Viel­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Die Ver­gan­gen­heits­form war ihr sehr wohl auf­ge­fal­len, was wie­der­um ihm auf­fiel. „Eva und ich ha­ben uns vor ein paar Mo­na­ten ge­trennt.“„Das tut mir leid“, er­wi­der­te An­na. So hat­te sie es sich nicht vor­ge­stellt. Dass Ja­mes Fra­ser sing­le war, hät­te sie nie­mals er­war­tet. Zwei­fel­los hat­te er zu­vor re­gel­mä­ßig ir­gend­ei­ne ih­rer schi­cken Freun­din­nen auf dem Klo des Car­go in Hox­ton durch­ge­vö­gelt. Bis über bei­de Oh­ren zu­ge­dröhnt mit Koks oder was herz­lo­se Schi­cki­mi­ckis in der Mid­life-Cri­sis heut­zu­ta­ge so ein­war­fen. Sie be­merk­te, dass er kei­nen Ehe­ring trug. Er folg­te Lu­ther in die Kü­che, stell­te Tas­sen be­reit und schal­te­te den Was­ser­ko­cher ein.

„Ich ho­le die Un­ter­la­gen“, sag­te er, als er zu­rück­kam, wäh­rend An­na ver­le­gen her­um­stand. „Kann ich Ih­ren Man­tel auf­hän­gen?“

„Oh . . . dan­ke.“An­na gab ihm den grau­en Duf­fle­coat.

Als Ja­mes die Stu­fen hin­auf­lief, hall­ten sei­ne Schrit­te auf dem Holz wi­der.

Nun, da er weg war, konn­te An­na scham­los die Um­ge­bung be­gaf­fen. Noch nie war sie in so ei­nem Haus ge­we­sen, wo je­des Zim­mer aus­sah, als ge­hö­re es in ei­ne Wohn­zeit­schrift.

Der Die­len­bo­den war dun­kel wie Si­rup, das Ches­ter­field-So­fa war mit ei­nem Samt be­zo­gen, des­sen zar­ter Ro­sa­ton an die Brust­war­zen auf ei­nem Ge­mäl­de von Ros­set­ti er­in­ner­te. Au­ßer­dem gab es ge­schwun­ge­ne, mit sil­ber­nen Ak­zen­ten ver­zier­te Steh­lam­pen aus Glas und ein­zel­ne Kost­pro­ben von Floh­marktchic wie den Le­der­ses­sel. Die Plat­te des Couch­tischs be­stand aus ei­nem ve­ne­zia­ni­schen Spie­gel, der das Licht auf ei­nen wei­te­ren ge­wal­ti­gen Spie- gel über dem Sims ei­nes ech­ten of­fe­nen Ka­mins re­flek­tier­te. Über­haupt strotz­te der Raum von re­flek­tie­ren­den Flä­chen.

Dass sie kei­ne Kin­der hat­ten, brauch­te er An­na nicht ei­gens mit­zu­tei­len. Sie mal­te sich aus, wie ein Klein­kind durch die­ses Zim­mer rann­te, mit ei­ner schar­ti­gen Scher­be im Kopf.

Auf ei­ner zer­schramm­ten, ab­ge­beiz­ten Kom­mo­de im Ess­zim­mer rag­te ein Wald aus Fo­tos in schwe­ren sil­ber­nen Rah­men em­por. Wie er­war­tet, han­del­te es sich um ei­nen Lob­ge­sang auf die Schön­heit der Be­woh­ner die­ses Hau­ses und Er­in­ne­run­gen an exo­ti­sche Ur­laubs­rei­sen.

Die Bild­hin­ter­grün­de um­fass­ten kopf­st­ein­ge­pflas­ter­te Stra­ßen auf dem eu­ro­päi­schen Fest­land, tro­pi­sche Ge­wäch­se und Bal­ko­ne in Man­hat­tan. Auf ei­nem Bild stand die No­che­he­frau bis zur Tail­le in damp­fen­dem Was­ser. Sie trug ei­nen wei­ßen knap­pen Bi­ki­ni. Nie­mals hät­te An­na ein Tit­ten­fo­to von sich in ei­nem öf­fent­lich zu­gäng­li­chen Raum zur Schau ge­stellt. Na­tür­lich konn­te sie auch nicht mit so ei­ner Fi­gur auf­war­ten. Eva war hin­rei­ßend, und zwar so, dass es ei­nem fast zu viel wur­de. Auf­se­hen­er­re­gend gla­mou­rös und gleich­zei­tig ro­bust und ge­sund, die Art von Frau, die nicht nur auf den Mann als Gan­zen, son­dern auch auf sei­nen klei­nen Freund ei­ne er­he­ben­de Wir­kung hat­te.

Ein Foto fiel An­na be­son­ders auf, und sie trat nä­her her­an, um es ge­nau zu be­trach­ten. Ja­mes schau­te in die Ka­me­ra. Er saß an ei­nem Tisch in ei­nem Stra­ßen­ca­fé und späh­te lä­chelnd über ei­ne gro­ße Kaf­fee­tas­se hin­weg. Auf dem Foto wirk­te er sehr an­zie­hend. Nicht nur we­gen sei­nes Äu­ße­ren, denn das war nicht wei­ter schwer, wenn ei­nem die kör­per­li­chen Vor­aus­set­zun­gen in die Wie­ge ge­legt wor­den wa­ren. Es lag eher an sei­nem Ge­sichts­aus­druck. So hat­te sie ihn nie ge­se­hen: ver­trau­lich, vol­ler Zu­nei­gung und mit ei­nem spöt­ti­schen Grin­sen. Ein biss­chen post­ko­i­tal viel­leicht.

So blick­te man nur ei­nen Men­schen an, nach dem man ver­rückt war, ei­nen Men­schen, der da­für sorg­te, dass sich ei­nem die Ein­ge­wei­de ver­flüs­sig­ten. Ei­nen Mo­ment lang nahm An­na die Per­spek­ti­ve der Per­son hin­ter der Ka­me­ra ein. Es ver­setz­te ihr ei­nen selt­sa­men Stich, und Er­in­ne­run­gen an ih­re ju­gend­li­che Schwär­me­rei stie­gen auf, als sei ein Schat­ten über sie hin­weg­ge­glit­ten. Sie schob das Ge­fühl bei­sei­te.

In der Mit­te des Ar­ran­ge­ments prang­te das Hoch­zeits­fo­to, das das Braut­paar in ei­nem Kon­fet­ti­re­gen auf der Vor­trep­pe des Stan­des­amts zeig­te. Die bei­den lach­ten aus­ge­las­sen dar­über, wie wun­der­voll und ver­liebt sie wa­ren.

Ja­mes trug ei­nen tin­ten­blau­en An­zug und ei­ne ge­blüm­te Kra­wat­te. Lä­chelnd be­trach­te­te er sei­ne Fü­ße, sein mar­kan­tes Ge­sicht un­glaub­lich fo­to­gen. Sei­ne Frau schau­te nach links zu je­man­dem au­ßer­halb des Bil­des. Ihr Braut­kleid war schlicht, eng an­lie­gen­de Spit­ze, und so ge­schnit­ten, dass die schma­len Schul­tern und ihr Schwa­nen­hals zur Gel­tung ka­men. Ihr Haar wur­de von ei­nem dün­nen, mit Edel­stei­nen be­setz­ten Band aus dem Ge­sicht ge­hal­ten. Die Au­gen wa­ren de­zent mit Eye­liner be­tont, und sie trug Per­len­ste­cker an den Ohr­läpp­chen. Das gan­ze Ar­ran­ge­ment war ul­tras­til­voll und re­tro – El­vis lebt und hei­ra­tet Gra­ce Kel­ly. Die bei­den wa­ren der In­be­griff der Per­fek­ti­on.

Was wür­de ein Paar wie die­ses tun, wenn es ein häss­li­ches Ba­by be- kam? Es in ei­nem Ei­mer er­säu­fen? An­na zuck­te un­ter ih­rer ei­ge­nen Bru­ta­li­tät zu­sam­men. Mög­lich, dass sie sich we­gen des Kin­der­the­mas ge­trennt hat­ten.

Aus der Kü­che war ein Krat­zen zu hö­ren, als scharr­ten Mäu­se hin­ter der Fuß­bo­den­leis­te. Als An­na nach­se­hen ging, stell­te sie fest, dass Lu­ther mit fle­hen­der Mie­ne an der Hin­ter­tür war­te­te.

„Mi­auuuu!“Er streck­te ei­ne flau­schi­ge Pfo­te nach der Tür aus und stups­te ei­ni­ge Ma­le da­ge­gen, um sein An­lie­gen zu ver­deut­li­chen. Dar­auf folg­te ein noch kläg­li­che­res Mi­auuuuu.

„Ach, du willst raus?“, sag­te An­na, er­leich­tert, die fins­te­ren Ge­dan­ken durch ei­ne klei­ne Hand­rei­chung im Haus­halt wie­der­gut­ma­chen zu kön­nen.

An ei­nem Ha­ken über der Ar­beits­flä­che hing ein Schlüs­sel mit ei­nem gol­de­nen Bom­mel dar­an. An­na steck­te ihn ins Schloss und dreh­te ihn um. Die Tür öff­ne­te sich kli­ckend. „Al­so los.“Der Ka­ter, der dar­um ge­bet­telt hat­te, hin­aus­ge­las­sen zu wer­den, mach­te nun ein zwei­feln­des Ge­sicht und glotz­te An­na leicht be­nom­men an. Sei­ne Schnurr­haa­re wa­ren so lang wie die St­a­cheln ei­nes St­a­chel­schweins. An­na bück­te sich und ver­setz­te ihm ei­nen klei­nen Schubs. Die­ser däm­li­che Staub­fän­ger zier­te sich, als hät­te er nie zu­vor ei­ne Pfo­te in sei­nen ei­ge­nen Gar­ten ge­setzt.

Sie wa­ren da­bei, gro­ße Ab­zü­ge von Farb­fo­tos durch­zu­schau­en. An­na mach­te auf den Rück­sei­ten No­ti­zen. Als Hin­ter­grund­mu­sik lief ge­dämpf­te Klas­sik auf ei­nem Ra­dio Mar­ke Ro­berts.

(Fort­set­zung folgt)

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