Os­ten schickt Flücht­lin­ge ins Re­vier

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON JO­RIS HIELSCHER, EMI­LY SENF UND CHRIS­TI­AN SCHWERDTFEGER

Ruhr­ge­biets­städ­te kla­gen über ei­nen Zu­zug von an­er­kann­ten Asyl­be­wer­bern aus Ost­deutsch­land. Die­se ha­ben An­spruch auf Hartz IV. Es­sens So­zi­al­de­zer­nent ver­mu­tet des­halb, dass sie be­wusst nach NRW ge­schickt wer­den.

ES­SEN/BOCHUM Im so­ge­nann­ten In­te­gra­ti­on Po­int, der An­lauf­stel­le für Asyl­su­chen­de in Es­sen, mel­den sich in letz­ter Zeit zu­neh­mend Flücht­lin­ge, die zu­vor schon in Ost­deutsch­land ge­we­sen sind. „Sie ha­ben Zet­tel mit Es­se­ner Adres­sen in der Hand und sa­gen, dass man ih­nen emp­foh­len ha­be, in un­se­re Stadt zu kom­men“, sagt Es­sens So­zi­al­de­zer­nent Pe­ter Ren­zel. Man hät­te ih­nen in den ost- und zum Teil auch süd­deut­schen Kom­mu­nen ge­sagt, dass sie im Ruhr­ge­biet bes­se­re Chan­cen hät­ten, ei­ne Ar­beits­stel­le und ei­ne Woh­nung zu fin­den. „Wir ha­ben Hin­wei­se dar­auf, dass es ge­ziel­te An­spra­chen gibt. Dass es Stel­len in den an­de­ren Bun­des­län­dern gibt, die die Flücht­lin­ge dies­be­züg­lich be­ra­ten und dass man an sie Adres­sen aus Es­sen ver­teilt“, be­tont Ren­zel. Das sei ein zu­tiefst „un­so­li­da­ri­scher Akt“.

Nicht nur Es­sen, son­dern auch in an­de­re Kom­mu­nen im Ruhr­ge­biet sol­len Flücht­lin­gen mit die­sen Ver­spre­chen emp­foh­len wer­den. Die be­trof­fe­nen Kom­mu­nen ha­ben zwar nichts ge­gen die Flücht­lin­ge, die auf die­se Wei­se zu ih­nen ge­schickt wer­den, wohl aber ge­gen die Kos­ten, die die Neu­an­kömm­lin­ge ver­ur­sa­chen. Und die sei­en be­trächt­lich, be­tont Es­sens So­zi­al­de­zer­nent. Denn bei de­nen, die kom­men, han­delt es sich fast aus­schließ­lich um Flücht­lin­ge, die im Rah­men des Asyl­ver­fah­rens an­er­kannt wor­den sind. Und da­mit ha­ben sie An­recht auf Hartz-IV-Leis­tun­gen und ei­ne Woh­nung. Auch ih­ren Wohn­ort kön­nen sie im Ge­gen­satz zu Asyl­be­wer­bern mit un­ge­klär­tem Auf­ent­halts­sta­tus sel­ber wäh­len. „Mie­te und Heiz­kos­ten muss eben­falls die Stadt be­zah­len“, sagt Ren­zel. Das sei fi­nan­zi­ell kaum mach­bar, be­tont er. So hät­ten sich im ers­ten Halb­jahr 2016 schon rund 2500 sol­cher Flücht­lin­ge bei der Stadt ge­mel­det.

Auch in der Nach­bar­stadt Bochum kennt man das Di­lem­ma. Dort ver­zeich­net man seit Jah­res­be­ginn eben­falls ei­ne be­son­ders ho­he Zu­nah­me an an­er­kann­ten Flücht­lin­gen. „80 Pro­zent der Flücht­lin­ge, die Bochum nicht vom Land of­fi­zi­ell zu­ge­wie­sen wer­den, sind über­wie­gend aus Ost­deutsch­land und Bay­ern zu uns ge­kom­men“, sagt der Spre­cher des dor­ti­gen Job­cen­ters, Jo­han­nes Roh­le­der.

Da­durch ent­ste­hen den Kom­mu­nen Mehr­kos­ten in Mil­lio­nen­hö­he. Geld, das be­son­ders die klam­men und über­schul­de­ten Ruhr­ge­biets­städ­te nicht ha­ben. „Jah­re­lang muss­ten wir uns scho­nen, nur um die Haus­hal­te ost­deut­scher Städ­te auf­zu­päp­peln. Und jetzt schi­cken sie uns auch noch als Dan­ke­schön die an­er­kann­ten Flücht­lin­ge. Das geht so nicht wei­ter“, sagt ein Käm­me­rer ei­ner Groß­stadt im Rhein­land, der an­onym blei­ben möch­te. Er spielt mit sei­ner Kri­tik auf den So­li­dar­pakt II an, der erst En­de 2019 aus­läuft. Bis da­hin flie­ßen wohl noch Mil­li­ar­den an die neu­en Bun­des­län­der für die „Auf­bau­hil­fe Ost“.

Der deut­sche Städ­te­tag, der die In­ter­es­sen von Groß­städ­ten ver­tritt, will sich zu dem The­ma nicht äu­ßern. Nur so viel: „Je­der kann in Deutsch­land dort hin­zie­hen, wo­hin er will“, sagt ei­ne Spre­che­rin des kom­mu­na­len Spit­zen­ver­ban­des. Bei der nächs­ten Sit­zung des So­zi­al­aus­schus­ses des Städ­te­ta­ges wird die „Flücht­lings­ver­schi­ckung“dis­ku­tiert wer­den. Es­sens So­zi­al­de­zer­nent wird dann wohl ei­nen Appell an die Ver­tre­ter ost- und süd­deut­scher Städ­te rich­ten, doch da­für Sor­ge zu tra­gen, dass die­se Pra­xis un­ter­bun­den wer­de.

Doch da­für müss­ten die­se ihr frag­wür­di­ges Ver­hal­ten erst ein­mal ein­ge­ste­hen. „Ich kann aus­schlie­ßen, dass so et­was von der Stadt­spit­ze ver­ord­net wur­de“, sagt ein Spre­cher der Stadt Mün­chen. Auch die Stadt­ver­wal­tun­gen in Dres­den und Er­furt be­to­nen, dass kei­nem Flücht­ling der Um­zug ins Ruhr­ge­biet emp­foh­len wür­de. „Wir wis­sen aber von un­se­ren Flücht­lings­so­zi­al­ar­bei­tern, dass vie­le Ge­flüch­te­te von sich aus den An­schluss zu ih­ren Be­kann­ten und Ver­wand­ten, vor­nehm­lich in west­deut­schen Groß­städ­ten, su­chen“, er­klärt ein Spre­cher in Dres­den. Und so le­ben in der säch­si­schen Lan­des­haupt­stadt, die ähn­lich groß ist, mit 930 an­er­kann­ten Flücht­lin­gen deut­lich we­ni­ger als halb so vie­le Asyl­be­rech­tig­te wie in Es­sen. Da­bei ist NRW auch oh­ne den Zu­zug schon be­son­ders ge­for­dert – hier­zu­lan­de wer­den die meis­ten Asyl­an­trä­ge in Deutsch­land ge­stellt. So be­an­trag­ten über 77.000 Flücht­lin­ge im ers­ten Halb­jahr Asyl, in Sach­sen und Thü­rin­gen wa­ren es zu­sam­men knapp 29.000.

Die be­trof­fe­nen NRW-Kom­mu­nen set­zen ih­re Hoff­nung vor al­lem in die ge­plan­te Wohn­sitz­auf­la­ge der Bun­des­re­gie­rung, wo­nach Flücht­lin­ge oh­ne fes­ten Ar­beits­platz trotz An­er­ken­nung bis zu drei Jah­re im bis­he­ri­gen Bun­des­land blei­ben müs­sen. „Das wä­re ein wich­ti­ger Schritt“, sagt Ren­zel. Er weiß aber auch, dass es da­mit al­lein nicht ge­tan ist. „Denn vie­le Flücht­lin­ge kom­men auch nach Es­sen, weil hier schon Fa­mi­li­en­mit­glie­der von ih­nen le­ben“, sagt er.

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