Zur Som­mer­fri­sche an den Fluss

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON RÜ­DI­GER FRANZ FOTO: FRANK HOMANN

Als die Ka­ri­bik noch nicht en vogue war, wähl­ten Künst­ler und Ad­li­ge die Land­schaft um den Dra­chen­fels gern als Rei­se­ziel.

REMAGEN Man­chen mag das jetzt wun­dern, aber: Die En­g­län­der ha­ben den Rhein ent­deckt. Dass sich Rei­se­ge­wohn­hei­ten ver­än­dern, ist nichts Neu­es: Wer sich bis ins 18. Jahr­hun­dert das Rei­sen leis­ten konn­te, wähl­te oft­mals gleich die ganz gro­ße Tour und ließ sich meh­re­re Jah­re lang durch West- und Sü­d­eu­ro­pa trei­ben.

Im 19. Jahr­hun­dert konn­ten dann schon et­was mehr Men­schen von sich be­haup­ten: „Ich bin dann mal weg.“Ju­ris­ten, Be­am­te und Wis­sen­schaft­ler ver­grö­ßer­ten bald die tou- zeln, doch für die meis­ten Deut­schen war der Rhein zu die­sem Zeit­punkt ein rei­ner Wirt­schafts­fak­tor (und Be­dro­hung bei Hoch­was­ser); und die Fran­zo­sen sa­hen ihn be­vor­zugt als natürli­che Gren­ze an.

Schon im ers­ten Rei­se­füh­rer in eng­li­scher Spra­che, er­schie­nen im Jahr 1783, wur­de der Rhein als „See­len­land­schaft der Träu­me“be­zeich­net. Kaum wa­ren die na­po­leo­ni­schen Krie­ge nach Wes­ten über das Rhein­land hin­weg ge­zo­gen, da ging es auch schon los: 1816 konn­te in Köln das ers­te Dampf­schiff mit Tou­ris­ten be­grüßt wer­den. 1827 wur­den ins­ge­samt 18.000 Pas­sa­gie­re ge­zählt, ab 1856 über ei­ne Mil­li­on, da­von die Hälf­te aus En­g­land.

Un­ter den ers­ten bri­ti­schen Rhein­rei­sen­den war 1816 auch der Dich­ter Lord By­ron. Sei­ne Ver­se, in de­nen dem Dra­chen­fels und dem Sie­ben­ge­bir­ge Haupt­rol­len zu­ka­men, ta­ten das Ih­re und lös­ten auf der In­sel ei­nen „Hy­pe“aus. Die da­zu­ge­hö­ri­gen Bil­der lie­fer­te ein an­de­rer: Mit ei­ner enor­men Samm­lung aus Skiz­zen und Aqua­rel­len kehr­te Wil­li­am Tur­ner nach En­g­land zu­rück. Gern lo­gier­te der Ma­ler in Remagen und hielt von Schloss Ma­ri­en­fels aus die Rhein­bie­gung vom Sie­ben­ge­bir­ge bis Linz auf der Lein­wand fest. An die 1800 Bü­cher mit Rhein­an­sich­ten sol­len im 19. Jahr­hun­dert in Groß­bri­tan­ni­en er­schie­nen sein.

Auch Kom­po­nis­ten lie­ßen sich vom ru­hi­gen Strom in­spi­rie­ren. Die Au­to­rin Fran­ces Trol­lo­pe no­tier­te: „Wie der Bau­er den Re­gen, wie der Fi­scher die He­rings­schwär­me, so er­war­ten die Rhein­län­der Jahr für Jahr die An­kunft der Rei­sen­den aus En­g­land.“Und sie ka­men ih­ren Gäs­ten ent­ge­gen: Man­cher Gast­wirt soll da­zu über­ge­gan­gen sein, das Bild­nis des Lan­des­herrn durch das der eng­li­schen Kö­ni­gin zu er­set­zen. Auch der be­kann­te Wer­be­slo­gan „The Queen of Ta­ble­wa­ters“, des Mi­ne­ral­was­sers aus der Apol­li­na­ris­quel­le na­he Bad Neue­nahr, gilt bis heu­te als Re­mi­nis­zenz an die eng­li­sche Kö­ni­gin. Vie­le En­g­län­der woll­ten für im­mer blei­ben und kauf­ten sich am Rhein ein Haus. Und auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn wur­den in­ner­halb ei­nes hal­ben Jahr­hun­derts mehr als 80 Gr­ab­stät­ten an Bri­ten ver­kauft. Bis zu 1000 Mit­glie­der um­fass­te im 19. Jahr­hun­dert die „bri­ti­sche Ko­lo­nie“in Bonn – bei ei­ner Ge­samt­ein­woh­ner­zahl von 25.000.

Der Bahn­hof Ro­lands­eck süd­lich von Bonn und Bad Go­des­berg mit sei­nem pracht­vol­len Fest­saal wur­de Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ei­gens für die Wohl­ha­ben­den aus Köln und dem Ruhr­ge­biet ge­baut, die von dort aus per Kut­sche oder Schiff wei­ter in die Som­mer­fri­sche zu ih­ren Vil­len im Mit­tel­rhein­tal reis­ten. Ot­to von Bis­marck war im Bahn­hof eben­so zu Gast wie die Brü­der Grimm, Fried­rich Nietz­sche, Ge­or­ge Ber­nard Shaw oder Guil­lau­me Apol­li­nai­re. Ach ja, na­tür­lich hat auch die Queen selbst nach­ge­se­hen, wel­cher Ma­gnet ih­re Lands­leu­te da in sei­nen Bann zieht: Im Gar­ten des Schaum­bur­ger Hofs in Bonn-Plit­ters­dorf steht bis heu­te ei­ne stei­ner­ne Bank, auf der Kö­ni­gin Vic­to­ria ein Jahr vor ih­rer Hoch­zeit 1839 erst­mals ih­ren ge­lieb­ten Al­bert von Sach­sen-Co­burg und Go­tha ge­küsst ha­ben soll. Be­reits sechs Jah­re spä­ter ka­men die bei­den wie­der.

Ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter fand dann ein wei­te­res Kö­nigs­haus Ge­fal­len am Sie­ben­ge­bir­ge: Am 29. April 1892 wur­de So­phie von Schwe­den erst­mals zum Kur­auf­ent­halt in Bad Hon­nef be­grüßt, dem wei­te­re fol­gen soll­ten. Weil Be­kann­te ein­an­der auch da­mals schon gern be­such­ten, führ­te dies da­zu, dass Bad Hon­nef re­gel­mä­ßig zum Tum­mel­platz des eu­ro­päi­schen Hoch­adels wur­de, ört­li­che Ein­zel­händ­ler und Hand­wer­ker ur­plötz­lich zu in­of­fi­zi­el­len Hof­lie­fe­ran­ten auf­stie­gen und Hon­ne­fer Ho­no­ra­tio­ren stolz kö­nig­li­che Or­den am Re­vers spa­zie­ren tru­gen. Ein we­nig stolz ist man in der Stadt am Fu­ße von Dra­chen­fels und Lö­wen­burg auf die pro­mi­nen­ten Gäs­te bis heu­te. Ei­nen Kur­be­trieb gibt es dort zwar schon lan­ge nicht mehr. Der – im ade­li­gen Glanz – kre­ierte Bei­na­me „Niz­za am Rhein“hält sich je­doch bis heu­te. Die Fol­gen der Se­rie „Rhein­lie­be“er­schei­nen im­mer diens­tags und don­ners­tags in Ih­rem Lokalteil und mitt­wochs und frei­tags auf den Sei­ten Wis­sen und NRW oder Pan­ora­ma.

Wie ein Ma­gnet wirk­ten die Burg­rui­ne auf dem Dra­chen­fels und die sie um­ge­ben­de Land­schaft im 19. Jahr­hun­dert auf eng­li­sche Rei­sen­de.

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