che, weil au­ßer dir KEIN MENSCH AUF GOOG­LE PLUS IST.“

„Stimmt nicht, dei­ne Mum ist auch da­bei“, ent­geg­ne­te Par­ker.

„Ha­ha­ha, es ist dei­ne Mum, die Goog­le Plus nutzt“, ant­wor­te­te Har­ris. „Du rich­test ein Goog­le-Kon­to für dei­ne MUM ein. Dei­ne Mum hat dort ei­nen Freun­des­kreis, und du ge­hörst da­zu.“

„Da­für nutzt dei­ne Mum am Wo­che­n­en­de Out­look Ex­press“, gab Par­ker zu­rück.

„Und dei­ne Mum Pe­ga­sus Mail!“, er­wi­der­te Har­ris.

„Dei­ne Mum hat ein FAX, mit dem sie an­de­ren Leu­ten Sa­chen faxt . . .“

Ihr auf­ge­kratz­ter Ton­fall ver­riet, dass sie die­ses Ge­spräch für ei­ne gran­dio­se Come­dy­num­mer hiel­ten, de­ren Ruhm vie­le Ge­ne­ra­tio­nen über­dau­ern wür­de. Ein Im­pro­vi­sa­ti­ons­sketch, der di­rekt aus den sech­zi­ger Jah­ren zu stam­men schien.

Ja­mes setz­te sei­nen Kopf­hö­rer auf.

Wie schön muss­te es doch sein, mit Er­wach­se­nen zu­sam­men­zu­ar­bei­ten, dach­te er. Was für ei­ne Vor­stel­lung. Ihm fiel ein, wie er mit An­na im Bri­tish Mu­se­um über den an­ti­ken Schmuck­stü­cken ge­brü­tet hat­te, und er er­in­ner­te sich an ih­re Spöt­te­lei­en über die Fir­men­web­site. Kaum wag­te er, sich ih­re ver­ächt­li­chen Bli­cke aus­zu­ma­len, soll­te sie je ge­zwun­gen sein, ei­nen Nach­mit­tag in die­sem Kin­der­gar­ten zu ver­brin­gen.

Und das Är­ger­li­che dar­an war, dass er die­se Auf­fas­sung aus tiefs­tem Her­zen teil­te. Und das hat­te er ihr in ei­nem et­was un­be­herrsch­ten Aus­bruch er­öff­net.

Als An­na den ei­ser­nen Tür­klop­fer an der schwarz­la­ckier­ten Tür be­tä­tig­te, war sie ein we­nig er­staunt, dass Ja­mes Fra­ser hier wohn­te. Es war ei­ne or­dent­li­che, ru­hi­ge, von vik­to­ria­ni­schen Vil­len ge­säum­te Stra­ße. Die Häu­ser hat­ten wei­ße Gie­bel und Vor­gär­ten mit sau­ber ge­stutz­ten Li­gus­ter­he­cken. Im­mo­bi­li­en in die­ser Ge­gend wa­ren zu teu­er, um sie nicht gut in Schuss zu hal­ten. Ja­mes’ Haus in der Mit­te des Blocks war mit den all­ge­gen­wär­ti­gen wei­ßen Ja­lou­si­en aus­ge­stat­tet. Die in dem Pan­ora­ma­fens­ter vor­ne stan­den auf halb­mast. Auf der ge­flies­ten Veran­da war ei­ne auf alt ge­mach­te Gas­la­ter­ne.

Er öff­ne­te ihr in ei­nem dun­kel­blau­en Hemd und ei­ner Strick­ja­cke, im­mer­hin von MIA. Au­ßer­dem wirk­te er we­ni­ger arg­wöh­nisch und zu­gäng­li­cher als sonst. Wahr­schein­lich lag das am hei­mi­schen Ter­ri­to­ri­um, mut­maß­te sie.

„Dan­ke, dass Sie ex­tra so weit ge­fah­ren sind“, sag­te er. „Ich bin Ih­nen wirk­lich sehr dank­bar.“

„Kei­ne Ur­sa­che. So weit ist es gar nicht. Ich woh­ne in Sto­ke Newing­ton. Hof­fent­lich läuft die Wasch­ma­schi­ne wie­der.“„Äh. Ja.“An­na folg­te ihm ins Ess­zim­mer, das vom Flur ab­ging. In der schma­len Kü­che da­hin­ter er­kann­te sie ei­nen schwar­zen Kühl­schrank von Smeg, ei­nen Nost­al­gie­herd und je­de Men­ge blitz­blan­ken Chrom. Wow. Es war bes­ser, wenn er ih­re Kü­che nie zu Ge­sicht be­kam. Ab­ge­macht, füg­te ei­ne in­ne­re Stim­me hin­zu. „Tee? Kaf­fee?“„Tee wä­re nett, dan­ke.“„Sie trin­ken Him­beer­tee, rich­tig? Ich glau­be, ich ha­be noch wel­chen da.“

„Ja, dan­ke.“Sie hät­te ihn nicht für so auf­merk­sam ge­hal­ten. Auf ei­nem mit Pols­ter­nä­geln be­schla­ge­nen Le­der­ses­sel stieß ei­ne zer­zaus­te Über­de­cke ein lei­ses Äch­zen aus, ent­roll­te sich und streck­te sich blin­zelnd.

„Huch!“, schrie An­na un­will­kür­lich auf. Ja­mes lach­te. „An­na, Lu­ther. Lu­ther, An­na.“

„Ist das ei­ne Kat­ze? Die ist aber groß.“

„Ja, ein ziem­li­cher Rie­se. Auch wenn ich den Ver­dacht ha­be, dass er wie Gol­lum aus­se­hen wür­de, wenn man das gan­ze Fell ab­ra­siert.“„Und war­um starrt er uns so an?“„Wie denn?“„So . . . als wür­de er uns am liebs­ten um­brin­gen.“

Zu An­nas Er­leich­te­rung grins­te Ja­mes. „Er macht wirk­lich ein Ge­sicht, als wol­le er die Mensch­heit aus­rot­ten, was? Ich ver­su­che schon seit ei­ner Ewig­keit, die­sen Aus­druck in Wor­te zu fas­sen, gut ge­macht. Ver­ges­sen Sie Nord­ko­rea. Wenn sich der Atom­pilz in die Luft er­hebt, wird ei­ne graue Pfo­te auf dem ro­ten Knopf lie­gen.“„Ist er nach Lex Lut­hor be­nannt?“„Ha­ha! Lei­der nicht. Lu­ther wie in Lu­ther Van­d­ross.“

An­na war nicht si­cher, ob von ihr er­war­tet wur­de, den Ka­ter zu strei­cheln. „Ich bin nicht so der Kat­zen­fan“, ent­schul­dig­te sie sich.

„Ich merk schon, ich wit­te­re hier kei­nen Dr. Doo­litt­le“, mein­te Ja­mes und ver­schränk­te, im­mer noch lä­chelnd, die Ar­me. „Mö­gen Sie Hun­de lie­ber?“„Nein, ich hab es nicht so mit Haus­tie­ren. Oh, als Schü­le­rin hat­te ich ei­nen Hams­ter“, füg­te sie has­tig hin­zu. „Ker­bel.“

„Ker­bel? Was, wie das Kü­chen­kraut?“

„Ja. Es . . . pass­te zu ihm. Er war ein Frech­dachs. Ke­cker Ker­bel.“

„Wie schräg. Wie wä­re es mit Ba­si­li­kum? Das ist auch ein Kü­chen­kraut, und Ba­sil ist im­mer­hin ein Män­ner­na­me“, er­wi­der­te Ja­mes grin­send.

„Tja . . . dan­ke für den Tipp. Aber er lebt nicht mehr.“

„Wie scha­de“, ant­wor­te­te Ja­mes, und An­na muss­te la­chen.

„Lu­ther hat zwar je­de Men­ge Pro­ble­me, aber we­nigs­tens ha­ben wir ihn nicht Teu­fels­kral­le ge­nannt.“

Ja­mes beug­te sich vor, um den Ka­ter zu strei­cheln, aber der wich zu­rück.

„Ach, Lu­ther, das war doch nur ein Scherz!“, rief Ja­mes ihm nach, wäh­rend Lu­ther vom Ses­sel sprang und in die Kü­che trot­te­te. „Er war der Ka­ter mei­ner Frau“, füg­te er hin­zu. „Aha.“(Fort­set­zung folgt)

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