Gebt uns un­se­ren Fuß­ball zu­rück!

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - SPORT - VON GIANNI COS­TA

Im­mer mehr Spie­le, im­mer schlech­te­re Qua­li­tät. Die EM in Frank­reich hat ge­hal­ten, was man von ihr be­fürch­tet hat. Por­tu­gal hat als Ti­tel­trä­ger oh­ne zu glän­zen das Ma­xi­mum raus­ge­holt. Bes­se­rung ist nicht in Sicht. Im Ge­gen­teil.

PA­RIS Man weiß nicht, wor­über man sich mehr freu­en soll. Dass end­lich die­se un­fass­bar mie­sen Spie­le bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft ein En­de ha­ben oder das noch viel ner­vi­ge­re Ge­jam­mer dar­über. Die­se EM soll al­so die schlech­tes­te al­ler Zei­ten ge­we­sen sein. Und Por­tu­gal da­mit der schlech­tes­te Eu­ro­pa­meis­ter. Es gibt ein paar Fak­ten, die das zu­min­dest aus Un­ter­hal­tungs­sicht un­ter­strei­chen. Im Durch­schnitt sind pro Par­tie dies­mal nur 2,12 To­re ge­fal­len. Ins­ge­samt 108 Tref­fer in 51 Be­geg­nun­gen, ei­ner al­le 44 Mi­nu­ten. Es gab im Gegensatz zum Tur­nier in Po­len und der Ukrai­ne 20 Spie­le mehr. Vor vier Jah­ren lag der Schnitt noch bei 2,45 Tref­fern pro Be­geg­nung, 2008 in Ös­ter­reich und der Schweiz wa­ren es 2,48. Er­ziel­te To­re sind na­tür­lich nicht der ent­schei­den­de In­di­ka­tor da­für, die Qua­li­tät ei­ner EM-Auf­la­ge zu be­wer­ten. Sie sind aber zu­min­dest ein star­ker Hin­weis.

Der Fuß­ball droht zu über­hit­zen. Das ist das wah­re Pro­blem. Wäh­rend der EM hat sich Ewald Lie­nen, der Trai­ner von Zweit­li­gist FC St. Pau­li, zu Wort ge­mel­det und der ei­ge­nen Bran­che den Spie­gel vor­ge­hal­ten. Lie­nen, ein kri­ti­scher Geist, der An­fang der 1980er-Jah­re als Glad­ba­cher Pro­fi in der Fuß­gän­ger­zo­ne von Ei­cken ge­gen die Auf­rüs­tung hier­zu­lan­de de­mons­trier­te, be­fand al­so: „In der ers­ten Wo­che ha­ben wir uns doch al­le wahn­sin­nig ge­lang­weilt. Ich bin auch mal ein­ge­nickt. (...) Ich glau­be, dass un­ser Pro­dukt seit Jah­ren völ­lig ver­wäs­sert wird.“Lu­ci­en Fav­re kommt zu ei­nem ähn­lich er­nüch­tern­den Ur­teil. „Die Qua­li­tät war ein­fach zu schlecht“, be­fand der Ex-Trai­ner von Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach in ei­nem In­ter­view mit dem „Spie­gel“.

Nun kann man als Haupt­schul­di­gen für die Mi­se­re schnell den eu­ro­päi­schen Fuß­ball­ver­band Ue­fa aus­ma­chen. Er war es schließ­lich, der das Teil­neh­mer­feld von 16 auf 24 Mann­schaf­ten auf­ge­bläht hat, und das selbst­re­dend nicht aus völ­ker­ver­bin­den­den Grün­den, son­dern um so noch mehr und mehr und noch mehr Geld ver­die­nen zu kön­nen. Die Ue­fa schert sich kei­nen Deut dar­um, dass sie kost­ba­res Gut ver­wal­tet. Sie geht wie der Be­sit­zer ei­ner gro­ßen Hüh­ner­farm ans Tag­werk, öko­no­misch ge­trie­ben, dar­um be­müht, auf glei­chem Platz im­mer mehr und schnel­ler zu pro­du­zie­ren. Der Hüh­ner­mann macht das, weil es ei­nen Markt für sein Pro­dukt gibt.

Die Ue­fa und der Welt­ver­band Fi­fa ha­ben Fuß­ball zu ei­ner Mas­sen­wa­re ge­macht. Es geht nur noch in klei­nen ge­schütz­ten Mo­men­ten um das Spiel selbst, al­les an­de­re ist Kom­merz. Und es gab bis­her auch we­nig An­lass zu mut­ma­ßen, das Pu­bli­kum sei schon über­sät­tigt. Im Ge­gen­teil. Seit ges­tern fin­det in Deutsch­land die U 19-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft statt. Ein Wett­be­werb von dem noch vor we­ni­gen Jah­ren nur Fein­schme­cker über­haupt No­tiz ge­nom­men hät­ten. Beim Er­öff­nungs­spiel zwi­schen der deut­schen und der ita­lie­ni­schen Aus­wahl (0:1) wa­ren in Stutt­gart 54.689 Zu­schau­er im Sta­di­on. Die meis­ten wa­ren Kin­der, ver­mut­lich mit Frei­kar­ten aus­ge­stat­tet, aber im­mer­hin. Am Tag, nach­dem ei­ne gan­ze Na­ti­on ju­bel­te, die ei­ne EM ge­schafft zu ha­ben, gibt es gleich die nächs­te Do­sis Fuß­ball. Und ein paar Wo­chen spä­ter sind Olym­pi­sche Som­mer­spie­le in Rio. Bei Olympia ist Fuß­ball bis­lang im­mer ei­ne ver­gleichs­wei­se klei­ne Num­mer ge­we­sen. In Bra­si­li­en, so die Hoff­nun­gen der Ver­mark­ter, soll sich das än­dern.

Schon jetzt sind die Spie­ler längst an ei­nem nicht mehr ver­tret­ba­ren Li­mit an­ge­langt. Der Kör­per und viel­leicht mehr noch der Geist sind nicht da­für ge­schaf­fen, 60 oder mehr Spie­le auf höchs­tem Ni­veau zu be­strei­ten. Es gibt die na­tio­na­len Wett­be­wer­be von Meis­ter­schaft und Po­kal, das in­ter­na­tio­na­le Ge­schäft un­ter­teilt in Cham­pi­ons Le­ague als wich­tigs­te Büh­ne und die Eu­ro­pa Le­ague als Ab­fall­pro­dukt. Es wä­re si­cher sinn­voll, den stän­di­gen Ex­pan­sio­nen Ein­halt zu ge­bie­ten. Doch wer soll­te auf sein Stück vom Ku­chen frei­wil­lig ver­zich­ten wol­len?

Die EM in Frank­reich hat­te vie­le schö­ne Mo­men­te. Die un­ver­brauch­ten Is­län­der, Wa­li­ser und Un­garn ha­ben et­was vom Spaß am Spiel zu­rück­ge­bracht. Weil sie Ge­schich­ten zu er­zäh­len hat­ten, nicht we­gen ih­rer zu­ge­ge­ben mau­en In­ter­pre­ta­ti­on des Spiels. Auf Dau­er wür­de ei­nem selbst das „Hu!“der Wi­kin­ger auf die Ner­ven ge­hen.

Die­se EM ist ver­mut­lich ei­ne der schlech­te­ren ge­we­sen. Sie wird ge­wiss nicht für ei­ne Zei­ten­wen­de im Fuß­ball­ge­schäft ste­hen. Denn es wird zwar lei­den­schaft­lich ge­jam­mert, doch ei­ne Al­ter­na­ti­ve ist nicht in Sicht. Der neue Fi­fa-Prä­si­dent Gianni In­fan­ti­no möch­te üb­ri­gens das Teil­neh­mer­feld bei der WM auf­sto­cken – von 32 auf dann 40.

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