Deutsch­lands neue Ver­ant­wor­tung

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON GRE­GOR MAYNTZ FO­TO: DPA

Die Re­gie­rung ak­tua­li­siert die Grund­li­ni­en deut­scher Si­cher­heits­po­li­tik. Der Ein­satz der Bun­des­wehr im In­nern bleibt ver­bo­ten.

BER­LIN Deutsch­land wer­de sich „frü­her, ent­schie­de­ner und sub­stan­zi­el­ler“an der Lö­sung in­ter­na­tio­na­ler Kon­flik­te be­tei­li­gen, lau­te­te die For­mel, die Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck vor zwei Jah­ren bei der Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz der Welt prä­sen­tier­te. Nun ist der Satz im neu­en Weiß­buch der Bun­des­re­gie­rung auf 83 Sei­ten durch­buch­sta­biert wor­den. So will Deutsch­land in­ter­na­tio­na­len Ver­pflich­tun­gen künf­tig „kurz­fris­tig“Rech­nung tra­gen. Die ver­än­der­ten au­ßen- und si­cher­heits­po­li­ti­schen Grund­li­ni­en will die Bun­des­re­gie­rung heu­te be­schlie­ßen. Vor al­lem die Wand­lung in der Wahr­neh­mung Russ­lands vom Part­ner zur Be­dro­hung und die Her­aus­for­de­run­gen durch Cy­ber-An­grif­fe ge­hö­ren zu den auf­fäl­li­gen Neue­run­gen.

Da­ge­gen ist der Klas­si­ker der si­cher­heits­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung wie­der nur ver­klau­su­liert zu fin­den: der an­ge­sichts wach­sen­der Ter­ror­ge­fah­ren in vie­len Län­dern selbst­ver­ständ­li­che, in Deutsch­land verbotene Mi­li­tär­ein­satz im In­nern. Er bleibt der vor al­lem tech­ni­schen Amts­hil­fe im Ka­ta­stro­phen­fall vor­be­hal­ten. Ob­wohl CDU und CSU dies wie­der­holt for­der­ten, schrieb es Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en (CDU) schon nicht in den Ent­wurf. Doch selbst die we­ni­gen For­mu­lie­run­gen, die De­tail­fra­gen klä­ren soll­ten, wur­den im zä­hen Ab­stim­mungs­pro­zess mit den SPD-re­gier­ten Mi­nis­te­ri­en ent­schärft.

„Un­ter­halb der Schwel­le zum Ein­satz“, heißt es nun in der ent­spre­chen­den Pas­sa­ge, könn­ten „Zwangs­maß­nah­men und ho­heit­li­che Be­fug­nis­se“nicht aus­ge­übt wer­den. Stra­ßen­sper­ren und Kon­trol­len blei­ben so­mit al­lein der Po­li­zei vor­be­hal­ten, selbst wenn de­ren Kräf­te er­schöpft sein soll­ten. Je­doch soll das Zu­sam­men­spiel von Po­li­zis­ten, Ka­ta­stro­phen­hel­fern und Sol­da­ten künf­tig aus­drück­lich ein­ge­übt wer­den.

Die­ser Pas­sus bringt die Bun­des­wehr im In­nern als Teil deut­scher Si­cher­heits­po­li­tik in Stel­lung, wie es die Union will. Mit der Be­schrän­kung kann aber auch die SPD gut le­ben. „Die Pro­zes­se sind nicht ein­ge­übt. Es ist sinn­voll, das nicht nur auf re­gio­na­ler, son­dern auch auf Bun- desebe­ne zu trai­nie­ren“, sagt Ver­tei­di­gungs­ex­per­te Rai­ner Ar­nold.

Er freut sich, dass das Weiß­buch ein „kla­res Be­kennt­nis zu ei­ner ver­tief­ten eu­ro­päi­schen Zu­sam­men­ar­beit bis hin zu ei­ner Ver­tei­di­gungs­uni­on“ent­hält. Auch die Rüs­tungs­kon­trol­le ste­he drin, was der SPD sehr wich­tig sei. Ei­nen Schwach­punkt hat er al­ler­dings aus­ge­macht: „Das Weiß­buch macht sich fi­nan­zi­ell nicht ehr­lich.“Es tue so, als sei al­les fi­nan­zier­bar, was die Mi­nis­te­rin for­de­re. Doch das Na­to-Ziel, zwei Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung für die Ver­tei­di­gung auf­zu­wen- den, wer­de schon in die­sem Jahr nicht er­reicht. Und im nächs­ten Jahr sin­ke es noch wei­ter un­ter die 1,2 Pro­zent. „Da wä­re es bes­ser ge­we­sen, Leis­tun­gen zu prio­ri­sie­ren und fest­zu­le­gen, was wir rich­tig gut ma­chen wol­len – al­les wer­den wir nicht leis­ten kön­nen“, so Ar­nold.

Die Lin­ken stört, dass das Weiß­buch zu vie­les aus­blen­de. Ob­wohl seit dem Er­schei­nen des letz­ten Weiß­bu­ches vor zehn Jah­ren der ers­te gro­ße Kampf­ein­satz der Bun­des­wehr zu En­de ge­gan­gen sei, wer­de die­ser nicht bi­lan­ziert, kri­ti­siert Ver­tei­di­gungs­ex­per­tin Chris­ti­ne Buch­holz. Die An­kün­di­gung von mehr „Ad-hoc-Ko­ope­ra­tio­nen“las­se die Be­tei­li­gung der Bun­des­wehr an noch mehr Krie­gen be­fürch­ten. Buch­holz ist auch über die For­mu­lie­rung ge­stol­pert, im di­gi­ta­len In­for­ma­ti­ons­raum brau­che die Bun­des­wehr „de­fen­si­ve und of­fen­si­ve Hoch­wert­fä­hig­kei­ten“. Das sei ge­nau das, was Russ­land vor­ge­wor­fen wer­de: die Ver­mi­schung von Mi­li­tä­ri­schem und Zi­vi­lem.

Die Grü­nen be­trach­ten das Weiß­buch als „aus der Zeit ge­fal­le­nes Do­ku­ment kon­ser­va­ti­ver Ver­tei­di­gungs­po­li­tik“. Ver­tei­di­gungs­ex­per- tin Agnies­z­ka Brug­ger hält es für höchst pro­ble­ma­tisch, dass Aus­lands­ein­sät­ze künf­tig au­ßer­halb von Sys­te­men kol­lek­ti­ver Si­cher­heit und in­ner­halb von Ko­ali­tio­nen von Wil­li­gen ge­führt wer­den sol­len. Das ver­sto­ße ge­gen die Ver­fas­sung und schwä­che die Ver­ein­ten Na­tio­nen.

Die Grü­nen hat­ten auf ei­ne mo­der­ne und hand­lungs­fä­hi­ge Si­cher­heits­po­li­tik ge­hofft, die auf­zei­ge, wie die star­ren Gren­zen zwi­schen den Mi­nis­te­ri­en mit ih­ren Ei­tel­kei­ten über­wun­den wer­den. Statt­des­sen wer­de ei­ne Auf­wer­tung des Bun­des­si­cher­heits­ra­tes vor­ge­schla­gen. „In des­sen Hin­ter­zim­mern hat sich die Bun­des­re­gie­rung ge­ra­de für ein Re­kord­hoch deut­scher Waf­fen­ex­por­te ver­ant­wort­lich ge­zeigt, und da­mit ist die­ser ganz si­cher we­der Ort noch Sym­bol für ei­ne ver­nünf­ti­ge und trans­pa­ren­te Si­cher­heits­po­li­tik“, so Brug­ger.

Som­mer­rei­se: Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en (CDU) vor zwei Wo­chen mit Sol­da­ten des Pan­zer­gre­na­dier­ba­tail­lons 33 in Lutt­mer­sen bei Hannover.

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