Viel­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Die Hand un­ter Lu­thers wei­chen Kör­per ge­klemmt, wink­te sie der Fah­re­rin zum Dank zu. Ver­ständ­nis mal­te sich auf der ge­ra­de noch ent­geis­ter­ten Mie­ne der Frau, und sie er­wi­der­te die Ges­te mit ei­nem ver­söhn­li­chen Win­ken, das wohl Oh. Aha. Uff! be­sa­gen soll­te.

Als Anna auf den si­che­ren Geh­weg zu­rück­kehr­te, ent­deck­te sie Ja­mes ein Stück wei­ter die Stra­ße hin­auf. Ver­mut­lich hat­te er die Ret­tungs­ak­ti­on be­ob­ach­tet.

„Lu­ther“, ver­kün­de­te Anna über­flüs­si­ger­wei­se, als sie ihn, den zap­peln­den Ka­ter fest um­klam­mernd, er­reich­te.

„Was ha­ben Sie sich da­bei ge­dacht? Sie hät­ten über­fah­ren wer­den kön­nen!“

Ja­mes hat­te ei­ne Hand vor die Stirn ge­schla­gen und war sicht­lich er­bleicht. Es er­staun­te Anna, wie sehr ihn ih­re wag­hal­si­ge Aktion er­schreckt hat­te. Es schien mehr da­hin­ter­zu­ste­cken als nur der Wunsch, sich ei­nen wi­der­wär­ti­gen An­blick, ge­folgt von mas­sen­wei­se Pa­pier­krieg, zu er­spa­ren.

„Ich ha­be mich ver­ant­wort­lich ge­fühlt.“

„Sie ha­ben sich ver­ant­wort­lich ge­fühlt? Mein Ka­ter . . . Ihr Le­ben. Ir­gend­wie geht die Rech­nung nicht ganz auf. Herr­gott, Anna. Ich ha­be Sie schon in der In­ten­siv­sta­ti­on ge­se­hen. Und mich, wie ich Ih­re El­tern an­ru­fe, um ih­nen zu er­öff­nen, dass Sie we­gen ei­nes zi­cki­gen Stu­ben­ti­gers im Ster­ben lie­gen. Ich weiß nicht, ob ich mich bei Ih­nen be­dan­ken oder Ih­nen ei­ne Sze­ne ma­chen soll“, sag­te Ja­mes, schlug die Hän­de vors Ge­sicht und ent­fern­te sie wie­der, da­mit er wei­ter­spre­chen konn­te. „Ich ha­be Ih­nen doch nicht et­wa ein schlech­tes Ge­wis­sen ge­macht, weil Sie ihn raus­ge­las­sen ha­ben? Sie soll­ten nichts da­von mer­ken.“

„Ach, herr­je, nein! Dar­an ha­be ich gar nicht ge­dacht.“Anna hat­te nur ei­ne ein­zi­ge Lö­sung ge­se­hen und sich dar­auf ge­stürzt. Buch­stäb­lich. Rück­bli­ckend be­trach­tet war es ziem­lich leicht­sin­nig, sein Le­ben auf die Brems­kraft ei­nes Nis­san Mi­cra zu ver­wet­ten.

Als Anna Ja­mes den Ka­ter über­reich­te und sich ver­ge­wis­ser­te, dass er ihn auch gut fest­hielt, streif­te ih­re Hand kurz sei­ne Brust. Lu­thers zor­ni­ges Ge­sicht­chen ver­zog sich, und er er­beb­te vor Em­pö­rung, weil sei­ne Ope­ra­ti­on Him­mel­fahrts­kom­man­do so rü­de ab­ge­kürzt wor­den war.

„Er möch­te sich bei Ih­nen be­dan­ken“, mein­te Ja­mes und beug­te den Kopf ein Stück über den Ka­ter. Anna ahn­te, dass er es un­männ­lich ge­fun­den hät­te, in ih­rer Ge­gen­wart das Ge­sicht an den Ka­ter zu ku­scheln.

Sie fühl­te sich selt­sam. Nach­dem sie den Klau­en des Schick­sals ihr pel­zi­ges Op­fer ent­ris­sen hat­te, puls­te das Ad­re­na­lin durch ih­re Adern. Und noch da­zu be­nahm sich der Mann, den sie ei­gent­lich von Her­zen ver­ab­scheu­te, ge­ra­de so mensch­lich und an­stän­dig, dass es ihr schwer­fiel, ihn wei­ter zu has­sen. Ob­wohl er ih­ren Hass ver­dient hat­te, wie sie sich noch ein­mal streng vor Au­gen hielt.

„Ab­ge­se­hen vom le­bens­mü­den Aspekt war es echt cool. Stopp!“Mit aus­ge­streck­ter Hand­flä­che ahm­te Ja­mes An­nas Ges­te nach und ba­lan­cier­te Lu­ther da­bei kurz in der Arm­beu­ge. Grin­send pack­te er fes­ter zu, als der Ka­ter nicht auf­hör­te zu zap­peln.

„Komm mit, al­ter Jun­ge. Wir schal­ten den Na­tio­nal-Geo­gra­phicSen­der für dich ein. Dann kannst du dir vor­stel­len, dass du in den An­den rum­turnst.“

Anna lä­chel­te. Sie kehr­ten zu­rück ins Haus.

Nach­dem der grol­len­de Lu­ther mit ei­ner Un­ter­tas­se Whis­kas-Milch be­sänf­tigt wor­den war, mein­te Ja­mes: „Wenn schon das klei­ne Mist­vieh ei­nen Drink für sei­ne Ner­ven kriegt, fin­de ich, ha­ben wir uns auch ei­nen ver­dient. Whis­ky?“

„Tau­send Dank. Ger­ne“, ant­wor­te­te Anna, ob­wohl sie sonst nie Whis­ky trank.

„Ich glau­be, die Ar­beit kön­nen wir für heu­te ver­ges­sen“, stell­te Ja­mes mit ei­nem Blick zu den auf dem Ess­zim­mer­tisch aus­ge­brei­te­ten Pa­pie­ren fest. „War­um ma­chen wir es uns nicht ge­müt­lich?“Er wies aufs So­fa.

Anna kau­er­te auf der Kan­te des ma­kel­los sau­be­ren zar­t­ro­sa Ches­ter­field. Nach­dem Ja­mes ei­ne Wei­le in der Haus­bar im Ess­zim­mer ge­kramt hat­te, kehr­te er mit zwei Tum­blern zu­rück, die zwei Fin­ger­breit ei­ner bern­stein­far­be­nen Flüs­sig­keit ent­hiel­ten. Anna war nicht ganz si­cher, doch ei­nen Mo­ment lang hat­te sie den Ein­druck, dass sei­ne Hand zit­ter­te, als er ihr das Glas reich­te. „Ist La­phroa­ig okay?“„Ach, der? Da­von las­se ich dann doch lie­ber die Fin­ger, dan­ke.“

Ja­mes mach­te ein er­schro­cke­nes Ge­sicht.

„War nur ein Scherz!“, rief Anna. „Das könn­te ge­nau­so gut Irn-BruLi­mo sein. Ich ha­be kei­ne Ah­nung von Whis­ky.“Kurz zog Ja­mes das Glas weg. „Oh? In die­sem Fall möch­te ich ihn lie­ber nicht ver­schwen­den.“Grin­send gab er ihr das Glas. Sie mach­ten Wit­ze? Kei­ne sehr gu­ten, mei­net­we­gen. Aber trotz­dem. Das war ein ge­wal­ti­ger Schritt nach vor­ne.

„Auf­rich­ti­gen Dank“, sag­te er und stieß mit ihr an. Anna nu­schel­te ein Gern ge­sche­hen. Der Whis­ky schmeck­te nach Torf und Feu­er und lös­te ein an­ge­neh­mes Bren­nen im Mund aus.

„Ris­kie­ren Sie oft Ihr Le­ben für Kat­zen, ob­wohl Sie sie nicht mö­gen?“

„Das war rein in­stink­tiv. Ein­fach nur neee­ein . . .“

„Jetzt ha­ben Sie ge­ra­de selbst be­stä­tigt, dass Ih­re In­stink­te un­glaub­lich edel und auf­op­fe­rungs­be­reit sind. Wenn­gleich ver­rückt.“

Ja­mes’ Lä­cheln strahl­te vor auf­rich­ti­ger Freu­de. Anna hielt sich vor Au­gen, dass es nichts als die Er­leich­te­rung war, dass ihm ein zer­malm­ter, er­staunt drein­bli­cken­der Ka­ter in ei­nem trop­fen­den Schuh­kar­ton und ein heik­les Te­le­fo­nat mit sei­ner Frau er­spart blie­ben.

„Woll­te Ih­re Frau ihn denn nicht mit­neh­men?“, er­kun­dig­te sich Anna, wo­bei sie hoff­te, dass die­se Fra­ge nicht zu auf­dring­lich war.

„Das möch­te man ei­gent­lich mei­nen“, er­wi­der­te Ja­mes und ließ sich in den Le­der­ses­sel sin­ken. „Mo­men­tan wohnt sie bei ei­ner Freun­din, und dort ist nicht viel Platz. Wahr­schein­lich wird sie ihn ho­len, wenn sie ei­ne dau­er­haf­te Blei­be ge­fun­den hat. Oder auch nicht. Eva, wie sie leibt und lebt.“

Ihm schien sei­ne ei­ge­ne Ver­bit­te­rung pein­lich zu sein. „Ach, sie ist eben ei­ne Num­mer für sich. Ei­ne Na­tur­ge­walt, so nennt man das ver­mut­lich. Wenn man je­man­den hei­ra­tet, der in ei­ner hö­he­ren Li­ga spielt, muss man sich eben auf Är­ger ge­fasst ma­chen.“

„Und spielt sie denn in ei­ner hö­he­ren Li­ga?“, hak­te Anna vor­sich­tig nach.

(Fort­set­zung folgt)

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