Stadt­ent­wick­lung à la Ree­per­bahn

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON STEFANI GEILHAUSEN FO­TO: DPA

Ham­burg in­ves­tiert 1,9 Mil­lio­nen Eu­ro in die Er­neue­rung von St. Pau­li. Ob das auch für die Alt­stadt funk­tio­nie­ren könn­te?

Wer­be­fach­mann Frank Schra­der hat schon bei sei­nem Amts­an­tritt als Chef der Düs­sel­dorf Mar­ke­ting und Tou­ris­mus deut­lich ge­macht, wo er In­spi­ra­ti­on und Ori­en­tie­rung sucht: Ham­burg macht vor, was auch für Düs­sel­dorf in­ter­es­sant sein könn­te. Von der Mar­ken­po­si­tio­nie­rung bis zum Brief­pa­pier – die Han­se­stadt hat (sich) in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­ni­ges ge­leis­tet, was als durch­aus vor­bild­lich gel­ten kann.

Nun kann man sicher nicht den Me­di­en­ha­fen mit den Lan­dungs­brü­cken ver­glei­chen und muss (zum Glück) auch nicht Ge­mein­sam­kei­ten von Ton­hal­le und Elb­phil­har­mo­nie su­chen. Aber wo Düs­sel­dorf und Ham­burg ganz ähn­lich ti­cken, das ist das Nacht­le­ben. Je­weils ein gu­ter hal­ber Qua­drat­ki­lo­me­ter bei­der Städ­te ist welt­be­rühmt für Amü­se­ment und Al­ko­hol.

Der gra­vie­ren­de Un­ter­schied: Wäh­rend die Alt­stadt seit Jah­ren ver­geb­lich ge­gen den Bal­ler­man­nEf­fekt kämpft und bei den Düs­sel­dor­fern ver­mehrt auf Wi­der­wil­len stößt, ist die Ree­per­bahn seit den spä­ten 1990ern im ste­ti­gen Auf­wind auch bei den Ein­hei­mi­schen. Kein Wun­der al­so, dass Schra­der und die Alt­stadt­wir­te schnell über­ein­ka­men, sich selbst von Ham­burgs Stra­te­gi­en ein Bild zu ma­chen. Mit dem DMT-Chef und Kür­zer-Wirt Hans-Pe­ter Schwe­min ver­schaff­ten sich ges­tern auch der Po­li­zei­prä­si­dent und der Lei­ter der Alt­stadt­wa­che eben­so wie die städ­ti­schen Ord­nungs­be­hör­den ei­nen ers­ten Ein­druck. Den fass­te Ord­nungs­de­zer­nent Ste­phan Kel­ler so zu­sam­men: „Der ganz­heit­li­che An­satz aus Ord­nung, Si­cher­heit, Stadt­pla­nung, aber auch Mar­ke­ting, mit dem be­reits jetzt die Ree­per­bahn at­trak­ti­ver ge­macht wer­den konn­te, macht die­ses Pro­jekt so span­nend.“

Das Pro­jekt ist der 2014 aus­ge­ru­fe­ne Bu­si­ness Im­pro­ve­ment District Ree­per­bahn +, den die In­ter­es­sen­ge­mein­schaft im Stadt­teil schon seit 2008 ge­for­dert hat. Zum In­no­va­ti­ons­vier­tel ge­hö­ren zwei Quar­tiers­ma­na­ger und 1,9 Mil­lio­nen Eu­ro, von de­nen vom Rei­ni­gungs­dienst über ein Mar­ke­ting­kon­zept bis zu städ­te­bau­li­chen und si­cher­heits­tech­ni­schen Pro­jek­ten zahl­rei­che Maß­nah­men fi­nan­ziert wer­den. Am meis­ten Auf­se­hen hat zwei­fels­soh­ne die im ver­gan­ge­nen Jahr ge­star­te­te „St. Pau­li pin­kelt zu­rück“-Kam­pa­gne er­regt. Ei­ne Pro­fi-Agen­tur hat­te im In­ter­net in Sze­ne ge­setzt, wie An­woh­ner des Ver­gnü­gungs­vier­tels mit ei­nem flüs­sig­keits­ab­wei­sen­den Spe­zi­al­lack Wild­pink­lern die Schu­he nass ma­chen. Aber es ge­hört na­tür­lich ei­ne Men­ge mehr da­zu, vom Ab­riss der be­rühm­ten Es­so-Hoch­häu­ser samt der noch be­rühm­te­ren Tank­stel­le und der von Bür­gern mit ge­plan­ten Neu­be­bau­ung des Are­als bis hin zu ei­nem Si­cher­heits­kon­zept, das sich von dem der Düs­sel­dor­fer Alt­stadt haupt­säch­lich durch ein dau­er­haf­tes Waf­fen- und Glas­fla­schen­ver­bot un­ter­schei­det.

Un­ter­schie­de gibt es auch im Mar­ke­ting-Be­reich: Wäh­rend im Nor­den für die Ree­per­bahn ge­wor- ben wird, oh­ne die Schat­ten­sei­ten aus­zu­klam­mern („Na­tür­lich gibt es auch mal Streit, das ist bei der täg­li­chen Mas­se an Be­su­chern in ih­ren je­wei­li­gen Zu­stän­den nicht zu ver­hin­dern“), zeigt Düs­sel­dorfs of­fi­zi­el­ler Image­film von der Alt­stadt nur son­ni­ge Ter­ras­sen­bil­der und ei­nen Blick in ei­ne Haus­braue­rei. Von hei­ßen Par­ty­näch­ten an der längs­ten The­ke der Welt ist auch auf der Home­page kei­ne Re­de. Und wäh­rend in St. Pau­li das „Wir“-Ge­fühl aus­drück­lich auch für die Ree­per­bahn gilt („Man muss sie nicht lie­ben, aber man muss sie ein­mal mit je­man­dem ge­se­hen ha­ben, der sie liebt“), wer­ben Alt­stadt­füh­run­gen in Düs­sel­dorf vor al­lem mit schö­nen Kir­chen, al­ten Häu­sern und Kun­stAdres­sen, als wä­re die Alt­stadt nicht auch die längs­te The­ke der Welt.

Ei­ne In­ter­es­sen­ge­mein­schaft wie in Ham­burg gibt es auch in der Alt­stadt, aber längst nicht al­le Club­und Kn­ei­pen­be­trei­ber sind tat­säch­lich am Ge­samt­kon­zept in­ter­es­siert, für das sich et­wa die Alt­stadt­wir­te ein­set­zen. Ob das Ree­per­bahn-Kon­zept auch für sie span­nend ist, bleibt ab­zu­war­ten – die 1,9 Mil­lio­nen Eu­ro ha­ben dort die Grund­stücks­ei­gen­tü­mer auf­ge­bracht.

Quar­tier­ma­na­ge­rin Julia Sta­ron zeigt die viel­be­ach­te­te Maß­nah­me ent­nerv­ter An­woh­ner auf St. Pau­li: Spe­zi­al­lack, der (Kör­per-)Flüs­sig­kei­ten ab­pral­len lässt

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