Die Stim­me in mei­nem Kopf

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DIGITALE WIRTSCHAFT - VON SVEN GREST

Künf­tig kom­mu­ni­zie­ren wir stän­dig über ei­nen klei­nen Knopf im Ohr mit un­se­rem Smart­pho­ne. Sol­len wir uns dar­über freu­en?

DÜSSELDORF Wer wis­sen will, wie wir mor­gen le­ben wer­den, soll­te die­sen Film schau­en: „Her” heißt er, und mit ihm be­kommt man ein gu­tes Ge­fühl da­für, wie sich un­se­re di­gi­ta­le Le­bens­welt bald ver­än­dern wird. In dem Film wird Jo­aquin Pho­enix mor­gens von ei­ner Stim­me in sei­nem Kopf­hö­rer ge­weckt. „Du hast in zehn Mi­nu­ten ei­nen Ter­min”, sagt Scar­lett Jo­hans­son. „Beeil dich.”

Je­den Mor­gen wer­den heu­te Mil­lio­nen Men­schen durch ihr Smart­pho­ne ge­weckt. Für vie­le von ih­nen geht der ers­te Blick aufs Dis­play: Face­book, E-Mails, Whats­app che­cken. Doch schon bald wer­den wir das nicht mehr brau­chen. Sprachas­sis­tenz-Sys­te­me sind da­bei, die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit un­se­rem Smart­pho­ne zu über­neh­men. Und ver­sor­gen uns be­reits heu­te über den Knopf im Ohr mit di­ver­sen In­for­ma­tio­nen: Um sich von Si­ri, der Sprachas­sis­ten­tin des iPho­nes, das Wet­ter an­sa­gen zu las­sen, reicht ein Fin­ger­tipp auf die App­le-Kopf­hö­rer. Die­se über­mit­teln die ge­spro­che­ne Fra­ge nach dem Wet­ter ans iPho­ne und spie­len die Wet­ter­vor­her­sa­ge ab. Um Mu­sik zu hö­ren, reicht ein Fin­ger­tipp auf die neu­en Knopf-Kopf­hö­rer von Mo­to­ro­la. Und mit den win­zi­gen ka­bel­lo­sen Kopf­hö­rern des Münch­ner Star­tups Bra­gi kann man Te­le­fon­ge­sprä­che mit ei­nem Kopf­ni­cken an­neh­men. Und noch ei­ni­ges mehr.

Die di­gi­ta­le Evo­lu­ti­on schrei­tet vor­an. Das neue iPho­ne 7 wird wohl kei­nen se­pa­ra­ten Au­dio-Aus­gang mehr ha­ben. Ge­rüch­ten zu­fol­ge könn­te App­le bald selbst ka­bel­lo­se Kopf­hö­rer auf den Markt brin­gen. Zu­min­dest für App­le hät­te der Klin­ken­ste­cker dann aus­ge­dient.

In der Stra­ßen­bahn und bei Star­bucks te­le­fo­nie­ren vie­le Ju­gend­li­che längst nicht mehr mit dem Smart­pho­ne am Ohr, son­dern über das Mi­kro­fon im Laut­spre­cher­ka­bel, das sie sich an den Mund hal­ten. Sie tip­pen kei­ne Whats­ap­pNach­rich­ten mehr auf ih­ren Smart­pho­nes, son­dern ver­sen­den Sprach­nach­rich­ten. Es sieht zwar ko­misch aus, au­gen­schein­lich ins Lee­re zu spre­chen. Aber es ist so un­ge­mein prak­tisch.

Ei­ni­ges spricht da­für, dass den neu­en smar­ten Kopf­hö­rer ein an­de­res Schick­sal wi­der­fährt als ih­ren Vor­gän­gern. Die Goog­le-Bril­le, die di­gi­ta­le In­fos ins Sicht­feld pro­ji­zie­ren kann, ern­te­te zu viel Skep­sis, um sich am Mas­sen­markt zu eta­blie­ren. Die Smart­watch, zu­gleich Arm­band­uhr und ver­län­ger­tes Dis­play des Smart­pho­nes, wur­de von vie­len als über­flüs­si­ges Spiel­zeug emp­fun­den. Der klei­ne Knopf im Ohr da­ge­gen könn­te tat­säch­lich Be­geis­te­rung aus­lö­sen. Denn er er­löst die Ge­ne­ra­ti­on Smart­pho­ne von ih­rem Zwang, stän­dig auf das klei­ne grel­le Dis­play schau­en müs­sen. End­lich sind Au­gen und Hän­de wie­der frei für an­de­re Din­ge.

Die di­gi­ta­len Vorden­ker im Si­li­con Val­ley wis­sen je­den­falls, dass ih­re bis­her we­nig ge­nutz­ten Sprachas­sis­tenz-Sys­te­me erst mit neu­en Pro­duk­ten Sinn er­ge­ben. Er­folg wer­den die Sprachas­sis­ten­ten Si­ri (App­le), Ok Goog­le (An­dro­id) und Corta­na (Mi­cro­soft) erst ha­ben, wenn man zu ih­rer Nut­zung nicht mehr sein Smart­pho­ne an den Mund hal­ten muss.

Ka­bel­lo­se Kopf­hö­rer zu die­sem Zweck gibt es be­reits, wenn auch längst nicht al­le den Nut­zen bie­ten, den sie ver­spre­chen. Ei­ne der Fir­men, die die Bran­che auf­mi­schen, ist das deut­sche Star­t­up Bra­gi. Die Mün­che­ner ha­ben bei ei­nem der er­folg­reichs­ten Crowd­fun­ding-Pro­jek­te Eu­ro­pas 3,4 Mil­lio­nen Eu­ro im In­ter­net ein­ge­sam­melt – an­vi­siert wa­ren 260.000 Eu­ro. Auch Ama­zon will den Trend nicht ver­schla­fen: Die klei­ne Box „Echo”, er­dacht zum Auf­stel­len im Wohn­zim­mer, soll nicht nur Funk­tio­nen des Smart­pho­nes über­neh­men („Spie­le Mu­sik von De­pe­che Mo­de”), son­dern auch die Elek­tro­nik im Haus steu­ern („Schlie­ße die Rol­lä­den”). Ob das Se­gen oder Fluch ist, ent­schei­den zu­erst die ame­ri­ka­ni­schen Nut­zer. In Deutsch­land ist das Ge­rät noch nicht er­hält­lich.

Dass die di­gi­ta­le Evo­lu­ti­on ei­ne lang­wie­ri­ge An­ge­le­gen­heit ist, ließ sich die­ser Ta­ge in Köln be­ob­ach­ten. Dort wur­den test­wei­se Bo­den­am­peln in­stal­liert. Durch sie sol­len Fuß­gän­ger vor dem Be­tre­ten der Stra­ße ge­warnt wer­den, die den Blick an­dau­ernd auf das Smart­pho­ne rich­ten. Viel­leicht ha­ben sie das ja bald nicht mehr nö­tig.

FO­TO: DPA

Jo­aquin Pho­enix ver­liebt sich im Film „Her“in Sa­man­tha, die künst­li­che In­tel­li­genz sei­nes Smart­pho­nes. Er kom­mu­ni­ziert mit ihr über sei­ne Kopf­hö­rer.

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