„Wir dür­fen nicht mehr durch­win­ken“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - FO­TO: DPA

WI­EN Eu­ro­pas jüngs­ter Au­ßen­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz (29) gilt in der kon­ser­va­ti­ven Ös­ter­rei­chi­schen Volks­par­tei (ÖVP) als Hoff­nungs­trä­ger. Im In­ter­view spricht er nicht nur über die Flücht­lings­kri­se, auch die mög­li­chen Fol­gen des Br­ex­it be­schäf­ti­gen ihn. Kurz ist ein eher un­prä­ten­tiö­ser Typ. Fürs In­ter­view lässt er sich nicht vom Vor­zim­mer durch­stel­len, son­dern ist gleich per­sön­lich in der Lei­tung. Herr Kurz, die neue bri­ti­sche Re­gie­rungs­che­fin May ist ent­schlos­sen, den Br­ex­it zu voll­zie­hen. Fürch­ten Sie, dass wei­te­re EU-Län­der fol­gen? KURZ Der Br­ex­it be­deu­tet ei­ne Schwä­chung der Eu­ro­päi­schen Uni­on. Ich ge­he nicht da­von aus, dass wei­te­re eu­ro­päi­sche Staa­ten fol­gen wer­den. Der Br­ex­it muss uns aber wach­rüt­teln und da­für sor­gen, dass wir die Eu­ro­päi­sche Uni­on stär­ker auf­stel­len. Ha­ben Sie kei­ne Sor­ge vor dem „Öxit“an­ge­sichts der Eu­ro­pa­skep­sis in Ih­rem Land? KURZ Wir ha­ben ei­ne ähn­li­che Si­tua­ti­on wie in Deutsch­land: Wir ha­ben ei­ni­ge Bür­ger, die eu­ro­pa­kri­tisch sind, aber gleich­zei­tig ei­ne kla­re pro-eu­ro­päi­sche Mehr­heit. Als mei­ne Auf­ga­be se­he ich es an, dass sich die Eu­ro­päi­sche Uni­on wei­ter zum Po­si­ti­ven ent­wi­ckelt und die Zahl der Be­für­wor­ter wie­der deut­lich steigt. Das Frie­dens­pro­jekt al­lei­ne ist ins­be­son­de­re der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on zu we­nig. Wir brau­chen ei­ne hand­lungs­fä­hi­ge star­ke Uni­on, die in den gro­ßen Fra­gen Lö­sun­gen zu­stan­de bringt. Dann wird auch das Ver­trau­en in der Be­völ­ke­rung wie­der wach­sen. Wie wä­re es mit mehr Rech­ten fürs Par­la­ment, we­ni­ger für die Kom­mis­sa­re? KURZ Ge­stärkt wird die EU, wenn wir ak­tu­el­le Kri­sen lö­sen. Das wich­tigs­te The­ma für die Br­ex­it-Be­für­wor­ter war die Mi­gra­ti­ons- und Flücht­lings­kri­se. In­so­fern be­nö­ti­gen wir kei­ne Theo­rie-De­bat­te, wie die Eu­ro­päi­sche Uni­on in 30 Jah­ren aus­se­hen soll­te. Viel­mehr müs­sen wir aku­te Her­aus­for­de­run­gen be­wäl­ti­gen. Das wür­de der EU Glaub­wür­dig­keit zu­rück­ge­ben. Ein Dreh- und An­gel­punkt für die ak­tu­el­le Ak­zep­tanz Eu­ro­pas ist der Um­gang mit der Flücht­lings­kri­se. Wird es dau­er­haft so blei­ben, dass nur noch we­ni­ge Flücht­lin­ge nach Eu­ro­pa ge­lan­gen? KURZ Dass es we­ni­ge sind, wür­de ich nicht un­ter­schrei­ben. Viel­mehr ge­lan­gen we­ni­ger Flücht­lin­ge nach Eu­ro­pa als im ver­gan­ge­nen Herbst. Die Zah­len in Ös­ter­reich sind im­mer noch zu hoch. Im­mer noch zu vie­le Men­schen stel­len in Ös­ter­reich ei­nen Asyl­an­trag. Rech­nen Sie da­mit, dass das EU-Tür­kei-Ab­kom­men Be­stand ha­ben wird? KURZ Ob die Flücht­lings­zah­len in Eu­ro­pa wie­der stei­gen wer­den, hängt von uns ab. Im ver­gan­ge­nen Jahr ha­ben sich auch sehr vie­le Men­schen auf den Weg ge­macht, weil es ein Durch­kom­men nach Mit­tel­eu­ro­pa gab. Vie­le sa­hen die Chan­ce, nach Deutsch­land, Ös­ter­reich oder Schwe­den zu kom­men, um dort ein bes­se­res Le­ben an­zu­fan­gen. Wenn wir die Au­ßen­gren­zen der Eu­ro­päi­schen Uni­on schüt­zen, wenn wir Men­schen, die sich il­le­gal auf den Weg nach Eu­ro­pa ma­chen, an der Au­ßen­gren­ze stop­pen, dann wird es un­at­trak­ti­ver sein, sich auf den Weg nach Eu­ro­pa zu ma­chen, und we­ni­ger Men­schen wer­den es ver­su­chen. Soll­te das Schen­ge­ner Ab­kom­men re­for­miert wer­den, um fle­xi­bler re­agie­ren zu kön­nen, wenn wie­der mehr Flücht­lin­ge nach Eu­ro­pa kom­men soll­ten? KURZ Ich bin ein Pro-Eu­ro­pä­er. Ich bin ein jun­ger Mensch, der in ei­nem Eu­ro­pa oh­ne Gren­zen auf­ge­wach­sen ist. Mein Ziel sind nicht na­tio­na­le Grenz­kon­trol­len. Mein Ziel ist ein Eu­ro­pa mit funk­tio­nie­ren­den Au­ßen­gren­zen. Wir müs­sen un­se­re Prio­ri­tät dar­auf le­gen, dass al­le Staa­ten in der EU ge­mein­sam den Schutz der Au­ßen­gren­ze zu­stan­de brin­gen. Wir dür­fen Ita­li­en und Grie­chen­land nicht al­lei­ne las­sen. Wir Eu­ro­pä­er müs­sen klar­ma­chen, dass, wer il­le­gal nach Eu­ro­pa kommt, nicht nach Mit­tel­eu­ro­pa durch­ge­wun­ken wird. Wenn wir das schaf­fen, dann sind wir auch nicht mehr von der Tür­kei und ei­nem De­al mit der Tür­kei ab­hän­gig. Dann ha­ben wir die La­ge selbst un­ter Kon­trol­le. Par­al­lel soll­ten wir die Hil­fe für die Her­kunfts­län­der der Flücht­lin­ge mas­siv aus­bau­en.

Der ös­ter­rei­chi­sche Au­ßen­mi­nis­ter for­dert ei­nen

ge­mein­sa­men Schutz der eu­ro­päi­schen Au­ßen­gren­zen

durch al­le EU-Län­der.

Wel­che kon­kre­ten Maß­nah­men sind not­wen­dig, da­mit sich Eu­ro­pa selbst schüt­zen kann? KURZ Es braucht die Be­reit­schaft der EU-Staa­ten, ei­nen Bei­trag zu leis­ten. Die Be­reit­schaft se­he ich weit­ge­hend ge­ge­ben. In­so­fern bin ich zu­ver­sicht­lich, dass es uns ge­lin­gen wird, so wie es ge­ra­de auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne an­ge­dacht wird, für den Grenz­schutz ei­ne ei­ge­ne Be­hör­de zu schaf­fen oder Fron­tex zu stär­ken. Ist Ös­ter­reich wei­ter dar­auf vor­be­rei­tet, den Bren­ner zu schlie­ßen – zum Bei­spiel, wenn Sie Ih­re Flücht­lings­ober­gren­ze im Herbst er­reicht ha­ben? KURZ Selbst­ver­ständ­lich sind wir auf Grenz­kon­trol­len vor­be­rei­tet, auch wenn wir uns der his­to­ri­schen Sen­si­bi­li­tät des Bren­ners be­wusst sind. Es gibt die Mög­lich­keit von Grenz­kon­trol­len und na­tio­na­len Maß­nah­men, um ei­ne Über­for­de­rung un­se­res Lan­des ab­zu­weh­ren. Das ist nicht un­ser Wunschsze­na­rio. Wir wol­len funk­tio­nie­ren­de eu­ro­päi­sche Au­ßen­gren­zen. In Deutsch­land hat es ja viel Auf­re­gung um un­se­re Grenz­kon­trol­len ge­ge­ben. Da möch­te ich be­to­nen, dass Deutsch­land der­zeit Grenz­kon­trol­len zu Ös­ter­reich durch­führt.

EVA QUAD­BECK FÜHR­TE DAS IN­TER­VIEW.

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