Die Eis­kö­ni­gin

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON JO­CHEN WITT­MANN

In­nen­mi­nis­te­rin The­re­sa May ist nach dem ab­rup­ten Rück­zug ih­rer Ri­va­lin Andrea Lead­som ein­zig ver­blie­be­ne Kan­di­da­tin der To­ries. Nun wird sie wohl schon mor­gen zur neu­en Pre­mier­mi­nis­te­rin Groß­bri­tan­ni­ens ge­kürt.

LON­DON Die stei­ner­nen Mie­nen ih­rer Ge­folgs­leu­te spra­chen Bän­de. Als Andrea Lead­som ges­tern Mit­tag über­ra­schend vor die Tür ih­res Wohn­hau­ses in Lon­don trat, um ein State­ment zu ver­le­sen, wuss­te je­der, was jetzt kommt: noch ein Rück­tritt. Nach­dem zu­erst Da­vid Ca­me­ron als Pre­mier­mi­nis­ter auf­ge­ge­ben hat­te, dann Bo­ris John­son dar­auf ver­zich­te­te, sich als sein Nach­fol­ger zu be­wer­ben, ent­schied nun auch Andrea Lead­som, das Hand­tuch zu wer­fen und sich aus dem Ren­nen um den Par­tei­vor­sitz der Kon­ser­va­ti­ven zu­rück­zu­zie­hen. Da­mit wird The­re­sa May als ein­zi­ge

The­re­sa May noch ver­blei­ben­de Kan­di­da­tin jetzt die künf­ti­ge To­ry-Che­fin, Nach­fol­ge­rin von Ca­me­ron und da­mit nach Mar­ga­ret That­cher die zwei­te weib­li­che Pre­mier­mi­nis­te­rin von Groß­bri­tan­ni­en wer­den.

Andrea Lead­som wur­de ih­re Un­er­fah­ren­heit im Um­gang mit den Me­di­en zum Ver­häng­nis. In ei­nem In­ter­view mit der „Ti­mes“hat­te sie dar­auf ver­wie­sen, dass sie drei Kin­der zur Welt ge­bracht ha­be, ih­re Ge­gen­kan­di­da­tin The­re­sa May da­ge­gen kin­der­los sei. Sie leg­te na­he, dass sie des­we­gen bes­ser für das Pre­mier­mi­nis­ter­amt ge­eig­net sei, weil sie als Mut­ter „ei­ne sehr rea­le Teil­ha­be an der Zu­kunft un­se­res Lan­des“ha­be. Das In­ter­view hat­te zu ei­nem Sturm der Ent­rüs­tung ge­führt. Ein De­men­ti von Lead­som, die es nicht so ge­meint ha­ben woll­te, half dann auch nicht mehr. Ges­tern konn­te sich die Staats­se­kre­tä­rin im Um­welt­mi­nis­te­ri­um aus­rech­nen, dass sie bei den Par­tei­mit- glie­dern, die letzt­lich über den Chef­pos­ten in ei­ner Brief­wahl zu ent­schei­den hät­ten, nicht mehr ge­nug Un­ter­stüt­zung fin­den wür­de.

Lead­som selbst be­grün­de­te ih­ren Rück­zug da­mit, dass das Land jetzt ei­ne ge­ein­te Par­tei und ei­ne star­ke Füh­rung brau­che. Sie ha­be zwar die No­mi­nie­rung von 84 Un­ter­haus­ab­ge­ord­ne­ten er­hal­ten, doch sei die Un­ter­stüt­zung von we­ni­ger als ei­nem Vier­tel der kon­ser­va­ti­ven Frak­ti­on nicht ge­nug. „The­re­sa May ge­wann die Rü­cken­de­ckung von 60 Pro­zent der To­ry-Kol­le­gen“, sag­te Lead­som. „Sie ist in ei­ner idea­len Po­si­ti­on, um den Br­ex­it zu den best­mög­li­chen Be­din­gun­gen für das bri­ti­sche Volk um­zu­set­zen, und ich den­ke, das wird sie tun.“

Das hat auch The­re­sa May selbst in ei­ner Re­de in Bir­mi­nig­ham be­stä­tigt. „Br­ex­it be­deu­tet Br­ex­it“, sag­te sie, „und wir ma­chen ei­nen Er­folg dar­aus.“Da­mit dürf­ten die Ge­rüch­te über ei­nen mög­li­chen „Exit vom Br­ex­it“, ein even­tu­el­les zwei­tes Re­fe­ren­dum oder der­glei­chen, end­gül­tig vom Tisch sein. Es ge­he dar­um, sag­te May in Bir­ming­ham, das Land „durch ei­ne Zeit der öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen Un­si­cher­heit zu steu­ern“im Ver­such, „ei­ne neue Rol­le für uns in der Welt zu schmie­den“. Da­zu brau­che es ei­ne „star­ke und be­währ­te Füh­rer­schaft“.

Da­mit ver­wies sie auf sich selbst. Der gro­ße Vor­zug von The­re­sa May ist si­cher­lich, dass sie schon so lan­ge da­bei ist. Sie ist die längst­die­nen­de In­nen­mi­nis­te­rin, die die Kon­ser­va­ti­ven je hat­ten. Sie gilt als er­fah­ren, so­li­de und äu­ßerst ver­siert mit den De­tails ih­res Auf­ga­ben­be­reichs. Sie ge­hört dem mo­de­ra­ten, zen­tris­ti­schen Flü­gel der Kon­ser­va­ti­ven Par­tei an und hat, ob­wohl sie mit eu­ro­skep­ti­schen Po­si­tio­nen her­vor­ge­tre­ten ist, im Re­fe­ren­dums­wahl­kampf die Sei­te der EU-Freun­de ver­tre­ten.

Ei­ni­ge ih­rer Kol­le­gen nen­nen sie die „Eis­kö­ni­gin“. Da­mit sind ih­re küh­le Art und ihr har­tes Ver­hand­lungs­ge­schick eben­so ge­meint wie der Um­stand, dass sie un­ter den To­ry-Kol­le­gen kei­ne Ge­folg­schaft kul­ti­viert hat, wie es an­de­re mit Am­bi­tio­nen auf Hö­he­res ge­tan ha­ben. May da­ge­gen ver­such­te stets, mit Kom­pe­tenz zu trump­fen.

Die 59-jäh­ri­ge Pfar­rers­toch­ter trat schon im Al­ter von zwölf Jah­ren in die Kon­ser­va­ti­ve Par­tei ein, ar­bei­te­te nach ih­rem Stu­di­um in Ox­ford im Lon­do­ner Fi­nanz­di­strikt und wur­de 1997 ins Un­ter­haus ge­wählt. Dort mach­te sie schnell Kar­rie­re, zu­erst als Mit­glied des Schat­ten­ka­bi­netts, spä­ter als Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin der Par­tei. Mit dem Wahl­sieg der To­ries im Mai 2010 wur­de sie In­nen­mi­nis­te­rin und hat sich seit­dem auf die­sem Pos­ten, der als Schleu­der­sitz gilt, hal­ten kön­nen.

May hat bis­her nur we­nig ver­ra­ten, was ih­re Hal­tung zu den Br­ex­itVer­hand­lun­gen an­geht, aber im­mer­hin ge­sagt, dass sie mit der An­ru­fung von Ar­ti­kel 50, was den Aus­tritts-Pro­zess star­ten wür­de, war­ten will, „bis ei­ne Exit-Stra­te­gie klar ist“. Au­ßer­dem deu­te­te May an, dass sie nicht auf ei­nen har­ten Br­ex­it zu­steu­ert, son­dern „den best­mög­li­chen Zu­gang zum Bin­nen­markt“an­strebt.

„Br­ex­it be­deu­tet Br­ex­it, wir ma­chen ei­nen

Er­folg dar­aus“ de­si­gnier­te Pre­mier­mi­nis­te­rin

Groß­bri­tan­ni­ens

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