Hof­fen auf den Neu­start

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - STIMME DES WESTENS - VON GRE­GOR MAYNTZ

ST. PE­TERS­BURG Wik­tor Sub­kow, CoVor­sit­zen­der des Pe­ters­bur­ger Dia­logs, macht es span­nend: „Das Si­gnal aus Mos­kau ist hier drin.“Vor dem rus­si­schen Vor­sit­zen­den des Pe­ters­bur­ger Dia­logs liegt ei­ne Map­pe mit Reiß­ver­schluss. Noch ist er zu. Sel­ten war das In­ter­es­se an die­sem Fo­rum so groß wie heu­te. Erst­mals seit vier Jah­ren tagt der Pe­ters­bur­ger Dia­log zwi­schen der deut­schen und der rus­si­schen Zi­vil­ge­sell­schaft wie­der in Russ­land. Deutsch­land hat­te die Gre­mi­en­tref­fen we­gen der Anne­xi­on der Krim und der Ge­walt in der Ost-Ukrai­ne stark ein­ge­schränkt. Und nun wird un­ter den Teil­neh­mern be­kannt, dass Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin und Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel am Vor­tag mit­ein­an­der te­le­fo­niert und ver­ab­re­det ha­ben, wie­der zu ei­ner bes­se­ren wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Zu­sam­men­ar­beit zu kom­men. Der Auf­takt in St. Pe­ters­burg macht je­doch klar: Wun­der sind nicht zu er­war­ten, es be­ginnt mit en­ga­gier­tem Tre­ten auf der Stel­le. Gibt es ei­nen Schritt nach vorn?

St. Pe­ters­burg ist nicht ir­gend­ei­ne Stadt. Das ma­chen gut 100 Mit­glie­der der deut­schen De­le­ga­ti­on am Mor­gen klar. Je­der geht still mit ei­ner ro­ten Nel­ke über ei­nen Weg, zu des­sen bei­den Sei­ten ab 1942 fast 500.000 der ins­ge­samt 1,5 Mil­lio­nen Op­fer von Krieg und deut­scher Be­la­ge­rung der Stadt be­er­digt wur­den. Sub­kow und sein deut­scher Amts­kol­le­ge Ro­nald Po­fal­la le­gen ei­nen Kranz nie­der. An die Be­la­ge­rung zum Dia­log-Auf­takt ganz be­son­ders zu er­in­nern, sei ei­ne „wich­ti­ge und not­wen­di­ge Ges­te“, sagt Po­fal­la. Auch das mah­ne zu der Er­kennt­nis, dass der Dia­log nie en­den dür­fe.

St. Pe­ters­burg ist aber auch das Zeug­nis ei­nes Russ­lands, das als eu­ro­päi­sche Groß­macht Ge­schich­te ge­schrie­ben hat. Meis­ter­wer­ke von Rem­brandt, Raf­fa­el, Mi­che­lan­ge­lo, da Vin­ci fin­den sich hier. Und dann ist St. Pe­ters­burg ein Sig- nal für die ak­tu­el­len Kon­flik­te: Ent­ste­hungs­ort des Pe­ters­bur­ger Dia­logs. 2001 ha­ben Pu­tin und Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der das Fo­rum an die­ser Stel­le ge­grün­det. In op­ti­mis­ti­scher Grund­stim­mung soll­ten De­bat­ten der Zi­vil­ge­sell­schaf­ten die po­li­ti­sche Ko­ope­ra­ti­on er­gän­zen.

15 Jah­re spä­ter ist die Vor­be­rei­tung mit Fin­ger­ha­ke­lei­en der per­so­nel­len Auf- und Ab­wer­tung ver­bun­den. Wenn EU-Par­la­ments­prä­si­dent Mar­tin Schulz kommt, bie­ten die Rus­sen den Du­maChef. Doch dann kommt als ers­ter Haupt­red­ner nicht Schulz, son­dern Olaf Scholz, Ham­burgs Bür­ger­meis­ter. Prompt ist auch der Rus­se ver­hin­dert – statt­des­sen spricht nun die Gou­ver­neu­rin der Re­gi­on. Wie weit ist das ent­fernt von ei­nem Dia­log, des­sen Pa­ten­schaft Kanz­ler und Prä­si­dent über­nom­men hat­ten!

We­nigs­tens sind Mer­kel und Pu­tin per Zi­tat an­we­send. Denn Sub­kow holt nun das Gruß­wort des Prä­si­den­ten aus der Map­pe. Der fei­ert den Dia­log als „ge­frag­te Qu­el­le neu­er An­re­gun­gen und Initia­ti­ven“. Sie sei heu­te be­son­ders wich­tig, um et­wa „Ste­reo­ty­pen und Vor­ur­tei­le aus­zu­räu­men“und dann „Ver­trau­en wie­der­her­stel­len“zu kön­nen. In Mer­kels Gruß­wort geht es dar­um, „al­les zu tun, um den Frie­den in Eu­ro­pa zu be­wah­ren“, und in­so­fern wün­sche sie ei­nen „ge­winn­brin­gen­den Aus­tausch“.

Wenn das die er­hoff­ten Si­gna­le sind, dann ha­ben sich Pu­tin und Mer­kel für ge­spann­tes Ab­war­ten auf den ers­ten Schritt des An­de­ren ver­stän­digt.

Po­fal­la ent­schei­det sich für die Po­li­tik der kla­ren Aus­spra­che. Er stellt sich hin­ter die schärfs­ten Kri­ti­ker der rus­si­schen Agen­ten-Ge­setz­ge­bung. Schon vor der of­fi­zi­el­len Er­öff­nung am Abend sind am Nach­mit­tag die Teil­neh­mer ei­ner von zehn Ar­beits­grup­pen zu­sam­men­ge­kom­men. Ver­tre­ter von Stif­tun­gen und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NGOs) ha­ben dar­in ein­mal mehr das Vor­ge­hen Russ­lands ge­gen ei­ge­ne NGOs at­ta­ckiert. So­bald die­se fi­n­an-

Rü­di­ger Frei­herr von Fritsch ziel­le Un­ter­stüt­zung aus dem Aus­land er­hal­ten, müs­sen sie sich als „aus­län­di­sche Agen­ten“de­kla­rie­ren las­sen. „Nicht ak­zep­ta­bel“fin­det auch der deut­sche Bot­schaf­ter in Russ­land, Rü­di­ger Frei­herr von Fritsch, dass selbst das „Han­s­e­bü­ro“zur Ko­ope­ra­ti­on im Ost­see­raum aus­län­di­scher Agent sein soll, weil Schles­wig-Hol­stein die Zu­sam­men­ar­beit för­dert.

Und? Wel­ches Si­gnal kommt von Sub­kow? Das be­fürch­te­te. Die­ses Ge­setz ha­be die Staats­du­ma be­schlos­sen, und in Deutsch­land und Russ­land

„Wir kön­nen doch nicht wie­der ei­ne Ord­nung der gro­ßen Mäch­te

in­sze­nie­ren“

Deut­scher Bot­schaf­ter in Mos­kau

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