Ei­ne Zeit­zeu­gin bis in die Ge­gen­wart

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORFER KULTUR - VON LOTHAR SCHRÖ­DER

Esther Betz, Eh­ren­her­aus­ge­be­rin der Rhei­ni­schen Post, er­zähl­te vom Auf­bau der frei­en Pres­se nach Kriegs­en­de 1945.

Das ge­hör­te zum ers­ten Ein­druck an die­sem Abend – dass Zeit­zeu­gin­nen ei­gent­lich an­ders aus­se­hen. Ir­gend­wie his­to­ri­scher. Und mit­un­ter auch ein we­nig be­tu­li­cher. Die­sem Bild aber wur­de Esther Betz nicht ge­recht, schon des­halb nicht, weil ge­ruh­sa­me Rück­bli­cke nicht ih­rem Na­tu­rell ent­spre­chen. So wur­de der Abend zu ei­ner quick­le­ben­di­gen Ge­schichts­stun­de, bei dem die 92jäh­ri­ge Eh­ren­her­aus­ge­be­rin der Rhei­ni­schen Post von den An­fän­gen der de­mo­kra­ti­schen Pres­se nach 1945 er­zähl­te.

Die Gäs­te der Mahn- und Ge­denk­stät­te schie­nen so et­was schon ge­ahnt zu ha­ben: Da die Plät­ze im Vor­trags­saal nicht mehr aus­reich­ten, be­sorg­ten sich et­li­che Zu­hö­rer Stüh­le aus an­de­ren Räu­men und plat­zier­ten sich im Flur. Dort konn­te man zwar kaum noch et­was se­hen, da­für aber al­les hö­ren. Und das vor al­lem lohn­te sich.

Das Über­zeu­gen­de in den Be­rich­ten von Esther Betz war, dass ihr Ton­fall im­mer noch nach Auf­bruch klingt und im­mer noch Zu­ver­sicht ver­brei­tet. Da­bei ver­schwieg sie im Ge­spräch mit dem His­to­ri­ker Pe­ter Hen­kel kei­nes­wegs die Här­ten der letz­ten Kriegs- und ers­ten Nach­kriegs­jah­re. Den Bom­ben­ter­ror in Düs­sel­dorf; die Ver­schi­ckung 1943 nach Sach­sen („aus­ge­rech­net Sach­sen!“); ih­re Ar­beit im La­za­rett und in ei­ner Mu­ni­ti­ons­fa­brik. Sie er­zähl­te vom Hun­ger die­ser Zeit, und was es hieß, elf Mal die Schu­le wech­seln zu müs­sen und im­mer wie­der auf ih­ren jü­di­schen Vor­na­men an­ge­spro­chen zu wer­den. Der klei­ne, gro­ße Er­folg die­ser Zeit war, dass sie sich da­vor drü­cken konn­te, der Na­zi-Or­ga­ni­sa­ti­on „Bund deut­scher Mä­del“an­zu- ge­hö­ren. „Statt­des­sen ha­ben wir na­tür­lich heim­lich den Feind­sen­der ge­hört.“

Der Auf­bau kurz nach Kriegs­en­de wird heu­te oft ro­man­ti­scher ge­se­hen als er war. Esther Betz neigt grund­sätz­lich nicht zu Lar­mo­yanz, und doch wur­de in ih­ren Er­zäh­lun­gen auch die Här­te hör- und spür­bar. Die Bag­ger muss­ten gleich nach Kriegs­en­de erst ein­mal den Schutt in der Dru­cke­rei des Düs­sel­dor­fer Dros­te-Ver­lags weg­räu­men, um zu den al­ten Ro­ta­ti­ons­ma­schi­nen zu ge­lan­gen. Dort soll­te nach dem Wil­len der bri­ti­schen Be­sat­zungs­macht ei­ne Zei­tung ent­ste­hen mit neu­en – und das hieß: un­ta­de­li­gen Zei­tungs­ma­chern.

Ei­ner von ih­nen war der Jour­na­list An­ton Betz, den die Na­zis 1933 für mehr als sechs Mo­na­te in­haf­tiert hat­ten und der spä­ter als An­zei­gen­ver­käu­fer der Frank­fur­ter Zei­tung sein Geld ver­dien­te. Ein Zei­tungs­mensch durch und durch, der sein Nach­rich­ten-Hand­werk von Pi­ke auf er­lernt hat­te.

Mit ihm ta­ten sich wei­te­re Düs­sel­dor­fer zu­sam­men, die nicht mit den Na­zis ko­ope­riert hat­ten: Karl Ar­nold und Erich Wen­de­roth. Sie wa­ren die Li­zenz­trä­ger der Rhei­ni­schen Post, die am 2. März 1946 mit nur vier Sei­ten in ei­ner Auf­la­ge von 235.000 Ex­em­pla­ren zum Preis von 20 Reichs­pfen­nig er­schien. 22 Jah­re alt war Esther Betz da­mals, als der Neu­an­fang ge­wagt wur­de, mit viel Mut

der und Ent­beh­rung – und na­tür­lich wei­ter­hin noch un­ter Auf­sicht der Bri­ten.

Bald schon gab es nach den Wor­ten von Esther Betz an­de­re, „er­bit­ter­te Kämp­fe“aus­zu­tra­gen. So woll­te die CDU viel stär­ker im neu­en Blatt zu Wort kom­men. Die Her­aus­ge­ber aber be­haup­te­ten ih­re Frei­heit. Un­ab­hän­gig soll­te die Zei­tung und über­par­tei­lich sein. Par­tei­lich blieb sie nur in ih­ren Wer­ten und An­sich­ten. Wich­tig war auch: „Die Zei­tung soll­te mit ih­rer Qua­li­tät Geld ver­die­nen und nicht ab­hän­gig von Geld­ge­bern sein.“

Ein „Rät­sel“sei es ihr bis heu­te, so die 92-Jäh­ri­ge, wie dies al­les ge­lin­gen konn­te. Und wie man über­haupt ei­ne Re­dak­ti­on mit un­be­las­te­ten Au­to­ren fin­den konn­te. Zu­mal das Rhein­land da­mals vie­len nicht son­der­lich at­trak­tiv er­schien, wie die Ab­sa­ge ei­nes Jour­na­lis­ten aus Bay­ern zeig­te. Statt ei­nes Ge­halts wünsch­te er lie­ber ein Dach über dem Kopf, ei­nen Gar­ten, ei­ne Wie­se und ei­ne Zie­ge.

Wer aber gut zu­hör­te, konn­te zu­min­dest er­ah­nen, mit wel­cher Men­ta­li­tät all das zu meis­tern ge­we­sen ist: „Ich ha­be im­mer ver­sucht, aus al­lem das Bes­te zu ma­chen, was mög­lich war“, sag­te Esther Betz. Mit ihr hat­te die Mahn- und Ge­denk­stät­te ei­ne Ge­sprächs­part­ne­rin ein­ge­la­den, die als auf­merk­sa­me Be­ob­ach­te­rin ei­ne ei­ge­ne Idee von Zeit­zeu­gen­schaft hat: Sie be­währt sich bis in die Ge­gen­wart hin­ein.

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