Ei­ne Traum­stadt mit Pro­ble­men

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - REISE&ERHOLUNG - VON MANUELMEYER FO­TOS: DPA/MA­NU­EL MEY­ER

Co­paca­ba­na, Zu­cker­hut, Sam­ba. Rio de Janei­ro hüb­scht sich auf für die Olym­pi­schen Spie­le. Doch die gro­ßen Pro­ble­me der Stadt sind of­fen­sicht­lich – auch für Be­su­cher.

RIO DE JANEI­RO (dpa) Rio de Janei­ros welt­be­rühm­te Strän­de Co­paca­ba­na und Ipa­ne­ma kön­nen de­pri­mie­ren­de Or­te sein. Zu­min­dest für schnee­wei­ße Eu­ro­pä­er mit Bü­ro­ses­sel­fi­gur, die ein­fach nur zum Re­la­xen ge­kom­men sind. Na­tür­lich gibt es hier nicht nur durch­trai­nier­te Mus­kel­pa­ke­te, Ball­künst­ler und Bi­ki­niSchön­hei­ten am Strand. Doch nie­mand legt sich hier ein­fach nur zum Son­nen in den Sand.

Die Bra­si­lia­ner schwim­men und sur­fen im tür­kis­blau­en At­lan­tik. Sie jog­gen auf der Strand­pro­me­na­de, ma­chen Lie­ge­stüt­zen, spie­len Fuß-, Beach- oder Vol­ley­ball. Fast könn­te man glau­ben, al­le trai­nie­ren, um auch an den Olym­pi­schen Spie­len teil­zu­neh­men, die hier im Au­gust aus­ge­tra­gen wer­den. Bis tief in die Nacht hin­ein be­leuch­ten Schein­wer­fer die Strän­de, da­mit die Pelés der Zu­kunft auch nach Son­nenun-

„Wir ha­ben vie­le zu­vor her­un­ter­ge­kom­me­ne Stadt­vier­tel re­no­viert und at­trak­tiv ge­macht“

Edu­ar­do Pa­es ter­gang noch st­un­den­lang im Sand ki­cken kön­nen.

„In Rio macht im­mer ir­gend­je­mand Sport. Die Stadt ist wahn­sin­nig dy­na­misch. Das Le­ben spielt sich auf der Stra­ße und am Strand ab, was na­tür­lich auch am fast im­mer gu­ten Wet­ter liegt“, er­zählt Fe­li­pe. Der tä­to­wier­te Gra­fik­de­si­gner spielt fast je­den Tag nach der Ar­beit Vol­ley­ball am Strand von Ipa­ne­ma zwi­schen dem Pos­to 9 und 10. An die­sem Strand­ab­schnitt tref­fen sich nur die Schö­nen, Durch­trai­nier­ten und Er­folg­rei­chen. Es ist ein Se­hen und Ge­se­hen-wer­den. Hier trägt man Ha­vaia­na-Flip­flops und Bi­ki­ni-Mo­del­le, die erst ein Jahr spä­ter auch in Eu­ro­pa in Mo­de kom­men.

An den Strand­bu­den er­frischt man sich zu hei­ßen Sam­ba-Rhyth­men mit eis­kal­tem Brah­ma-Bier, Cai­pi­rin­ha oder frisch auf­ge­schla­ge­nen Ko­kos­nüs­sen. Doch war­um Rio den Bei­na­men „Ci­da­de ma­ra­vil­ho­sa“trägt, ver­steht man erst rich­tig, wenn man die „wun­der­vol­le Stadt“aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve des Er­lö­sers sieht.

Die ge­wal­ti­ge Chris­tus-Sta­tue thront im­po­sant auf dem 700 Me­ter ho­hen Cor­co­va­do-Berg. Schon die stei­le Auf­fahrt mit der Zahn­rad­berg­bahn durch den dich­ten Re­gen­wald des Ti­ju­ca-Na­tio­nal­parks ist ein Er­leb­nis. Am Fu­ße der mo­nu­men­ta­len Art-Dé­co-Sta­tue aus dem Jahr 1931 wird so manch ei­ner sprach­los. Oder auch nicht: „Ein­fach un­glaub­lich. Das ist die schöns­te Stadt, die ich je­mals ge­se­hen ha­be“, kreischt ei­ne Ame­ri­ka­ne­rin, oh­ne je­doch den un­ver­gess­li­chen Aus­blick wirk­lich zu ge­nie­ßen. Schließ­lich muss sie ja Sel­fies von sich und ih­rem Mann ma­chen.

Von hier oben zeigt sich Rio als Mut­ter al­ler An­sichts­kar­ten. Ei­ne Sechs-Mil­lio­nen-Me­tro­po­le, ein­ge­kes­selt zwi­schen dem sub­tro­pi­schen Re­gen­wald und dem blau­en At­lan­tik. Je­des Stadt­vier­tel hat sei­nen Strand. Dschun­ge­l­über­wach­se­ne Gra­nit­hü­gel tren­nen die Vier­tel abrupt. Ganz rechts liegt das No­bel­vier­tel Le­b­lon mit sei­nen mar­kan­ten Zwil­lings­fel­sen. Wer aben­teu­er­lus­tig ist, soll­te hier vom 520 Me­ter ho­hen Pe­dra Bo­ni­ta ei­nen Tan­de­mFlug wa­gen, der nach 30 Mi­nu­ten Ad­re­na­lin­über­schuss auf dem Strand von São Con­ra­do en­det.

Vom Cor­co­va­do aus kon­zen­trie­ren sich die Bli­cke – und die Ka­me­ras – je­doch au­to­ma­tisch auf den welt­be­rühm­ten Zu­cker­hut, den Pão de Açú­car. 395 Me­ter ragt der rie­si­ge Fel­sen auf der Halb­in­sel Ur­ca steil aus dem Was­ser. Da­hin­ter brei­tet sich die Guana­ba­ra-Bucht mit ih­ren zahl­rei­chen klei­nen In­seln aus.

Wer mit der Gon­del-Seil­bahn auf den Zu­cker­hut fährt, wird mit ei­nem gran­dio­sen Stadt­pan­ora­ma be­lohnt: Der Blick fällt di­rekt auf das hü­ge­li­ge Künst­ler­vier­tel San­ta Te­re­sa mit sei­nen Ga­le­ri­en und Ca­fés. Hier lebt Ri­os Bo­hè­me. Vie­le Ma­ler, Dich­ter und Mu­si­ker ver­schlägt es zum Fei­ern aber ins al­te Stadt­vier­tel La­pa am Fu­ße des Hü­gels. Ei­ne 215Stu­fen-Trep­pe, die der Künst­ler Jor­ge Sel­arón mit 2000 bun­ten Ke­ra­mik­ka­cheln aus 60 Län­dern ver­zier­te, führt hin­ab ins Aus­geh­vier­tel.

In La­pa trifft sich Ri­os Sam­baund Sal­sa­sze­ne. Das frü­he­re Pro­blem­vier­tel und das an­gren­zen­de his­to­ri­sche Stadt­zen­trum wer­den lang­sam wie­der neu ent­deckt. Es wur­de viel in­ves­tiert. Ko­lo­ni­al­häu­ser sind re­stau­riert, die Si­cher­heit wur­de ver­bes­sert.

Die „Ar­cos da La­pa“, ein aus der Ko­lo­ni­al­zeit stam­men­des Aquä­dukt mit 42 Bö­gen, wird der­zeit für die Olym­pi­schen Spie­le her­aus­ge­putzt. Mit Blick auf die Fuß­ball-WM 2014 und Olym­pia ließ Bür­ger­meis­ter Edu­ar­do Pa­es die U-Bahn er­wei­tern und den Flug­ha­fen aus­bau­en. Vie­le Fa­ve­la-Ar­men­vier­tel wur­den „be­frie­det“, ein Teil des Zen­trums zur Fuß­gän­ger­zo­ne um­ge­baut.

Für die Au­ßen­be­zir­ke wie Bar­ra da Ti­ju­ca wur­de ei­ne Schnell­bus­li­nie er­öff­net. Zum Glück: Dort lie­gen näm­lich 56 Ki­lo­me­ter au­ßer­halb des Zen­trums das Olym­pi­sche Dorf und der Olym­pia­park. Und die ge­plan­te U-Bahn­li­nie, die mit 2,5 Mil­li­ar­den Eu­ro fast dop­pelt so viel kos­te­te wie ge­plant, aber nicht recht­zei­tig zu Olym­pia fer­tig wird.

Fast zehn Mil­li­ar­den Eu­ro pump­te Bra­si­li­en in die Sport­stät­ten und In­fra­struk­tur­pro­jek­te in Rio, da­mit die Welt im Au­gust ei­ne ta­del­lo­se Olym­pia-Stadt se­hen kann. Doch dann brach vor zwei Jah­ren die Wirt­schaft ein und da­mit auch die Olym­pia-Vor­freu­de vie­ler Ca­rio­cas, der Ein­woh­ner Ri­os. Rio ist plötz­lich hoch ver­schul­det, muss Mil­li­ar­den für die Olym­pia-Pro­jek­te zah­len. So gibt es kein Geld mehr für Leh­rer und Ärz­te. Und we­gen lee­rer Staats­kas­sen muss­ten im ver­gan­ge­nen Jahr gleich meh­re­re Kran­ken­häu­ser schlie­ßen. Die Aus­stat­tung der Ho­s­pi­tä­ler ist ein Graus, die War­te­zei­ten für Pa­ti­en­ten wer­den im­mer län­ger. Die Ge­fahr, Op­fer ei­nes Raub­über­falls oder ei­nes an­de­ren Ge­walt­ver­bre­chens zu wer­den, ist er­heb­lich hö­her als in We­st­eu­ro­pa. „In ei­ner sol­chen fi­nan­zi­el­len La­ge Olym­pi­sche Spie­le aus­zu­rich­ten, ist ein­fach un­ver­ant­wort­lich“, meint Jor­ge Dar­ze, Spre­cher der bra­si­lia­ni­schen Ärz­te­ge­werk­schaft, und er­gänzt: „Die durch Olym­pia feh­len­den Gel­der sind für die Ein­woh­ner Ri­os ein grö­ße­res Ge­sund­heits­pro­blem als das Zi­ka-Vi­rus.“

„Olym­pia war ei­ne Ge­le­gen­heit, die In­fra­struk­tur zu ver­bes­sern. Wir ha­ben vie­le zu­vor her­un­ter­ge­kom­me­ne Stadt­vier­tel wie­der re­no­viert und at­trak­tiv für Tou­ris­ten und Ein­woh­ner ge­macht“, ver­tei­digt sich Edu­ar­do Pa­es. „Vie­le Stadt­vier­tel sind nun schö­ner und si­che­rer ge­wor­den. Das stimmt. Aber wir kön­nen die ge­stie­ge­nen Mie­ten nun nicht mehr zah­len“, ver­si­chert João Ne­li. Der Ma­ler wohnt in der Aus­geh­stra­ße Sa­ca­du­ra Ca­b­ral, wo es auch die Im­mo­bi­li­en­spe­ku­lan­ten hin­zog. „Vie­le mei­ner Nach­barn muss­ten be­reits weg­zie­hen.“

Bür­ger­meis­ter

Ri­os welt­be­rühm­ter Strand: Ipa­ne­ma ist auch ein Traum für Sur­fer. Dort tref­fen Tou­ris­ten auf Bi­ki­niSchön­hei­ten und durch­trai­nier­te Sport­ler.

Die ge­wal­ti­ge Chris­tus-Sta­tue thront im­po­sant auf dem 700 Me­ter ho­hen Cor­co­va­do-Berg.

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