Vi­el­leicht mag ich dich mor­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - UNTERHALTUNG - AUS DEM ENG­LI­SCHEN VON KA­RIN DUFNER

Eva ge­hört zu den Leu­ten, die das ge­wis­se Et­was ha­ben. Es ist ir­gend­wie, als wür­de sie ei­ne an­de­re Luft at­men.“Selt­sam, dach­te Anna. Das­sel­be ha­be ich in grau­er Vor­zeit auch von dir ge­dacht.

„Ha­ben Sie ei­ne fes­te Be­zie­hung? Ei­nen Le­bens­part­ner?“, frag­te Ja­mes.

„Ich bin sing­le und ver­such mich im In­ter­net­da­ting.“Anna ver­zog das Ge­sicht.

„Echt? Vi­el­leicht soll­te ich mir bei Ge­le­gen­heit ein paar Rat­schlä­ge von Ih­nen ge­ben las­sen.“Ja­mes kratz­te sich am Hals. „Hat­ten Sie bis jetzt Er­folg?“„Wuss­ten Sie, dass man vor dem Ein­bal­sa­mie­ren ei­ner Lei­che dem Kör­per sämt­li­che Flüs­sig­keit ent­zieht? Ge­nau das­sel­be pas­siert beim Da­ten mit der Hoff­nung. Das ein­zi­ge Plus an der Sa­che ist, dass man vie­le an­ge­sag­te Re­stau­rants ken­nen­lernt.“

„Oh, nein. Ich kann es mir bild­lich vor­stel­len.“

Anna lä­chel­te ver­knif­fen, wohl wis­send, dass er nur nett sein woll­te. Auch wenn es nicht her­ab­las­send wirk­te.

Als ob je­mand wie er je­mals da­zu ge­zwun­gen sein wür­de, im In­ter­net auf die Pirsch zu ge­hen. Al­lein der Ver­such wür­de ein gan­zes so­zia­les Netz­werk von im Schlä­fer­mo­dus ru­hen­den Frau­en auf den Plan ru­fen. Weib­li­che We­sen, von de­nen er nicht ein­mal wuss­te, dass er sie kann­te. Vor­stadt­ma­mis, auf­ge­passt. Zeigt her, was ihr habt, Ja­mes Fra­ser braucht Ge­sell­schaft.

„Wo­her sind Sie denn? Ich neh­me an, dass Sie nicht in Sto­ke Newing­ton auf­ge­wach­sen sind?“, frag­te er.

„Äh, nicht weit von hier . . .“Sie wur­de Stück für Stück ent­tarnt. Fin- ger zupf­ten am Saum ih­rer Sturm­hau­be. Das Angst­ni­veau stieg.

„Dürf­te ich Ih­re Toi­let­te be­nut­zen, be­vor ich ge­he?“, stam­mel­te Anna ver­zwei­felt und kipp­te den Rest ih­res Whis­kys hin­un­ter. Sie muss­te die­ses Ge­spräch so schnell wie mög­lich be­en­den.

„Oh, klar“, er­wi­der­te Ja­mes, of­fen­sicht­lich ein we­nig über­rascht von dem plötz­li­chen Auf­bruch. „Die Trep­pe rauf und ge­ra­de­aus.“

Anna has­te­te die Trep­pe hin­auf und fand sich er­neut in ei­nem per­fekt durch­ge­styl­ten Am­bi­en­te wie­der. Die Toi­let­te war blen­dend weiß und vom Bo­den bis zur De­cke ge­fliest wie in ei­nem Sa­na­to­ri­um. Mit Aus­nah­me der Kü­che war die­ses Haus, wie ihr auf­fiel, sehr weib­lich ein­ge­rich­tet.

Auf dem Spül­kas­ten stand ei­ne halb ab­ge­brann­te Ker­ze mit Brom­beer­duft, wie der Auf­kle­ber ver­riet. Die wei­ßen, auf der ver­spie­gel­ten Kom­mo­de ge­sta­pel­ten Hand­tü­cher wa­ren mit ei­ner Lich­ter­ket­te aus win­zi­gen Lam­pi­ons ge­schmückt.

Das Fo­to auf dem Fens­ter­brett hat­te das For­mat ei­nes Zeit­schrift­en­ti­tels und zeig­te ei­ne blon­de jun­ge Frau, die auf dem Bauch schlief, so dass man nur die obe­re Hälf­te ih­res Tor­sos sah. Es war ein in­ti­mes Flit­ter­wo­chen­por­trät, das in Anna den Ver­dacht weck­te, die Her­rin des Hau­ses kön­ne ein klei­nes biss­chen ei­tel sein.

Und wäh­rend sie auf dem Klo saß, fiel der Gro­schen: Ja­mes’ Frau hat­te ihn ver­las­sen. Nun ver­harr­ten er, der Ka­ter und das Haus im Schwe­be­zu­stand. Sie war­te­ten auf ih­re Rück­kehr.

Ag­gy hat­te Anna grü­nes Licht ge­ge­ben, sich ihr Kleid als Braut­jung­fer selbst aus­zu­su­chen. „Es ist wich­tig, dass es dir ge­fällt und du dich wohl dar­in fühlst.“

Anna be­stand dar­auf, in ein ganz nor­ma­les Mo­de­kauf­haus zu ge­hen.

Al­so mar­schier­te Ag­gy mit ihr in ei­ne Fi­lia­le von Mon­so­on in der Nä­he des Ox­ford Cir­cus, wo sie, die per­so­ni­fi­zier­te Tüch­tig­keit, Klei­der von den Stän­dern zerr­te und sie sich über den Arm häng­te. Als ihr ei­ge­ner Arm voll war, wich sie auf den von Anna aus.

„Ähhh . . . ich soll wirk­lich selbst aus­su­chen?“, hak­te Anna nach.

„Ir­gend­wo muss man ja an­fan­gen“, ent­geg­ne­te Ag­gy.

„Klar.“Anna un­ter­drück­te ein Grin­sen. Es hät­te viel schlim­mer kom­men kön­nen, zum Bei­spiel, dass Ag­gy sich ei­ne gan­ze Ar­ma­da aus Braut­jung­fern zu­leg­te. Doch zum Glück hat­te sich ih­re bes­te Freun­din Ma­ri­an­ne mit ih­rer ei­ge­nen Schwes­ter als Braut­jung­fer be­gnügt, um mehr Geld für ihr ei­ge­nes Kleid üb­rig zu ha­ben. Be­freit von der Ver­pflich­tung, Ma­ri­an­ne ih­rer­seits zur Braut­jung­fer zu kü­ren, hat­te Ag­gy be­schlos­sen, die­sem Bei­spiel zu fol­gen.

In ei­ner Um­klei­de­ka­bi­ne, die so eng war, dass man sich kaum be­we­gen konn­te, quäl­te sich Anna in die ver­schie­de­nen Klei­der und wie­der hin­aus. Sie hat­te ganz ver­ges­sen, dass Kla­mot­ten­an­pro­bie­ren Schwerst­ar­beit war. Au­ßer­dem ließ sich da­bei nicht ver­mei­den, dass man in den Spie­gel schau­te und sei­ne Fi­gur ei­ner viel gründ­li­che­ren Be­stands­auf­nah­me un­ter­zog, als Anna lieb war. Sie ge­riet zu­neh­mend ins Schwit­zen und fühl­te sich zer­zaust, wäh­rend sich Papp­p­reis­schil­der in emp­find­li­che Kör­per­par­ti­en bohr­ten und ihr das Haar noch mehr zu Ber­ge stand als sonst. Um die Out­fits ab­zu­run­den, hat­te Ag­gy ein Paar Pumps aus­ge­wählt, de­ren Ab­sät­ze an Ess­stäb­chen er­in­ner­ten. Anna be­kam von den Schu- hen mü­de und schmer­zen­de Fü­ße, be­vor sie auch nur ei­nen Me­ter dar­in zu­rück­ge­legt hat­te. In re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den riss sie den Vor­hang zur Sei­te, um das Er­geb­nis zu prä­sen­tie­ren und ihr Ur­teil zu fäl­len.

Das knall­blaue Mini­teil: „Fern­seh­preis als Sei­fen­opern­zi­cke des Jah­res!“

Das ro­sa Blüm­chen­kleid mit der la­ven­del­far­be­nen Schär­pe:

„Da fehlt nur noch der Haar­reif, und ich kann bei Jung­frau (40), männ­lich, sucht . . . mit­spie­len.“

Das nied­li­che Tul­pen­rock­kleid­chen mit Sil­ber­de­kor: „Dann wer­den sich die Syl­va­nier-Sip­pen auf mei­nem Fens­ter­brett ver­sam­meln, um je­dem McDig­ger Mo­le aus World of War­craft per­sön­lich ei­nen Gu­te­n­acht­kuss zu ge­ben.“

Im­mer wenn Anna ei­nen sol­chen Spruch ab­ließ, brum­mel­te Ag­gy nur Hmmm, um dann wi­der­wil­lig zu ni­cken.

Anna quäl­te sich ge­ra­de von Kleid Num­mer sechs in Kleid Num­mer sie­ben, als Ag­gys Stim­me durch den Vor­hang drang:

„Oh, und ich ha­be dir ein Date für mei­ne Hoch­zeit be­sorgt. Be­dan­ken kannst du dich spä­ter.“

Anna hielt mit­ten im Öff­nen des Reiß­ver­schlus­ses in­ne.

„Be­dan­ken? Ha­be ich dich vi­el­leicht auf­ge­for­dert, mir ein Date für dei­ne Hoch­zeit zu su­chen?“„Der Typ wird dir sicher ge­fal­len.“„Ag­gy, jetzt mal im Ernst: Hast du et­wa ei­ne Wer­be­kam­pa­gne un­ter dem Mot­to ,Mei­ne ar­me gro­ße Schwes­ter ist noch sing­le’ ge­star­tet? Beim blo­ßen Ge­dan­ken fängt mei­ne Ka­cke an zu damp­fen, um ei­nen Mi­chel­le-Is­mus zu be­mü­hen.“

(Fort­set­zung folgt)

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