IN NRW

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK -

Das dunk­le Ka­pi­tel „Co­lo­nia Di­g­n­i­dad“

Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck weilt der­zeit in Chi­le. Bei sei­nem Be­such geht es auch um je­ne fürch­ter­li­che Ein­rich­tung, de­ren Na­me „Co­lo­nia Di­g­n­i­dad“nichts mit der Wirk­lich­keit zu tun hat. Von Wür­de kann bei die­sem von dem Deut­schen Paul Schä­fer ge­führ­ten frü­he­ren Fol­ter­la­ger kei­ne Re­de sein. Hier wur­den Men­schen, vor al­lem jün­ge­re, ein­ge­sperrt und ver­ge­wal­tigt. Gauck räum­te deut­sche Schuld dar­an ein – deut­sche Di­plo­ma­ten hät­ten jah­re­lang weg­ge­schaut.

Der Arzt Hart­mut Hopp galt als rech­te Hand Schä­fers, der 2010 im Ge­fäng­nis starb. Nach der Zer­schla­gung der „Ko­lo­nie der Wür­de“wur­de in Chi­le auch ge­gen Hopp er­mit­telt. Die Vor­wür­fe lau­te­ten: Bei­hil­fe zum se­xu­el­len Miss­brauch von Kin­dern, zum Ver­schwin­den­las­sen von drei jun­gen Ge­werk­schaf­tern, Ver­ab­rei­chung me­di­zi­nisch nicht an­ge­zeig­ter Psy­cho­phar­ma­ka. Die Ge­samt­stra­fe, zu der Hopp ver­ur­teilt wur­de, be­trug fünf Jah­re. Die chi­le­ni­sche Ur­teils­schrift um­fass­te 1000 Sei­ten.

Was das al­les mit NRW zu tun hat? Hopp, der die An­schul­di­gun­gen zu­rück­weist, ent­zog sich 2011 sei­ner Be­stra­fung durch Flucht. Er lebt seit Jah­ren in Kre­feld, oh­ne bis­lang be­langt wor­den zu sein. Zwar hat­te die zu­stän­di­ge Staats­an­walt­schaft ei­ge­ne Er­mitt­lun­gen an­ge­stellt, doch ihr um­fang­rei­cher Fra­gen­ka­ta­log ist nach Aus­kunft der Er­mitt­ler bis heu­te nicht von den chi­le­ni­schen Be­hör­den be­ant­wor­tet wor­den. Das ge­hört zu den Un­ge­reimt­hei­ten die­ses Falls.

Da es kein Aus­lie­fe­rungs­ab­kom­men mit Chi­le gibt, könn­te Hopp je­doch­statt­in­demsüd­ame­ri­ka­ni­schen Staat in Deutsch­land ein­ge­sperrt wer­den. Die­ses Ver­fah­ren ist aber kom­pli­ziert. Zu­nächst muss­te ge­prüft wer­den, ob die chi­le­ni­sche Jus­tiz die rechts­staat­li­chen Stan­dards ein­ge­hal­ten hat. Da das of­fen­bar der Fall war, hat die Staats­an­walt­schaft jetzt beim Land­ge­richt Kre­feld be­an­tragt, dass die Straf­voll­stre­ckung in Deutsch­land er­folgt.

Soll­te das Ge­richt dem zu­stim­men, blie­be Hopp der Weg durch die Ge­richts­in­stan­zen. Ir­gend­wann könn­te ihn dann doch noch die ge­rech­te Stra­fe er­ei­len. Bis da­hin kann er aber re­la­ti­vun­ge­hin­der­tinDeutsch­land­le­ben, da er hier den ma­xi­ma­len Rechts­schutz ge­nießt. An­de­re Staa­ten könn­ten ihn, wenn er dort­hin zu flie­hen ver­such­te, so­fort an Chi­le aus­lie­fern. Hopp weiß das ge­nau und er­freut sich (noch) sei­ner Frei­heit.

Wen über­kommt da nicht ein Schau­dern? Wir le­ben zum Glück in ei­nem Rechts­staat – auch wenn sei­ne Spiel­re­geln manch­mal schwer zu er­tra­gen sind und die Müh­len der Jus­tiz so un­end­lich lang­sam mah­len. Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rem Au­tor: ko­lum­ne@rhei­ni­sche-post.de

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