Mehr Schutz vor Stal­king

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON EVA QUADBECK

Das Ka­bi­nett hat ei­nen Ge­setz­ent­wurf be­schlos­sen, wo­nach Stal­ker künf­tig leich­ter be­straft und Op­fer ef­fek­ti­ver ge­schützt wer­den sol­len. Jähr­lich kom­men zwi­schen 20.000 und 30.000 Fäl­le zur An­zei­ge – die Dun­kel­zif­fer ist hö­her.

Groß­er­eig­nis­se wie die EM er­zeu­gen Ab­schieds­schmerz. Die Lee­re da­nach. Wie zur Be­sänf­ti­gung wird dann meist noch ein we­nig die Fra­ge ver­folgt: Was bleibt? Wel­cher Au­gen­blick wird es in die Lang­zeiter­in­ne­rung schaf­fen und die vie­len St­un­den vor dem Bild­schirm ge­lohnt ha­ben?

Viel­leicht ist es dies­mal ein un­schein­ba­rer Mo­ment auf ei­ner fran­zö­si­schen Fan­mei­le, den der Sen­der Eu­ro­news bei ei­ner die­ser sprach­lo­sen Schwenks über be­weg­te Men­schen­mas­sen zu­fäl­lig ein­ge­fan­gen hat und der nun durch die so­zia­len Netz­wer­ke ge­reicht wird. Ein fran­zö­si­scher Fan im blau­en Tri­kot mit stol­zem Hahn auf der Brust ist da zu se­hen, der nach dem ver­lo­re­nen Fi­na­le wie be­nom­men ins Nichts starrt, Luft holt, schließ­lich weint, weil al­les ver­geb­lich war. Und dann sieht man plötz­lich die Hand ei­nes Jun­gen, die zö­ger­lich den Arm des Man­nes be­rührt. Ir­ri­tiert blickt der Fan auf, der klei­ne Jun­ge im Tri­kot der Por­tu­gie­sen be­rührt ihn wie­der, spricht mit ihm, trös­tet. Am En­de um­ar­men sich die bei­den, der Mann und das Kind, und man muss schon hart­ge­sot­ten sein, um sich von die- BERLIN Stal­ker sind oft er­fin­dungs­reich, wie sie ih­ren Op­fern das Le­ben zur Höl­le ma­chen kön­nen: Droh­an­ru­fe, Sa­bo­ta­ge der so­zia­len Netz­wer­ke oder per­sön­li­ches Auf­lau­ern. Oft wer­den auch noch Kin­der oder Le­bens­part­ner der Op­fer in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen. Häu­fig sind es ehe­ma­li­ge Le­bens­part­ner, die zu Stal­kern wer­den. Meis­tens sind Frau­en die Op­fer.

Ein neu­es Ge­setz, das ges­tern das Bun­des­ka­bi­nett pas­sier­te, soll da­für sor­gen, dass die Tä­ter leich­ter be­straft und bes­ser von den Op­fern fern­ge­hal­ten wer­den kön­nen. Bis­lang konn­ten die Stal­ker nur be­langt wer­den, wenn das Op­fer nach­wei­sen konn­te, dass durch die Atta­cken sein Le­ben „schwer­wie­gend be­ein­träch­tigt“wor­den sei. Das galt für Fäl­le, in de­nen das Op­fer bei­spiels­wei­se um­ge­zo­gen ist oder den Ar­beits­platz ge­wech­selt hat, um den Stal­kern zu ent­ge­hen. „Stal­king soll künf­tig be­reits dann straf­bar sein, wenn das Op­fer dem Druck nicht nach­gibt und sein Le­ben nicht än­dert“, sag­te Just­zi­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD). Künf­tig ser Sze­ne nicht er­grei­fen zu las­sen. Das liegt nicht nur dar­an, dass da ein klei­ner Jun­ge den ers­ten Schritt tut, vor­sich­tig, be­hut­sam, aber so wei­se wie ein al­ter Mann.

Das Vi­deo lässt li­ve er­le­ben, wie Mit­ge­fühl funk­tio­niert, wie es Gren­zen zwi­schen Na­tio­na­li­tä­ten, Fan­grup­pie­run­gen, Ge­ne­ra­tio­nen über­win­det, weil Mit­ge­fühl im­mer von Mensch zu Mensch wirkt und sich von Zu­schrei­bun­gen nicht auf­hal­ten lässt. soll sich al­so schon straf­bar ma­chen, wer „be­harr­lich ei­ner an­de­ren Per­son un­be­fugt nach­stellt“, heißt es in ei­ner Mit­tei­lung des Mi­nis­te­ri­ums.

Den Tat­be­stand der Nach­stel­lung gibt es seit 2007 im Straf­ge­setz­buch. Doch schon län­ger war klar, dass die Re­ge­lung Lü­cken ent­hält, die nun ge­schlos­sen wer­den sol­len. Seit In­kraft­tre­ten des Ge­set­zes zählt die po­li­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik pro Jahr zwi­schen 20.000 und 30.000 Fäl­le. Ei­ne Zu­nah­me ist nicht zu ver­zeich­nen. Die Dun­kel­zif­fer wird mit 600.000 bis 800.000 Fäl­len pro Jahr als deut­lich hö­her ein­ge­schätzt. Ei­ner Stu­die des Mann­hei­mer In­sti­tuts für see­li­sche Ge­sund­heit zu­fol­ge wer­den zwölf Pro­zent der Bür­ger ein­mal im Le­ben Op­fer von ob­ses­si­ver Ver­fol­gung oder Be­läs­ti­gung, was ge­mein­hin als Stal­king gilt.

Auch der Schutz der Stal­king-Op­fer soll bes­ser wer­den. Bis­lang be­darf es ei­ner ge­richt­li­chen Ent­schei­dung, da­mit ein Ver­bot, sich dem Op­fer noch ein­mal zu nä­hern, auch wirk­sam und da­mit straf­be­währt wird. Künf­tig sol­len ge­richt­li­che Ver­glei­che, in de­nen ei­ne Kon­takt-

Viel­leicht fällt es Kin­dern leich­ter, spon­tan ih­ren Ge­füh­len zu fol­gen, die Ver­zweif­lung ei­nes an­de­ren un­ver­stellt wahr­zu­neh­men, an sich her­an­zu­las­sen und nicht zu­erst den geg­ne­ri­schen Fan zu se­hen, son­dern den Men­schen, dem die Ent­täu­schung ge­ra­de die Luft nimmt. Viel­leicht wapp­nen sich Er­wach­se­ne in­ner­lich zu oft ge­gen Mit­ge­fühl, weil die­se Emp­fin­dung ei­ne star­ke Kraft ist, die Leu­te da­zu be­we­gen kann, die Si­cher­heit des ge­wohn­ten Ver­hal­tens zu ver­las­sen und Wirk­lich­keit zu ver­än­dern.

Al­ler­dings ge­nügt es da­für nicht, sich von ei­nem Vi­deo im Netz sen­ti­men­tal er­fas­sen zu las­sen und es wei­ter­zu­rei­chen wie ei­nes die­ser Kat­zen­film­chen. Der Jun­ge mit dem Por­tu­gal-Shirt ist nicht nur nied­lich, er zeigt uns, wie der Mensch sein kann, wenn er sich nicht ver­schanzt, son­dern wach sei­nen Emp­fin­dun­gen folgt, ei­nen an­de­ren an den Arm fasst, ihn be­rührt, mensch­lich han­delt. Mit­emp­fin­den ist ei­gent­lich ganz ein­fach. Das lehrt ein kur­zer Film, der vie­le Men­schen rührt. Und Mah­nung sein soll­te. Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rer Au­to­rin: kolumne@rheinische-post.de sper­re ver­ein­bart wird, eben­falls straf­be­wehrt sein, wenn sich ein Stal­ker nicht an die Ver­ein­ba­rung hält. Dem Schutz der Op­fer soll auch die­nen, dass künf­tig Po­li­zei und an­de­re öf­fent­li­che Stel­len er­fah­ren, wenn ein Stal­ker ein Kon­takt­ver­bot er­hält.

Am Straf­rah­men soll sich nichts än­dern. So kann das Nach­stel­len auch wei­ter­hin mit bis zu drei Jah­ren Haft be­legt wer­den.

Neu ist auch ei­ne Re­ge­lung für die Ge­richts­ver­fah­ren, die es den Op­fern er­leich­tern soll, zu ih­rem Recht zu kom­men. Bis­lang ge­hör­te das Stal­ken in den Ka­ta­log der Pri­vat­kla­ge­de­lik­te, was da­zu führ­te, dass die Ge­rich­te un­ter Ver­weis auf Pri­vat­kla­ge Ver­fah­ren ein­stel­len konn­ten. Für die Op­fer wie­der­um be­deu­te­te dies, dass sie bei er­neu­ter Kla­ge selbst das Kos­ten­ri­si­ko für Ge­richt und An­walts­kos­ten bei­der Sei­ten tru­gen. Mit der ge­plan­ten Strei­chung aus dem Ka­ta­log der Pri­vat­kla­ge­de­lik­te kön­nen die Ge­rich­te die Ver­fah­ren nicht mehr ein­fach ein­stel­len. Bis­her ste­hen den Zehn­tau­sen­den An­zei­gen nur ei­ni­ge Hun­dert Ver­ur­tei­lun­gen pro Jahr ge­gen­über.

Der Op­fer­schutz­ver­band „Wei­ßer Ring“sieht die Neu­re­ge­lung als Fort­schritt, hät­te sich aber noch mehr ge­wünscht. „Dass jetzt schon Nach­stel­lun­gen be­straft wer­den kön­nen, die ge­eig­net sind, die Le­bens­ge­stal­tung Be­trof­fe­ner zu be­ein­träch­ti­gen, ist okay“, sag­te die Vor­sit­zen­de Ros­wi­tha Müller-Pie­pen­köt­ter der „Ber­li­ner Zei­tung“. Al­ler­dings sei die ur­sprüng­lich vor­ge­se­he­ne zu­sätz­li­che For­mu­lie­rung „ver­gleich­ba­re An­grif­fe“ge­stri­chen wor­den. „Da­mit hat der Mi­nis­ter ei­ne Brem­se an­ge­zo­gen, mit der wir sehr schlecht le­ben kön­nen“, füg­te Müller-Pie­pen­köt­ter hin­zu. „Denn dass je­mand zum Bei­spiel ein Stal­king-Op­fer beim Ar­beit­ge­ber an­schwärzt oder To­des­an­zei­gen auf­gibt, fällt da­mit raus.“Dies aber sei­en wich­ti­ge Tat­be­stän­de.

Wie die Mann­hei­mer Stal­kin­gFor­scher in Stu­di­en nach­wei­sen, ken­nen die meis­ten Stal­king-Op­fer ih­re Pei­ni­ger. Oft sind es ehe­ma­li­ge Part­ner, Zu­falls­be­kannt­schaf­ten oder auch Nach­barn. Stal­king gibt es auch im Arzt-Pa­ti­en­ten-Ver­hält­nis oder zwi­schen An­wäl­ten und ih­ren Man­dan­ten.

Stal­king-Op­fer zeig­ten im Ver­gleich zur All­ge­mein­be­völ­ke­rung ei­ne deut­lich schlech­te­re psy­chi­sche Be­find­lich­keit. Sie be­rich­te­ten über Sym­pto­me in­fol­ge der Nach­stel­lun­gen und Atta­cken, wie bei­spiels­wei­se ver­stärk­te Un­ru­he, Angst, Schlaf­stö­run­gen und De­pres­sio­nen.

Künf­tig soll sich schon straf­bar ma­chen, wer be­harr­lich ei­ner an­de­ren Per­son un­be­fugt

nach­stellt

Mit­ge­fühl ist ei­ne mäch­ti­ge Kraft

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