LIN­NE­MANN (CDU) „Wir re­agie­ren nur, an­statt Vi­sio­nen zu ent­wi­ckeln“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK -

Der Vor­sit­zen­de der Mit­tel­stands­ver­ei­ni­gung der Union plä­diert für ei­ne Steu­er­ent­las­tung von mehr als 20 Mil­li­ar­den Eu­ro.

Seit drei Jah­ren re­gie­ren CDU und SPD. Kön­nen Sie uns ein wachs­tums­freund­li­ches Ge­setz nen­nen? LIN­NE­MANN (lan­ges Schwei­gen) Ich zö­ge­re, weil in zehn Jah­ren von die­ser gro­ßen Ko­ali­ti­on vor al­lem die „Po­li­tik der schwar­zen Null“und nicht ein ein­zel­nes Ge­setz hän­gen blei­ben wird. Frü­her wur­de al­les auf Pump fi­nan­ziert. Jetzt steht die schwar­ze Null. Erst­mals sagt die Bun­des­po­li­tik: Wir kom­men mit dem Geld aus, das wir ha­ben. Wenn Sie von mir kon­kre­te Ge­set­ze hö­ren wol­len, wür­de ich den Ab­bau der kal­ten Pro­gres­si­on und die Fle­xiRen­te nen­nen. Aber die schwar­ze Null geht zu­las­ten der Län­der, die Sie auf den Flücht­lings­kos­ten sit­zen las­sen. LIN­NE­MANN Das kann ich so nicht be­stä­ti­gen, schließ­lich ha­ben ja die Län­der dem jüngs­ten Kom­pro­miss zu­ge­stimmt. Wir brau­chen aber ei­ne An­reiz­kul­tur, die al­le po­li­ti­schen Ebe­nen zu öko­no­misch sinn­vol­lem Han­deln mo­ti­viert. Das The­ma Sub­si­dia­ri­tät und Ei­gen­ver­ant­wor­tung wur­de in den letz­ten Jah­ren im­mer wei­ter zu­rück­ge­drängt. War­um kön­nen wir nicht zum Bei­spiel über ei­ne Kom­mu­nal­steu­er nach­den­ken, die die Kom­mu­nen selbst er­he­ben und ver­wen­den kön­nen? Sie for­dern ei­ne zu­sätz­li­che Steu­er? LIN­NE­MANN Nein. Schon heu­te be­kom­men die Kom­mu­nen ei­nen Teil der Ein­kom­men­steu­er ih­rer Bür­ger. Das weiß aber nie­mand. Bes­ser wä­re, die Kom­mu­ne be­steu­ert selbst über Zu- oder Ab­schlä­ge, so dass et­wa ein Bür­ger­meis­ter sa­gen kann: Wir bau­en hier ein neu­es Schwimm­bad, aber da­für müsst ihr ein Pro­zent mehr Ein­kom­men­steu­er be­zah­len. Dann gibt es ein Mehr an Trans­pa­renz, an Wett­be­werb un­ter den Kom­mu­nen. Ist das ein Ele­ment Ih­res Wahl­pro­gramms 2017? LIN­NE­MANN Ich hof­fe, dass wir da auch wie­der über gro­ße Struk­tur­re­for­men nach­den­ken wer­den. Wenn ich mir die gro­ße Ko­ali­ti­on der ver­gan­ge­nen drei Jah­re an­se­he, stel­le ich fest, dass auch mei­ne Par­tei das ein we­nig ver­lernt hat. Erst kam Fu­kus­hi­ma, dann die Eu­ro­kri­se, dann die Flücht­lin­ge, dann der Br­ex­it – wir re­agie­ren nur, an­statt Vi­sio­nen zu ent­wi­ckeln. Des­halb for­dern wir zum Bei­spiel ei­ne Ein­kom­men­steu­er­struk­tur­re­form. Ei­nen Vor­schlag da­für woll­ten Sie ja noch vor der Som­mer­pau­se vor­le­gen. Wann fängt die denn bei Ih­nen an? LIN­NE­MANN Wir ha­ben den Vor­schlag für En­de Ju­li an­ge­kün­digt. Nur zwei Punk­te vor­weg: Der Mit­tel­stands­bauch muss nen­nens­wert ab­ge­flacht wer­den, al­so der be­son­ders star­ke An­stieg der Steu­er­sät­ze bei den mitt­le­ren Ein­kom­men. Und der Spit­zen­steu­er­satz muss deut­lich spä­ter grei­fen. Was wird das kos­ten? LIN­NE­MANN Dank der stark stei­gen­den Steu­er­ein­nah­men des Staa­tes se­hen vie­le Öko­no­men ein Ent­las- tungs­po­ten­zi­al von weit mehr als 20 Mil­li­ar­den Eu­ro. Laut Fi­fo-In­sti­tut könn­ten 100 Sub­ven­tio­nen im Wert von 18 Mil­li­ar­den Eu­ro ab­ge­schafft wer­den. Nen­nen Sie bit­te fünf Bei­spie­le. LIN­NE­MANN Sie kön­nen theo­re­tisch al­le so­fort ab­schaf­fen, in­dem man im Ge­gen­zug die Steu­er­sät­ze so stark senkt, dass es so gut wie kei­ne Ver­lie­rer gibt. Das macht aber kein Fi­nanz­mi­nis­ter mit, al­so bleibt nur die Ra­sen­mä­her-Me­tho­de. Ei­ne Kür­zung der Pend­ler­pau­scha­le? LIN­NE­MANN Hier fän­de ich es bes­ser, wenn wir die Wer­bungs­kos­ten­pau­scha­le von 1000 Eu­ro auf 2000 er­hö­hen. Bis zu die­sem Be­trag müs­sen dann kei­ne Aus­ga­ben nach­ge­wie­sen wer­den. Wird der Frei­be­trag auf 2000 Eu­ro er­höht, wür­den sich 70 Pro­zent der Men­schen in Deutsch­land nicht mehr mit Bü­ro­kra­tie rum­schla­gen müs­sen. Und für die wä­re dann fak­tisch die Pend­ler­pau­scha­le ob­so­let. MICHA­EL BRÖCKER, MAR­TIN KESS­LER UND THO­MAS REI­SE­NER FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.