Das Br­ex­it-Ka­bi­nett

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - POLITIK - VON JO­CHEN WITTMANN

Ein Po­lit-Clown ver­tritt Groß­bri­tan­ni­en im Aus­land, ein „char­man­ter Mist­kerl“führt das Land aus der EU.

LON­DON Ge­nau auf die­se Schlag­zei­le wird es ihr an­ge­kom­men sein: „May bringt die Br­ex­i­teers her­ein“stand ges­tern auf der Ti­tel­sei­te des „Dai­ly Te­le­graph“. Die eu­ro­skep­ti­sche Pres­se fei­ert die Ka­bi­netts­um­bil­dung der neu­en Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May. Mit Liz Truss als neu­er Jus­tiz­mi­nis­te­rin und Jus­ti­ne Gre­e­ning als Bil­dungs- und Frau­en­mi­nis­te­rin be­rief May zwei Frau­en in Schlüs­sel­po­si­tio­nen. Li­am Fox wird Mi­nis­ter des neu ge­schaf­fe­nen Res­sorts für in­ter­na­tio­na­len Han­del. Da­vid Da­vis soll künf­tig als Br­ex­it-Mi­nis­ter das Kleink­lein der Ver­hand­lun­gen mit der EU über­wa­chen. Und der gro­ße Pau­ken­schlag: Bo­ris John­son wird Au­ßen­mi­nis­ter.

Der Kon­ti­nent reibt sich die Au­gen. Bo­ris John­son!? Aus­ge­rech­net der Mann, der nach den Wor­ten des Bun­des­au­ßen­mi­nis­ters, sei­nes Amts­kol­le­gen Frank-Wal­ter St­ein­mei­er, zu­erst die Bri­ten in den Br­ex­it ge­lockt hat, sich dann aus der Ver­ant­wor­tung stahl und lie­ber Cri­cket spie­len ging? Aus­ge­rech­net der Mann, der als Po­litC­lown gilt und noch nie ein Mi­nis­ter­amt be­klei­de­te, soll jetzt als se­riö­ser Staats­mann ernst ge­nom­men wer­den?

Die Personalie wird ver­ständ­li­cher, wenn man sich John­son et­was nä­her an­schaut. Der 52-Jäh­ri­ge ver­fügt über ein po­li­ti­sches Ka­pi­tal wie nie­mand sonst im Land, denn er mag vie­les sein, aber ei­nes ganz be­son­ders: Er ist po­pu­lär. Je­der­mann kennt ihn beim Vor­na­men. Die meis­ten Bri­ten mö­gen ihn, auch wenn sie in der Sa­che mit ihm nicht über­ein­stim­men wür­den. Sein Bio­graf And­rew Grim­son ur­teil­te über ihn: „John­son hat ei­ne Be­ga­bung, die man in der Po­li­tik kaum je an­trifft: Er macht den Men­schen bes­se­re Lau­ne. Selbst die Leu­te, die ihn nicht ge­wählt ha­ben, fan­gen an zu lä­cheln.“In­dem ihn The­re­sa May auf ei­nem Spit­zen­pos­ten im Ka­bi­nett in­stal­liert, pro­fi­tiert sie selbst von John­sons Po­pu­la­ri­tät. Au­ßer­dem ist John­son nicht ganz oh­ne Re­gie­rungs­er­fah­rung, denn er hat zwei Amts­zei­ten als Lon­do­ner Bür­ger­meis­ter hin­ter sich. Mit dem größ­ten per­sön­li­chen Man­dat des Kö­nig­reichs im Rü­cken lei­te­te er acht Jah­re lang die Ge­schi­cke der Me­tro­po­le.

Ei­ne Epi­so­de, die sich 2012 wäh­rend der Olym­pi­schen Spie­le in Lon­don er­eig­ne­te, il­lus­triert das Bo­ris-Phä­no­men: John­son woll­te ei­ne 320 Me­ter lan­ge Seil­brü­cke im Vic­to­ria-Park ein­wei­hen. Setz­te sich ei­nen et­was lä­cher­lich aus­se­hen­den blau­en Schutz­helm auf, häng­te sich mit Ka­ra­bi­ner­ha­ken an den Stahl­draht und rutsch­te los. Blieb auf dem letz­ten Drit­tel hän­gen und bau­mel­te in sechs Me­tern Hö­he am Seil. Man soll­te mei­nen, jetzt wä­re er hilf­los der Lä­cher­lich­keit preis­ge­ge­ben. Nicht so John­son. Der Bür­ger­meis­ter we­del­te mit zwei bri­ti­schen Fähn­chen und hielt ei­ne lau­ni­ge Re­de: „Al­les bes­tens or­ga­ni- siert“, schrie er, „holt mir ei­ne Lei­ter!“Die Leu­te im Park lach­ten sich sche­ckig, aber nicht über ihn, son­dern mit ihm. John­son trug wie­der ein­mal zur Hei­ter­keit bei.

Al­ler­dings bleibt da noch das Pro­blem mit John­sons lo­cke­rem Mund­werk. Ein Bei­spiel: Hil­la­ry Cl­in­ton, läs­ter­te John­son, er­in­ne­re ihn an „ei­ne sa­dis­ti­sche Kran­ken­schwes­ter in ei­nem Ir­ren­haus“. Und ganz be­son­ders aus­fal­lend wur­de er, als er die EU mit Hit­ler ver­glich, weil auch die EU ganz Eu­ro­pa un­ter ei­ne Herr­schaft brin­gen wol­le. Als Au­ßen­mi­nis­ter kann sich John­son sol­che Aus­rut­scher nicht mehr leis­ten. The­re­sa May hat ihn so­zu­sa­gen zur Be­wäh­rung ver­ur­teilt.

Ne­ben John­son ist auch die Personalie Da­vid Da­vis bri­sant. Er soll Groß­bri­tan­ni­en aus der EU füh­ren. Der 1948 ge­bo­re­ne Da­vis sitzt seit 1987 im Par­la­ment. Von 1994 bis 1997 be­klei­de­te er das Amt des Au­ßen­mi­nis­ters. Kurz nach der Jahr­tau­send­wen­de war er kurz­zei­tig Vor­sit­zen­der der To­ries. Zwi­schen 2003 und 2008 war er in­nen­po­li­ti­scher Spre­cher der Par­tei. In je­ner Zeit for­der­te er ein­mal die Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe.

Wie die Ver­hand­lun­gen mit der EU aus­ge­hen wer­den, weiß Da­vis an­schei­nend schon. Im „Dai­ly Te­le­graph“schrieb er: Am En­de be­kä­men die Bri­ten das Bes­te aus zwei Wel­ten. Frei­en Han­del mit der EU, aber eben oh­ne die Bü­ro­kra­tie und ei­ne Su­per­re­gie­rung in Brüs­sel. Sei­ne Ver­hand­lungs­stra­te­gie hat Da­vis be­reits um­ris­sen: Be­vor er in Brüs­sel vor­spricht, will er ver­su­chen, die Re­gie­run­gen in Ber­lin und Pa­ris bei de­ren ei­ge­nen In­ter­es­sen zu pa­cken. Das An­ge­bot an die Bun­des­re­gie­rung et­wa müs­se lau­ten: „Ab­so­lu­ter Zu­gang für deut­sche Au­tos und In­dus­trie­gü­ter in Groß­bri­tan­ni­en – im Ge­gen­zug für ei­nen ver­nünf­ti­gen De­al über al­les an­de­re.“

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„Ich lie­be Ten­nis. Ich ha­be so­gar mal Bo­ris Be­cker zu ei­nem Match her­aus­ge­for­dert. Er sag­te zu, rief mich aber nie zu­rück. Ich

wet­te, ich könn­te ihn über den Platz scheu­chen“, sag­te Bo­ris John­son 2005

dem bri­ti­schen „Ex­press“. Als gro­ßer Skep­ti­ker der Idee Eu­ro­päi­sche Uni­on hat Da­vid Da­vis sei­nen Spitznamen be­reits weg. Man nen­ne ihn den „char­man­ten Mist­kerl“, be­kann­te der 67-jäh­ri­ge Kon­ser­va­ti­ve kürz­lich in der „York­shire Post“nicht oh­ne Stolz.

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