Phar­ma­bran­che zahlt 575 Mil­lio­nen an Ärz­te

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - WIRTSCHAFT - VON ANT­JE HÖ­NING

71.000 Ärz­te er­hiel­ten Geld et­wa für Vor­trä­ge, Fort­bil­dun­gen und For­schun­gen. Doch nur 29 Pro­zent stimm­ten der Ver­öf­fent­li­chung zu. Der Ärz­te­prä­si­dent for­dert jetzt ei­ne Ver­öf­fent­li­chungs­pflicht für al­le nach US-Vor­bild.

DÜS­SEL­DORF Die Zei­ten, in de­nen die Phar­ma­in­dus­trie Ärz­ten mehr­tä­gi­ge Lu­xus­rei­sen, ge­tarnt als Fort­bil­dung, spen­dier­te, sind wohl vor­bei. Doch noch im­mer fließt viel Geld. 575 Mil­lio­nen Eu­ro zahl­ten die 54 wich­tigs­ten Her­stel­ler den deut­schen Ärz­ten 2015 et­wa für Vor­trä­ge, Fort­bil­dun­gen, Spon­so­ring und Stu­di­en, wie die Bran­chen­in­itia­ti­ve „Frei­wil­li­ge Selbst­kon­trol­le für die Arz­nei­mit­tel­in­dus­trie“(FSA) selbst öf­fent­lich ge­macht hat. Dar­un­ter sind al­le Gro­ßen wie Bay­er, Ro­che, Bo­eh­rin­ger. Das Geld floss an 71.000 Ärz­te und me­di­zin­na­he Per­so­nen, über 20.000 ha­ben der na­ment­li­chen Ver­öf­fent­li­chung zu­ge­stimmt, wie „Spie­gel On­li­ne“und der Re­cher­che­ver­bund Cor­rec­tiv er­mit­telt ha­ben, die die in­di­vi­du­el­len Da­ten zu ei­ner Da­ten­bank zu­sam­men­stell­ten (https://cor­rec­tiv.org/ eu­ros). Hier kann je­der Pa­ti­ent se­hen, was Bay­er und Co. sei­nem Arzt und sei­ner Kli­nik zah­len.

Ein Bei­spiel: Ärz­te der Uni­k­li­nik Düs­sel­dorf ha­ben dem­nach von Phar­ma­her­stel­lern 358.856 Eu­ro er­hal­ten, dar­un­ter 254.900 Eu­ro an Ho­no­ra­ren. Wei­te­re 287.772 Eu­ro gin­gen an 57 wei­te­re Ärz­te und In­sti­tu­tio­nen. Die Uni­k­li­nik Düs­sel­dorf, die den Trans­pa­renz­ko­dex be­grüßt, zu den ein­zel­nen Zah­len aber nichts sag­te, er­klär­te: „So­lan­ge die Re­geln ein­ge­hal­ten wer­den, die sich die Phar­ma­in­dus­trie für Zu­wen­dun­gen ge­ge­ben hat, se­hen wir in ei­ner Zu­sam­men­ar­beit von In­dus­trie und Ein­rich­tun­gen des Ge­sund­heits­we­sens ei­ne sinn­vol­le und not- wen­di­ge Er­gän­zung der For­schungs­för­de­rung. Nicht al­le Pro­jek­te kann die Öf­fent­li­che Hand för­dern.“Zu­gleich be­ton­te die Kli­nik: „Die Ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren der Uni­ver­si­täts­me­di­zin für fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zun­gen fol­gen den Ge­set­zen zur Kor­rup­ti­ons­ver­mei­dung.“

Da­ne­ben fin­den sich in der Kar­te An­ga­ben von vie­len Pra­xen, die mal 100 Eu­ro und 1000 Eu­ro an­ge­ben. Ins­ge­samt sol­len die Zah­lun­gen von zwei Eu­ro bis 200.000 Eu­ro an ein­zel­ne Ärz­te rei­chen. Doch be­son­ders ge­schäfts­tüch­ti­ge Ne­ben­ver­die­ner ha­ben sich er­war­tungs­ge­mäß nicht ge­ou­tet. Es ent­brennt ei­ne De­bat­te dar­über, ob die frei­wil­li­ge Aus­kunft reicht oder man al­le Ärz­te, wie in den USA, zur Of­fen­le­gung ver­pflich­ten soll.

Die Bun­des­ärz­te­kam­mer for­dert dies: „Die über­gro­ße Mehr­heit der Ärz­te lässt sich nichts zu­schul­den kom­men und muss des­halb Trans­pa­renz nicht fürch­ten. Wir ha­ben al­ler­dings von An­fang an ge­sagt, dass die Ver­öf­fent­li­chung der Zu­wen­dun­gen un­ab­hän­gig von der Zu­stim­mung des Emp­fän­gers er­fol­gen soll­te“, sag­te Ärz­te­prä­si­dent Fran­kUl­rich Mont­go­me­ry un­se­rer Re­dak­ti­on. „Al­ter­na­tiv soll­ten Phar­ma­Un­ter­neh­men auf die Zu­sam­men­ar­beit mit Ärz­ten ver­zich­ten, die nicht ge­nannt wer­den wol­len.“Die Ärz­te­schaft be­für­wor­te seit lan­gem ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung nach dem Vor­bild des „Phy­si­ci­ans Pay­ment Sunshi­ne Act“der USA, so Mont­go­me­ry. „Da­nach müs­sen al­le fi­nan­zi­el­len Leis­tun­gen und Sach­leis­tun­gen so­wie Na­me, Adres­se, An­bie­ter, Wert, Da­tum und Art der Zu­wen­dung of­fen­ge­legt wer­den.“Das Trans­pa­renz-Ge­setz war von Prä­si­dent Oba­ma ein­ge­führt wor­den.

Das geht dem Ver­band For­schen­den Arz­nei­mit­tel­her­stel­ler, der die frei­wil­li­ge Kon­trol­le vor­an­ge­trie­ben hat, zu weit. Das US-Ge­setz sei zwar ei­ne Blau­pau­se ge­we­sen, es ha­be aber Jah­re bis zu sei­ner Eta­b­lie­rung ge­dau­ert. „Wir ha­ben uns ent­schie­den, ei­nen Weg zu ge­hen, der auf Deutsch­land zu­ge­schnit­ten ist: Hier spielt das Da­ten­schutz­recht des Ein­zel­nen ei­ne gro­ße Rol­le. Das re­spek­tie­ren wir na­tür­lich.“

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um hat zwar die Kor­rup­ti­ons­vor­schrif­ten ver­schärft, plant aber auch kei­ne Of­fen­le­gungs­pflicht. NRW-Ge­sund­heits­mi­nis­te­rin Barbara Stef­fens (Grü­ne) sorgt sich da­ge­gen um die Fra­ge, wie un­ab­hän­gig Ärz­te bei der Ver­schrei­bung noch sind. „Pa­ti­en­ten müs­sen dar­auf ver­trau­en kön­nen, dass Ärz­te ih­nen ein Me­di­ka­ment nur des­halb ver­schrei­ben, weil sie von der Wirk­sam­keit über­zeugt sind – und nicht, weil sie auf der Ho­no­rar­lis­te des Her­stel­lers ste­hen.“Wenn Ärz­te Di­enst­leis­tun­gen für Phar­ma­un­ter­neh­men über­neh­men, müs­se das nicht per se ein Nach­teil für die Pa­ti­en­ten sein. „Sie soll­ten es bei der Ent­schei­dung über ei­ne The­ra­pie aber un­be­dingt wis­sen.“

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