Viel­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Plötz­lich schau­te Ja­mes in Rich­tung Wohn­zim­mer­fens­ter und zuck­te sicht­lich zu­sam­men. „Mann, das ist aber ko­misch. Die Kat­ze da drau­ßen sieht aus wie . . .“Ja­mes’ Bli­cke schos­sen über den Bo­den. „Lu­ther!“An­na hob den Kopf und sah ei­nen grau­en pel­zi­gen Schat­ten an der Fens­ter­schei­be vor­bei­flit­zen. „Geht er denn nor­ma­ler­wei­se nicht von hin­ten aus in den Vor­gar­ten?“

„Was?“, er­wi­der­te Ja­mes geis­tes­ab­we­send und stand auf. „Lu­ther?“

Er has­te­te zum Pan­ora­ma­fens­ter, stütz­te sich auf den Rah­men und späh­te hin­aus. „Mann . . . die Kat­ze ist weg. Ha­be ich jetzt schon Hal­lu­zi­na­tio­nen? Sie sah ge­nau­so aus wie er . . .“

„Ist al­les in Ord­nung mit ihm?“, er­kun­dig­te sich An­na, er­staunt über Ja­mes’ Re­ak­ti­on.

Ja­mes ging in die Kü­che und kehr­te mit ver­dat­ter­ter Mie­ne zu­rück. „Da ist er auch nicht . . . viel­leicht oben. Raus kann er ja nicht ge­kom­men sein . . .“

An­na er­hob sich eben­falls. Das Herz sack­te ihr in die Ho­se. „Äh, ich ha­be ihn raus­ge­las­sen.“Mit weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen dreh­te Ja­mes sich zu ihr um. „Was?“Nach ei­ner Schreck­se­kun­de eil­te er, An­na auf den Fer­sen, den Flur ent­lang.

„Lu­ther . . . Lu­ther!“Ja­mes stürz­te aus dem Haus.

„Kommt er drau­ßen nicht klar?“, frag­te An­na. Als sie Ja­mes durch den Vor­gar­ten folg­te, kam sie sich ziem­lich däm­lich vor. Au­ßer­dem wur­de ihr all­mäh­lich mul­mig.

„Lu­ther kommt ja schon drin­nen kaum klar“, ent­geg­ne­te Ja­mes und roll­te ei­ne Müll­ton­ne bei­sei­te, um da­hin­ter nach­zu­schau­en.

„War­um ha­ben Sie ihn raus­ge­las­sen?“, füg­te er hin­zu, wo­bei er hel­den­haft das ban­ge Be­ben in sei­ner Stim­me un­ter­drück­te. Er blick­te auf. „Lu­ther ist nie drau­ßen.“

„Er hat an der Tür ge­kratzt. Al­so ha­be ich an­ge­nom­men . . . Es tut mir so schreck­lich leid“, ant­wor­te­te An­na.

„Der klei­ne Stin­ker woll­te Sie rein­le­gen. Es ist nicht Ih­re Schuld. Schließ­lich ge­hen nor­ma­le Kat­zen raus“, er­wi­der­te Ja­mes um ei­ni­ges nach­sich­ti­ger, als An­na er­war­tet hät­te. Nie­mand hät­te ihm ei­nen Vor­wurf ge­macht, wenn er sie jetzt un­ge­spitzt in den Bo­den ge­rammt hät­te. „Lu­ther!“Ja­mes sprang über das Mäu­er­chen zum Nach­bar­grund­stück. Nach­dem er sich ver­ge­wis­sert hat­te, dass dort al­les kat­zen­frei war, trat er durch das Tor der Nach­barn auf die Stra­ße. Un­ter­des­sen such­te An­nas Blick noch ein­mal ver­geb­lich den Vor­gar­ten ab, dann ge­sell­te sie sich zu ihm.

„Es sah vor­hin da­nach aus, als woll­te er in die­se Rich­tung“, stell­te Ja­mes fest.

Jetzt, zur Haupt­ver­kehrs­zeit, herrsch­te so­gar in die­ser ru­hi­gen Wohn­stra­ße ste­ter Ver­kehr.

„Es ist nicht son­der­lich lus­tig, ihn fin­den zu wol­len, be­vor er die Stra­ße fin­det.“

„Weiß er denn nicht, wie man über die Stra­ße geht?“

Ja­mes warf ihr ei­nen viel­sa­gen­den Blick zu. „Er hat so was noch nie ge­macht. Sah er für Sie so aus, als ha­be er die Ver­kehrs­er­zie­hung ver­in­ner­licht? Ich fürch­te, der hat nur Matsch in der Bir­ne.“

Sei­ne Wort­wahl stei­ger­te An­nas Ver­zweif­lung. Sie wür­de Zeu­gin wer­den, wie ein Ka­ter von den Rä­dern ei­nes Vaux­hall Za­fi­ra in Hack- fleisch mit Fell ver­wan­delt wur­de – wohl wis­send, dass es ganz al­lein ih­re Schuld war. O Gott, wie ent­setz­lich . . .

„Kön­nen Sie da drü­ben nach­schau­en? Ich ge­he hier lang“, frag­te Ja­mes.

Mit ei­nem hef­ti­gen Ni­cken mar­schier­te An­na in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung da­von. Sie hielt sich an Ja­mes’ Bei­spiel, duck­te sich, um un­ter ge­park­te Au­tos zu spä­hen, lug­te über He­cken und rief da­bei im­mer wie­der Lu­thers Na­men.

Die Epi­so­de mit der Tür war im Licht der ak­tu­el­len Er­eig­nis­se kei­ne char­man­te, hilfs­be­rei­te Ges­te mehr, son­dern ein Akt der Auf­dring­lich­keit und Ein­mi­schung.

Zum ers­ten Mal über­leg­te sie, was Ja­mes nun von ihr hal­ten moch­te. Schließ­lich muss­te sie da­von aus­ge­hen, dass er sie we­der aus der Schu­le wie­der­er­kann­te noch ahn­te, dass sie sei­ne ab­fäl­li­gen Sprü­che über ih­re Op­tik beim Klas­sen­tref­fen mit­be­kom­men hat­te. Al­so ba­sier­te sein Bild von ihr al­lein auf ih­ren jüngs­ten Be­geg­nun­gen. Und das be­deu­te­te, dass er sich auf be­wun­derns­wer­te Wei­se um Höf­lich­keit be­müh­te, wäh­rend sie ver­mut­lich wie ei­ne Tur­bo­zi­cke rü­ber­ge­kom­men war. Und nun war der Schritt zur Kat­zen­mör­de­rin nicht mehr weit. An­na schreck­te hoch, als sie ein grau­es, pel­zi­ges Et­was zwi­schen den Hin­ter­rei­fen ei­nes ge­park­ten Au­tos auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te her­aus­schlüp­fen sah. Und prompt – wie konn­te es an­ders sein? – nä­her­te sich von links be­droh­li­ches Mo­to­ren­ge­räusch.

„Lu­ther!“, rief sie mit ei­nem Blick in Rich­tung Ja­mes, in der Hoff­nung, dass er die Kri­se be­mer­ken und ihr die Ver­ant­wor­tung ab­neh­men wür­de. Doch er war ge­ra­de nir­gends zu se­hen.

Der Ka­ter wirk­te flucht­be­reit und wie be­rauscht von der neu ge­won­ne­nen Frei­heit.

„Lu­ther, nein!“, schrie An­na, als kön­ne sie ihn da­mit in ein ge­hor­sa­mes Hünd­chen ver­wan­deln, das auf Kom­man­dos in mensch­li­cher Spra­che hör­te. Doch Lu­ther rutsch­te mit fra­gen­der Mie­ne noch ein paar Zen­ti­me­ter in Rich­tung Stra­ße.

An­na stieg die Gal­le in der Keh­le hoch, und ihr Mund wur­de tro­cken. Sie war zwar kei­ne Ver­hal­tens­ex­per­tin für Kat­zen, schätz­te die Chan­cen auf ei­nen Zu­sam­men­stoß zwi­schen Ka­ter und na­hen­dem Kom­bi je­doch auf fünf­zig zu fün­zig. Es war fast, als sei Lu­ther un­schlüs­sig – und wür­de sich erst dann in Be­we­gung set­zen, wenn das Au­to end­lich da war.

Der Ka­ter schlich ei­ni­ge Schrit­te wei­ter und wieg­te sich vor und zu­rück, als wol­le er ei­nen Satz ma­chen. Die nächs­te Be­we­gung wür­de ihn mit­ten auf die Stra­ße ka­ta­pul­tie­ren. Pa­nisch rann­te An­na vor das her­an­na­hen­de Au­to und streck­te dem Fahr­zeug bei­de Hand­flä­chen ent­ge­gen. „Stopp!“Die Fah­re­rin, ei­ne Frau mitt­le­ren Al­ters, riss ent­setzt die Au­gen auf und trat auf die Brem­se. Es schien ei­ne Ewig­keit zu dau­ern, bis der Wa­gen, nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter vor An­na, zum Ste­hen kam.

Als An­na sich nach Lu­ther um­sah, stand er zu ih­rer Über­ra­schung dicht ne­ben ih­ren Fü­ßen. Herr­je, was war die­ser Ka­ter doof! Nicht ein­mal das Rei­fen­quiet­schen hat­te ihn ver­jagt. An­na bück­te sich und griff oh­ne zu zö­gern nach ihm. Schließ­lich hat­te sie ge­ra­de ei­nen Schnell­kur­sus in Kat­zen­hand­ling hin­ter sich – zum Glück oh­ne Ka­ram­bo­la­ge. (Fort­set­zung folgt)

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