NRW im Po­ké­mon-Rausch

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - NORDRHEIN-WESTFALEN - VON OLI­VER BURWIG

Das Smart­pho­ne-Spiel Po­ké­mon Go ist seit ges­tern auch in Deutsch­land ver­füg­bar. Tau­sen­de spiel­ten schon vor­her mit aus­län­di­schen Ac­counts, un­ter Ju­gend­li­chen und jun­gen Er­wach­se­nen gibt es jetzt kaum noch ein an­de­res The­ma.

DÜS­SEL­DORF Ist es ei­gent­lich er­laubt, als Er­wach­se­ner noch mit Po­ké­mon zu spie­len? Der Ein­stieg in das neue Smart­pho­ne-Spiel Po­ké­mon Go scheint be­son­ders jun­gen Er­wach­se­ne leicht­zu­fal­len, die am gro­ßen Hy­pe um die „Po­cket Mons­ter“(Ta­schen­mons­ter) zu Be­ginn des Jahr­tau­sends noch selbst An­teil hat­ten. Von der Düs­sel­dor­fer Kö­nigs­al­lee bis zum Cam­pus der Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät ja­gen Kin­der, Ju­gend­li­che und Er­wach­se­ne mit dem Smart­pho­ne in der Hand in Grup­pen nach Po­ké­mon, be­wun­dern auf den Han­dys ih­rer Freun­de de­ren Er­fol­ge oder lau­fen ein­zeln her­um – mit ei­nem Lä­cheln und ver­stoh­le­nen Bli­cken, ob auch nie­mand merkt, was man da macht.

„Ich bin Le­vel acht“, gibt der 25jäh­ri­ge Elek­tro­tech­nik-Stu­dent Da­vid Kaul zu. Ge­mein­sam mit dem gleich­alt­ri­gen Do­mi­nik Köl­zer (Le­vel eins, ers­tes Po­ké­mon: Glu­man­da) stellt er ei­nem Luft-Po­ké­mon nach, das sich na­he der Bi­b­lio­thek nie­der­ge­las­sen hat. Dort soll es, so er­zählt ein an­de­rer Stu­dent, zur Mit­tags­zeit be­son­ders vie­le Mons­ter ge­ben. Die wer­den an­ge­lockt von Kö­dern, die Spie­ler dort (in der vir­tu­el­len Welt) im­mer zur glei­chen Zeit plat­zie­ren, um Po­ké­mon – und da­mit auch vie­le Mit­spie­ler – an­zu­lo­cken und das Spiel so­mit zu ei­ner Mas­sen­ver­an­stal­tung zu ma­chen.

Ken­nen Sie über­haupt noch die Po­ké­mon? An­fang der 2000er Jah­re er­ober­ten die bun­ten Mons­ter mit den ko­mi­schen Na­men durch ei­ne ja­pa­ni­sche Zei­chen­trick­se­rie und zu­ge­hö­ri­ge Game­boy-Spie­le auch Eu­ro­pa. Nach­dem das Phä­no­men – zu­min­dest aus der Le­bens­welt der Er­wach­se­nen – schon lan­ge wie­der ver­schwun­den war, keh­ren Fi­gu­ren wie Pi­ka­chu, Schig­gy und Ratt­fratz durch Po­ké­mon Go nun zu­rück. Und jetzt sind uns die Po­ké­mon nä­her als je zu­vor: Die kos­ten­lo­se Aug­men­ted-Rea­li­ty-App („er­wei­ter­te Rea­li­tät“) lässt ih­re Be­nut­zer in der rea­len Welt auf die Jagd nach bis­lang 151 Po­ké­mon ge­hen.

Wer sich bis­her schon an Men­schen stör­te, die voll­kom­men ab­ge- taucht auf den Bild­schirm ih­res Smart­pho­nes star­ren (Ju­gend­wort des Jah­res 2015: „Smom­bie“), sich da­bei aber trotz­dem auf der Stra­ße be­we­gen, für den gibt es schlech­te Nach­rich­ten. Denn ge­nau das ist das Prin­zip des Spiels, das Mil­lio­nen fes­selt. Per GPS be­stimmt es den Auf­ent­halts­ort des Spie­lers, zeigt ei­ne Stra­ßen­kar­te sei­ner Um­ge­bung an und mit­ten­drin sei­ne Spiel­fi­gur, die ana­log zu ihm durch die Ge­gend schlen­dert. Kaum hat man mit dem Spie­len be­gon­nen, er­schei­nen in der Nä­he schon die ers­ten Po­ké­mon, das ers­te meist gleich um die Ecke. Hat man sich ei­nem Mons­ter weit ge­nug ge­nä­hert, kann man es auf dem Bild­schirm an­tip­pen und die An­sicht wech­selt von der Kar­te zum Ka­me­ra-Su­cher. Rich­tet man die Lin­se sei­nes Han­dys dann auf das klei­ne Zei­chen­trick-Mons­ter, kann man es mit ei­ner Wisch­be­we­gung auf dem Dis­play mit Po­ké­bäl­len be­wer­fen und ein­fan­gen. Ziel des Spiels ist es, mög­lichst vie­le Po­ké­mon zu sam­meln und dann ge­gen Mons­ter von an­de­ren Spie­lern kämp­fen zu las­sen.

An der Gi­rar­de­tB­rü­cke der Düs­sel­dor­fer Kö­nigs­al­lee kom­men täg­lich knapp 100 Men­schen zu­sam­men, um zu spie­len. Denn dort gibt es nicht nur kos­ten­lo­se Po­ké­bäl­le, son­dern auch be­son­ders vie­le und gu­te Po­ké­mon. „Wir sind da­für aus Bot­trop ge­kom­men“, sagt Ke­vin Bal­ger (22 Jah­re, Le­vel 14), der mit Jen­ni­fer Bor­schel (22, Le­vel acht) zwi­schen den an­de­ren Mons­ter­jä­gern an der Brü­cke steht. Wie viel Zeit sie da­mit ver­brin­gen? „Bis der Ak­ku leer ist. Dann geht’s zum Auf­la­den zu Star­bucks“, sagt Bor­schel.

Die knapp 60 Me­ga­byte gro­ße Smart­pho­ne-App gibt ei­nen Vor­ge­schmack auf die Zu­kunft der Spie­le. Denn die of­fen­sicht­li­che Fas­zi­na­ti­on bei jun­gen und äl­te­ren Spie­lern dürf­te dar­in be­ste­hen, dass es haupt­säch­lich ei­ne en­ge Ver­bin­dung zwi­schen bun­ter Spiel­welt und Wirk­lich­keit schafft, in der sich der Spie­ler be­wegt. Man kann es beim Spa­zier­gang spie­len, es zwingt da­zu, un­ge­wohn­te We­ge zu ge­hen, und be­lohnt so­gar das Lau­fen an sich. In den USA hat man schon be­haup­tet, es ma­che fit. Si­cher ist, dass es so man­chen jun­gen Spie­ler nach drau­ßen ge­lockt hat.

Und das ist doch schon ei­ne Leis­tung.

„Wir spie­len, bis der Ak­ku leer ist. Dann

geht’s zum Auf­la­den zu Star­bucks“

Jen­ni­fer Bor­schel

22-jäh­ri­ge Po­ké­mon-Go-Spie­le­rin

Be­geg­nung mit der Fi­gur na­mens Quap­sel: So sieht Po­ké­mon Go auf dem Smart­pho­ne-Dis­play aus.

Die Kö­nigs­al­lee im Spiel. Un­ten sind zwei Po­ké­mon an­ge­zeigt, die der Spie­ler fan­gen kann.

SCREENSHOTS (3): OLI­VER BURWIG

Das Po­ké­mon Trau­ma­to auf der Kö. Die Pas­san­ten kön­nen es nicht se­hen.

Au­tor Oli­ver Burwig sucht Po­ké­mons.

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