Fahr­läs­si­ger Um­gang mit Wes­tLB-Kunst?

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - KULTUR - VON DO­RO­THEE KRINGS

Im Fall der ge­stoh­le­nen Wer­ke der Wes­tLB-Samm­lung droht neu­er Är­ger: Er­mitt­lun­gen er­ga­ben, dass das De­pot nur be­dingt ge­si­chert war, was sich auf die Zah­lung der Ver­si­che­rungs­sum­me von ei­ner Mil­li­on Eu­ro aus­wir­ken könn­te.

DÜS­SEL­DORF Als be­kannt wur­de, dass aus der Samm­lung der ehe­ma­li­gen Wes­tLB kost­ba­re Kunst­wer­ke un­ter an­de­rem Pa­blo Pi­cas­sos ge­stoh­len wur­den, hat­te es noch Be­schwich­ti­gun­gen ge­ge­ben. Ein Spre­cher der Por­ti­gon AG, je­nes Fi­nanz­dienst­leis­ters, der 2012 aus der Wes­tLB her­vor­ging und der die Wer­ke in ei­nem De­pot in Düs­sel­dorf ein­ge­la­gert hat­te, hat­te da­mals er­klärt, Por­ti­gon wer­de wahr­schein­lich kein fi­nan­zi­el­ler Scha­den ent­ste­hen, denn die Wer­ke sei­en ver­si­chert. Da­bei soll es um ei­ne Ver­si­che­rungs­sum­me von rund ei­ner Mil­li­on Eu­ro ge­hen. Das ge­stoh­le­ne Ga­b­rie­le-Mün­ter-Ge­mäl­de „Das Haus“soll ei­nen Ver­si­che­rungs­wert von 600.000 Eu­ro be­sit­zen, elf Li­tho­gra­fi­en aus der „Stier“-Se­rie von Pi­cas­so sol­len mit 400.000 Eu­ro ver­si­chert sein.

Doch über die Aus­zah­lung die­ser Sum­men könn­te es nun zum Streit kom­men zwi­schen Por­ti­gon und dem Ver­si­che­rer. Denn die Er­mitt­lun­gen der Staats­an­walt­schaft er­ga­ben, dass es Lü­cken im Si­che­rungs­sys­tem bei der Wes­tLB-Nach­fol­ge­rin ge­ge­ben ha­ben muss. Die Ge­mäl­de wa­ren in ei­nem Raum ge­la­gert, zu dem ei­gent­lich nur ei­ne be­grenz­te Zahl von Per­so­nen mit­tels ei­nes Trans­pon­ders Zu­gang ha­ben soll­te. Die­se über­schau­ba­re Per­so­nen­grup­pe wä­re als Tä­ter­kreis für die Staats­an­walt­schaft al­so durch­aus über­prüf­bar ge­we­sen. Ver­wun­der­lich al­so, dass die Staats­an­walt­schaft ih­re Er­mitt­lun­gen in die­sem Fall oh­ne Er­geb­nis ein­stell­te.

Auf Nach­fra­ge er­klär­te nun ein Spre­cher der zu­stän­di­gen Staats­an­walt­schaft Düs­sel­dorf, die Zahl der mög­li­chen Tä­ter sei viel grö­ßer ge­we­sen, als zu­nächst kol­por­tiert, weil der Schlüs­sel für den Zu­griff auf den Trans­pon­der un­ge­si­chert in ei­nem Bü­ro ge­le­gen ha­be. Theo­re­tisch hät­ten sich al­so vie­le Men­schen Zu­gang zu dem Kunst­de­pot ver­schaf­fen kön­nen.

Der Dieb­stahl war Mit­ar­bei­tern der Por­ti­gon schon um den Jah­res­wech­sel 2014/2015 auf­ge­fal­len. Sie hat­ten be­merkt, dass der Tre­sor­raum für Kunst zu un­ge­wöhn­li­chen Zei­ten ge­öff­net wor­den war. Ei­ne Prü­fung er­gab dann, dass Wer­ke im De­pot fehl­ten. Al­ler­dings schwie­gen die Ge­schä­dig­ten lan­ge über den Dieb­stahl. Selbst als un­ter der Lei­tung der da­ma­li­gen Kul­tur­mi­nis­te­rin Ute Schä­fer (SPD) die ers­ten Sit- zun­gen des Run­den Ti­sches statt­fan­den, um zu be­ra­ten, wie und in wel­chen Tei­len die zum Ver­kauf ste­hen­de um­fang­rei­che Wes­tLBSamm­lung für das Land zu ret­ten sei, wur­de der Dieb­stahl nicht er­wähnt. Ein Spre­cher der Por­ti­gon er­klär­te spä­ter, dies sei auf An­ra­ten der Staats­an­walt­schaft ge­sche­hen. Die Fahn­der hät­ten ge­hofft, oh­ne öf­fent­li­ches Auf­se­hen den Tä­tern eher auf die Spur zu kom­men. Die Er­mitt­lun­gen er­ga­ben dann aber, dass der po­ten­zi­el­le Tä­ter­kreis so groß ist, dass wei­te­re Er­mitt­lun­gen sinn­los er­schei­nen.

Das wirft nun die Fra­ge auf, ob die Por­ti­gon-Mit­ar­bei­ter, die für die Auf­be­wah­rung des Schlüs­sels zu­stän­dig wa­ren, fahr­läs­sig ge­han­delt ha­ben. Und ob in die­sem Fall die Ver­si­che­rung über­haupt für die Ver­lus­te auf­kom­men wird. In der Re­gel, so ist in der Bran­che zu er­fah­ren,

Viel mehr Men­schen, als zu­erst an­ge­nom­men, hät­ten sich Zu­gang zum Kunst­tre­sor ver­schaf­fen kön­nen

wird bei kost­ba­ren Stü­cken ver­trag­lich fest­ge­legt, wie sie auf­be­wahrt und ab­ge­si­chert wer­den müs­sen, wie al­so et­wa die Schlüs­sel zu ei­nem De­pot zu la­gern sind. Ver­si­che­rer woll­ten selbst­ver­ständ­lich das Ri­si­ko ge­nau ken­nen, das sie über­neh­men. Wird dann fahr­läs­sig ge­gen die ver­ab­re­de­ten Re­geln ver­sto­ßen, kann es sein, dass die Ver­si­che­rung nicht oder nicht im vol­len Um­fang für den Scha­den auf­kom­men muss.

Ein Por­ti­gon-Spre­cher woll­te we­der zu den ver­trag­li­chen Ab­ma­chun­gen mit dem Ver­si­che­rer Aus­kunft ge­ben noch dar­über, ob es ak­tu­ell Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Por­ti­gon und dem Ver­si­che­rer über den Scha­den­aus­gleich gibt. Bei­de Sei­ten sei­en mit­ein­an­der im Ge­spräch, be­stä­tig­te er le­dig­lich. Wann es Er­geb­nis­se die­ser Ge­sprä­che ge­ben wer­de, kön­ne er noch nicht sa­gen.

NRW-Kul­tur­mi­nis­te­rin Chris­ti­na Kamp­mann (SPD) hat­te An­fang des Mo­nats noch er­klärt, das Land ha­be ein An­kaufs­recht, soll­ten die ge­stoh­le­nen Wer­ke aus dem Wes­tLBSchatz wie­der auf­tau­chen. Der Preis wer­de dann der Sum­me ent­spre­chen, die die Por­ti­gon AG vom Ver­si­che­rer an Ent­schä­di­gung be­kom­men hät­te – und beim Wie­der­auf­fin­den der Bil­der zu­rück­er­stat­ten müss­te. Soll­ten die Bil­der ver­schwun­den blei­ben und sich her­aus­stel­len, dass die Ge­mäl­de nicht sach­ge­recht ge­si­chert wur­den, wä­re nicht nur ein „her­ber Ver­lust für die Kul­tur­land­schaft Nord­rhein-West­fa­lens“ent­stan­den, wie die Mi­nis­te­rin den Dieb­stahl kürz­lich ge­nannt hat, son­dern auch ein fi­nan­zi­el­ler.

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