Linksextreme Ge­walt in Ber­lin es­ka­liert

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ UND EVA QUADBECK

Ei­nen Dia­log hält die Ber­li­ner Re­gie­rung nicht mehr für mög­lich. Am Wo­che­n­en­de wa­ren 123 Po­li­zis­ten bei ei­ner De­mo ver­letzt wor­den.

BER­LIN Die Kra­wall­nacht von Ber­lin of­fen­bart er­neut, dass in der Haupt­stadt das Pro­blem mit den Haus­be­set­zern seit der Wen­de­zeit nicht ge­löst ist. Im­mer wenn ei­ne Räu­mung an­steht oder voll­zo­gen wird, kommt es zu Stra­ßen­schlach­ten, und Au­tos ge­hen in Flam­men auf. Die Po­li­zei spricht von den schlimms­ten Kra­wal­len seit fünf Jah­ren. Ber­lins Re­gie­ren­der Bür­ger­meis­ter, Klaus Mül­ler (SPD), wie­gel­te ges­tern ab: „Wir ha­ben ins­ge­samt kei­ne un­si­che­re La­ge in un­se­rer Stadt.“Es ge­be kei­ne So­li­da­ri­tät mit Ge­walt­tä­tern.

In der Nacht zu Sams­tag hat­te ei­ne De­mons­tra­ti­on statt­ge­fun­den, die sich ge­gen die Gen­tri­fi­zie­rung des Ber­li­ner Be­zirks Fried­richs­hain rich­te­te, in der es auch um die Räu­mung des be­setz­ten Hau­ses an der Ri­ga­er Stra­ße 94 ging. 3500 Men­schen de­mons­trier­ten, ei­ni­ge war­fen Fla­schen und St­ei­ne und skan­dier­ten: „Bul­len­schwei­ne raus aus der Ri­ga­er“. Die Po­li­zei mel­de­te an­schlie­ßend 123 ver­letz­te Be­am­te.

Den Links­ex­tre­mis­ten geht es vor al­lem dar­um, ihr Re­vier zu ver­tei­di­gen und sich ih­ren Rück­zugs­raum nach Straf­ta­ten zu er­hal­ten. Wie sie ihr Re­vier ge­gen­über der Staats­ge­walt ver­tei­di­gen, be­schreibt der Ber­li­ner Ver­fas­sungs­schutz­be­richt, der sich auf vier Sei­ten mit dem Phä­no­men der Ri­ga­er Stra­ße 94 be­fasst. Dar­in heißt es: „Das mi­li­tan­te Agie­ren dient der Ab­schre­ckung, Ein­schüch­te­rung und letzt­lich der Macht­aus­übung im öf­fent­li­chen Raum.“Es han­de­le sich fak­tisch um ei­nen an­dau­ern­den, sys­te­ma­ti­schen und ge­walt­tä­ti­gen Ver­such von Ein­schüch­te­rung und der Ok­troy­ie­rung ei­ge­ner Po­li­tik­vor­stel­lun­gen, schrei­ben die Ver­fas­sungs­schüt­zer. Sie se­hen da­bei die rechts­staat­li­chen Nor­men und Ge­set­ze miss­ach­tet. Für den Ver­fas­sungs­schutz ist die Sa­che klar: Die Ri­ga­er Stra­ße 94 sei ein Nest von Links­ex­tre­mis­ten. Von den Be­woh­nern und ih­ren Sym­pa­thi­san­ten ge­he das größ­te Ge­walt­po­ten­zi­al der links­ex­tre­mis­ti­schen Sze­ne Ber­lins aus.

Al­ler­dings hat die Ber­li­ner Re­gie­rung ge­gen die­ses Ge­walt­po­ten­zi­al nie ernst­haft et­was un­ter­nom­men. Viel­mehr ließ man dem Links­ex­tre­mis­mus sei­ne Ni­sche. So trau­ten sich im Ja­nu­ar Po­li­zis­ten nicht, Tä­ter, die ei­nen Strei­fen­po­li­zis­ten beim Kn­öll­chen-Schrei­ben an­ge­grif­fen hat­ten, in das be­setz­te Haus zu ver­fol­gen. Die Be­am­ten rie­fen 500 Mann Ver­stär­kung und nah­men ei­ne Raz­zia in der „Ri­ga­er 94“vor.

Die Ge­walt von Links­ex­tre­mis­ten ist seit Jahr­zehn­ten ein The­ma in Ber­lin. Das Da­tum 1. Mai ist le­gen­där. Da­für reis­ten auch im­mer wie­der Link­au­to­no­me aus der gan­zen Re­pu­blik nach Ber­lin.

Im Kampf ge­gen linksextreme Ge­walt war Ber­lin stets dann er­folg­reich, wenn der Dia­log zwi­schen Staa­ten und Links­ex­tre­men mög­lich war. Die tra­di­tio­nel­le Ge­walt zum 1. Mai konn­te da­mit deut­lich re­du­ziert wer­den. Wenn der Dia­log aber nicht funk­tio­niert, fehlt den Be­hör­den ein Plan B, wie sie ef­fek­tiv ge­gen Ge­walt vor­ge­hen. Für die Ri­ga­er Stra­ße 94 hat der Haus­be­sit­zer rechts­gül­tig ei­nen Räu­mungs­be­scheid er­wirkt. Er möch­te in dem Haus Flücht­lings­woh­nun­gen schaf­fen. Wer im Recht ist, ist al­so ein­deu­tig. All dies scheint den Links­ex­tre­mis­ten egal zu sein.

In der Ber­li­ner Re­gie­rung hat nun die ge­gen­sei­ti­ge Schuld­zu­wei­sung be­gon­nen, wer für die Es­ka­la­ti­on ver­ant­wort­lich ist. Wäh­rend In­nen­se­na­tor Frank Hen­kel (CDU) we­gen sei­ner Kom­pro­miss­lo­sig­keit in der Kri­tik steht, wirft die CDU ih­rem Ko­ali­ti­ons­part­ner, der SPD, vor, sie wol­le den Dia­log mit den Ge­walt­tä­tern su­chen. In­dem der Re­gie­ren­de Bür­ger­meis­ter Mül­ler Brand­an­schlä­ge mit Ge­sprächs­an­ge­bo­ten be­lohn­te, ha­be er ei­ne Ge­walt­spi­ra­le in Gang ge­setzt. Tat­säch­lich hat­te sich Mül­ler auf der ein­schlä­gi­gen In­ter­net­sei­te der Links­au­to­no­men „in­dy­me­dia“ei­ne Ab­sa­ge sei­nes Ver­hand­lungs­an­ge­bots ein­ge­holt. Man wer­de nicht mit Ver­tre­tern des Staats ver­han­deln.

Die stell­ver­tre­ten­de Frak­ti­ons­che­fin der SPD im Bun­des­tag, Eva Högl, selbst mit im Ber­li­ner Wahl­kreis, rät zu ei­ner Dop­pel­stra­te­gie: „Wir müs­sen mit der Sze­ne wie­der mehr ins Ge­spräch kom­men. Wir brau­chen grund­sätz­lich ei­nen Plan und ei­ne Per­spek­ti­ve, wie wir mit Pro­jek­ten wie an der Ri­ga­er Stra­ße um­ge­hen“, sagt sie. Zugleich be­tont die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te: „Es kann aber kei­nen Dia­log mit Ge­walt­tä­tern ge­ben, und wir kön­nen auch kei­nen Rechts­bruch und kei­ne rechts­frei­en Räu­me dul­den.“

Wie es mit dem teil­wei­se ge­räum­ten Haus an der Ri­ga­er Stra­ße wei­ter­geht, ist of­fen. Auch Mül­ler dis­tan­zier­te sich ges­tern von wei­te­ren Ge­sprä­chen mit den Ex­tre­mis­ten. Nach der Ge­walt­es­ka­la­ti­on sei nicht die Zeit für Run­de Ti­sche. In Ber­lin ist ein hei­ßer Som­mer zwi­schen Po­li­zei und Au­to­no­men zu be­fürch­ten.

FOTO: DPA

Mit Ben­ga­los und Ban­nern de­mons­trier­ten An­woh­ner der Ri­ga­er Stra­ße in Ber­lin Fried­richs­hain am Wo­che­n­en­de.

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