All­tags­poe­sie in Fla­schen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WISSEN - VON JÖRG ISRINGHAUS

Seit 17 Jah­ren sam­melt der Künst­ler Joa­chim Rö­mer Fla­schen­post aus dem Rhein. Die rund 1900 Nach­rich­ten um­fas­sen die Band­brei­te mensch­li­chen Füh­lens und Seh­nens.

KÖLN Al­les ist im Fluss, das be­deu­tet: al­les fließt – aber auch, dass der Strom al­les be­inhal­tet, ei­ne Me­ta­pher ist für Le­ben und Tod. Und dass das Was­ser al­les mit­nimmt, was man ihm über­gibt, es auf ei­ne Rei­se schickt, wo­hin auch im­mer. Das gilt es zu be­den­ken, wenn man sich Joa­chim Rö­mer nä­hert und dem, was er „Skulp­tur der All­tags­poe­sie“nennt – ei­ne Fla­schen­post-Samm­lung, an­ge­spült und ge­fun­den am Rhein zwi­schen Bad Hön­nin­gen und Kre­feld-Bock­um. Spie­gelt sich in den Nach­rich­ten doch die gan­ze Band­brei­te mensch­li­chen Füh­lens und Seh­nens, Wir­kens und Schei­terns, Glau­bens und Hof­fens. Ver­dich­tet auf ein paar Zei­len, ver­packt in ein Ge­fäß, was die Krit­ze­lei zur wich­ti­gen Bot­schaft adelt. „Wenn Au­ßer­ir­di­sche auf die Er­de kä­men und Fla­schen­pos­ten stu­die­ren wür­den“, sagt der 59-Jäh­ri­ge, „sie wüss­ten, wie die Men­schen ti­cken.“

Ei­gen­wil­lig näm­lich. Sie schrei­ben auf, was sie sich vom Le­ben wün­schen, dass sie ei­nen Part­ner su­chen oder an De­pres­sio­nen lei­den, dass sie von Pi­ra­ten fest­ge­hal­ten wer­den, ei­nen Schatz ver­steckt ha­ben oder nur, wer sie sind und dass sich der Fin­der doch bit­te bei ih­nen mel­den sol­le, ste­cken die­se Nach­richt in ei­ne Fla­sche und wer­fen sie in den Fluss. Und Rö­mer fischt sie her­aus. Seit 1999 sam­melt der Köl­ner Künst­ler Fla­schen­pos­ten (die­sen Plu­ral hat er ge­wählt), rund 1900 sind mitt­ler­wei­le zu­sam­men­ge­kom­men, mehr als ge­nug für zwei Ausstellungen. Wich­tig ist ihm da­bei, dass sein künst­le­ri­scher An­satz ge­wür­digt wird. Sieht man die Ge­fä­ße so kon­zen­triert auf­ge­reiht vor sich, ih­re un­ge­heu­re Viel­falt, wird Rö­mers An­trieb klar – täg­lich ein Stück mehr zur un­voll­ende­ten Er­zäh­lung hin­zu­zu­fü­gen.

Von sich selbst sagt er denn auch, er sein kein Fla­schen-, son­dern ein Ge­schich­ten­samm­ler. Es ist das Ge­heim­nis, das ihn lockt, der Adres­sat ei­nes un­be­kann­ten Ab­sen­ders zu sein. Was so­fort zur Fra­ge führt, ob je­de Fla­schen­post ge­fun­den wer­den will. „Da­von ge­he ich aus“, sagt Rö­mer, doch blei­be ein mo­ra­li­scher ben, die aber glück­lich über den Fund war, weil sie glaubt, dass nun al­le Wün­sche in Er­fül­lung ge­hen. Fla­schen­pos­ten kön­nen Men­schen zu­sam­men­brin­gen. Und: „Ich kann den Men­schen na­he kom­men, oh­ne viel mit ih­nen zu tun zu ha­ben.“

Oh­ne­hin stö­bert Rö­mer ger­ne al­lei­ne in den Rhein­au­en, lässt sich, um im Jar­gon zu blei­ben, trei­ben, sucht, oh­ne zu su­chen. Wer ver­kramp­fe, ge­he leer aus. Da­bei hat er sei­nen Blick mit den Jah­ren ge­schärft für rei­sen­de Nach­rich­ten jeg­li­cher Spiel­art. Als Fla­schen­post zählt je­des Ge­fäß, das ei­ne Bot­schaft ent­hält, ob Zi­gar­ren­röhr­chen, Keks­do­se oder Kale­bas­se. Auch die Art der Bot­schaft kann va­ri­ie­ren, vom Bei­pack­zet­tel für Psy­cho­phar­ma­ka bis zu ge­weih­tem Was­ser in ei­ner Fla­sche mit der Form der Ma­don­na von Lour­des. „Ich ha­be für mich ent­schie­den, dass ich al­le, die ich fin­de, auch mit­neh­me“, sagt Rö­mer. Ist ei­ne Fla­sche zer­stört, steckt er die Bot­schaft ins nächs­te un­ver­sehr­te Ge­fäß. Zet­tel brau­chen ein Zu­hau­se, er­klärt er. Zu­mal sie lan­ge un­ter­wegs sein kön­nen. Die am wei­tes­ten ent­fern­te Fla­schen­post stammt vom Zuf­luss des Rheins in den Bo­den­see, im Durch­schnitt le­gen die schwim­men­den Zet­tel rund 50 Ki­lo­me­ter zu­rück. Hält Rö­mer sie in den Hän­den, fin­gert er die Nach­richt mit der Pin­zet­te her­aus. Noch nie hat er ei­ne Fla­sche zer­schla­gen, um an ih­ren In­halt zu ge­lan­gen, lie­ber lie­ße er sie un­ge­le­sen. Was scha­de wä­re. „Sehn­sucht zie­he mich da­hin, wo ich hin­ge­hö­re“, lau­tet ei­ne poe­ti­sche Bot­schaft. Das Seh­nen ist Rö­mers stärks­ter We­sens­zug. Und die Fla­schen­post da­mit an ih­rem Ziel an­ge­kom­men. Die Se­rie Die Fol­gen der „Rhein­lie­be“er­schei­nen diens­tags und don­ners­tags im Lo­kal­teil und mitt­wochs und frei­tags auf den Sei­ten Wis­sen, NRW oder Panorama. Das Buch Die Se­rie ent­stand mit dem Bon­ner „Ge­ne­ral-An­zei­ger“und der „Köl­ni­schen Rund­schau“. Die bes­ten Fol­gen mün­den in das Buch „Rhein­lie­be“, das am 9. Sep­tem­ber im Dros­te-Ver­lag er­scheint. Preis: 24,99 Eu­ro; es kann vor­be­stellt wer­den un­ter der Te­le­fon­num­mer 0211 - 505 2255 (Mo-Fr 8-16 Uhr) oder www.rp-shop.de Das Buch wird kos­ten­frei ver­sandt.

11/14-54 (Ar­chiv­num­mer) Fund­ort: rechts­rhei­nisch, Köln-Stamm­heim Lie­ber Pa­pa!!! Wir ha­ben dich sehr lieb! Wir wer­den dich nie ver­ges­sen! Wir kom­men mit Ma­ma um dei­nen Lieb­lings­platz (Spiel­platz) zu be­su­chen & wir kom­men manch­mal zur Oma S. um dich zu be­su­chen!/Ich ha­be dich sehr lieb Pa­pa! Ich träu­me im­mer von dir als ob du lebst./Wir den­ken im­mer über dich. Die­se Schrift kommt zu dir und das kannst du le­sen und der Je­sus wird dich be­schüt­zen. A. & Ma­ma

Hal­lo Fin­der, ich wün­sche mir, das mei­ne Klas­se net­ter wird & das mei­ne Freun­din nicht zu mei­ner an­de­ren Freun­din sagt: geh weg! Bit­te schreib mir zu­rück, aber nicht mit ei­ner Fla­schen­post. J.B. Adres­se: Köln Joa­chim Rö­mer über­nimmt Recht­schrei­bung und Zei­chen­set­zung des Ori­gi­nals – wir auch. 03/02-09 (Ar­chiv­num­mer) Fund­ort: rechts­rhei­nisch, KölnStamm­heim Lie­ber Fin­der der Fla­schen­post. Wir sind ge­fan­gen von Käp­ten Hun­keBein & sei­ner Pi­ra­ten-Ban­de. Sie wol­len in drei Wo­chen & zwei Ta­gen kil hol­len las­sen & uns das file, file Geld ab­neh­men. Wenn ihr uns ret­ten wollt, mel­det euch un­ter die­ser Adres­se

06/14-15 (Ar­chiv­num­mer) Fund­ort: links­rhei­nisch, KölnNiehl 1. Zet­tel: Lie­be Hun­de­freun­de, B. kenn ich ja, auch wenn wir es nicht so mit­ein­an­der hat­ten, tut es mir doch leid, das es so ge­en­det hat. & G., Wir wä­ren be­stimmt Freun­de ge­wor­den. Al­les Gu­te, C. 2. Zet­tel: Lie­be K., Wir hat­ten nicht viel zu tun, doch bin ich schon sehr trau­rig. Hielt dich im­mer für sehr stark & war echt scho­ckiert. Aber wün­sche dir da oben al­les Gu­te, & bald kom­men wir al­le nach. N.

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