Pa­tent­stand­ort ge­winnt durch Br­ex­it

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER WIRTSCHAFT - VON THORS­TEN BREITKOPF

Ein bö­ses Er­wa­chen er­leb­te Eu­ro­pa am 24. Ju­ni 2016, kurz nach sechs Uhr. Ein schwar­zer Frei­tag, an dem nach Aus­zäh­lung der Stim­men fest­stand: 52 Pro­zent al­ler Bri­ten wol­len, dass ihr Land die Europäische Union ver­lässt. Die Ak­ti­en­kur­se rausch­ten ge­nau­so in den Kel­ler wie das bri­ti­sche Pfund und auch der Eu­ro. Kaum je­mand hat­te ge­glaubt, dass es wirk­lich so weit kommt. Doch heu­te be­steht kaum noch ein Zwei­fel: Das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich wird die EU ver­las­sen.

Nach­dem der Ka­ter halb­wegs ver­schwun­den ist, den der Br­ex­it aus­ge­löst hat, wird klar, dass nicht für al­le Stand­or­te der Ab­schied Groß­bri­tan­ni­ens ei­ne Ka­ta­stro­phe ist. Als ers­te Stadt ju­bel­te Frank­furt. Nach ei­nem Aus­tritt könn­ten vie­le Fi­nanz­markt­ak­teu­re von Lon­don an den Main zie­hen. Frank­furt ist Pro­fi­teur des Br­ex­it.

Und auch Düsseldorf, da sind sich Ju­ris­ten und Wirt­schafts­ver­tre­ter weit­ge­hend ei­nig, ist ei­ner die­ser Br­ex­it-Ge­win­ner. Da­zu je­doch muss man um die Ecke den­ken. Schon im April 2017 soll­te das müh­sam aus­ge­han­del­te ge­mein­sa­me Europäische Pa­tent­ge­richt an den Start ge­hen. Die Wirt­schaft hat­te da­mit gro­ße Hoff­nun­gen ver­bun­den. Als Stand­ort hat­te man sich auf Lon­don ge­ei­nigt, Düsseldorf – tra­di­tio­nell die Haupt­stadt bei Pa­tent­strei­tig­kei­ten – soll­te le­dig­lich ei­ne Ne­ben­stel­le be­kom­men.

Doch mit dem Br­ex­it ist die­ser Traum ge­platzt. „Es sieht al­les da­nach aus, dass das Ge­mein­schafts­pa­tent und da­mit auch der Uni­fied Pa­tent Court, al­so das Ge­richt, stirbt“, sagt der Düs­sel­dor­fer Pa­tent­an­walt Gott­fried Schüll von der Kanz­lei Co­h­ausz Flo­rack. Es sei da­von aus­zu­ge­hen, dass es „min­des­tens zu er­heb­li­chen Ver­zö­ge­run­gen bei der Ein­rich­tung des Ein­heit­li­chen Pa­tent­ge­rich­tes und des Ge­mein­schafts­pa­ten­tes von fünf oder mehr Jah­ren kom­men wird, da­mit bleibt in Düsseldorf erst ein­mal al­les beim Al­ten“, sagt Schüll. Schlecht für die In­dus­trie, gut für Düsseldorf. „Zu­min­dest mit­tel­fris­tig steigt die Be­deu­tung des Ge­richts­stand­or­tes Düsseldorf wei­ter, da der­zeit Rechts­ent­wick­lun­gen in den USA zu Un­si­cher­hei­ten für Klä­ger in den USA füh­ren“, so Schüll. Be­reits jetzt sei­en 60 Pro­zent der Klä­ger in Düsseldorf Un­ter­neh­men aus­län­di­schen Ur­sprungs, das wer­de nicht we­ni­ger wer­den.

Die­se Auf­fas­sung ver­tritt auch Shi­geo Ya­ma­gu­chi, Part­ner bei Ar­qis Rechts­an­wäl­te im Me­di­en­ha­fen. „Vie­le asia­ti­sche Un­ter­neh­men ge­hen den eu­ro­päi­schen Markt über Lon­don an, das ins­be­son­de­re in Be­zug auf ja­pa­ni­sche Un­ter­neh­mens­sit­ze ein tra­di­tio­nel­ler Kon­kur­rent von Düsseldorf ist. Wenn En­g­land aber nicht mehr zur EU ge­hört, könn­te Düsseldorf pro­fi­tie­ren, wirt­schaft­li­che und recht­li­che Ar­gu­men­te spre­chen für Düsseldorf“, sagt Ya­ma­gu­chi.

Bei der Wahl ei­nes Un­ter­neh­mens­stand­orts spielt auch rein, wie er­fah­ren die Ge­rich­te vor Ort sind. Die Wett­be­werbs­zen­tra­len müs­sen zum Bei­spiel die Un­ter­neh­men beim Vor­wurf des un­lau­te­ren Wett­be­werbs vor den ört­lich zu­stän­di­gen Ge­rich­ten ver­kla­gen, al­so dem Ort, an dem das be­klag­te Un­ter­neh­men sei­ne ge­werb­li­che Nie­der­las­sung hat. Glei­ches gilt bei Kla­gen von qua­li­fi­zier­ten Ein­rich­tun­gen nach dem Un­ter­las­sungs­kla­ge­ge­setz we­gen Ver­stö­ßen ge­gen Ver­brau­cher­schutz­ge­set­ze. „Da ist es na­tür­lich von Vor­teil, wenn die Ge­rich­te sehr er­fah­ren sind auf­grund der ho­hen An­zahl der nie­der­ge­las­se­nen Un­ter­neh­men, von de­nen be­reits vie­le aus dem Aus­land kom­men. Das trifft auf Düsseldorf zu“, sagt Phil­ipp Mai­er, bei Ar­qis Ex­per­te für Ge­werb­li­chen Rechts­schutz.

Bei der IHK weiß man um Düs­sel­dorfs Chan­cen aus dem Br­ex­it. „Frank­furt macht bei der Fi­nanz­in­dus­trie be­reits mo­bil und wirbt um Fir­men, die heu­te ih­ren Sitz in Lon­don ha­ben“, sagt Ger­hard Eschen­baum, stell­ver­tre­ten­der Haupt­ge­schäfts­füh­rer und Lei­ter der Ab­tei­lung Au­ßen­wirt­schaft der IHK. Düsseldorf sei be­reits heu­te Zen­trum für Kanz­lei­en und ins­be­son­de­re Pa­tent­an­wäl­te. „Wir soll­ten nun Düs­sel­dorfs Chan­cen in die Waag­scha­ler wer­fen und uns po­si­tio­nie­ren“, sagt Eschen­baum. Am 20. Ju­li be­schäf­tigt sich die Bri­tish Cham­ber of Com­mer­ce in der IHK Düsseldorf mit dem The­ma, Be­ginn: 15 Uhr.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.