Fes­te sind für den IS Got­tes­läs­te­rung

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - TERROR IN NIZZA - VON BIR­GIT SVENSSON

Hoch­zeits-, Ge­burts­tags- und Trau­er­fei­ern sind Ziel von An­schlä­gen. Die Ex­tre­mis­ten ver­lie­ren al­ler­dings Raum und Füh­rungs­per­so­nal.

BAG­DAD Ein Fest der Freu­de soll­te die­ser 14. Ju­li in Niz­za sein, doch es kam ganz an­ders. Der At­ten­tä­ter war den Ge­heim­diens­ten nicht be­kannt, in kei­ner Da­ten­bank we­gen mög­li­cher Ra­di­ka­li­sie­rung ge­führt, es gab auch kein Be­ken­ner­schrei­ben. Den­noch ent­spre­che der An­schlag, so Staats­an­walt François Mo­lins, den „Mord-Ap­pel­len“ver­schie­de­ner is­la­mis­ti­scher Grup­pen. Der Her­gang er­in­nert an ein ähn­li­ches Schre­ckens­sze­na­rio in Bag­dad vor zwei Wo­chen: Der Fas­ten­mo­nat Ra­ma­dan neig­te sich dem En­de zu; das Zu­cker­fest stand kurz be­vor. Tau­sen­de Men­schen wa­ren auf den Stra­ßen, aus­ge­las­sen und er­leich­tert. Auch hier war es wie in Niz­za ein Last­wa­gen. Er hat­te Spreng­stoff ge­la­den. Seit­dem reißt der Ter­ror in der ira­ki­schen Haupt­stadt nicht ab. Fast täg­lich ex­plo­die­ren Bom­ben.

Fes­te sei­en nicht im Sin­ne der Re­li­gi­ons­ge­set­ze (Scha­ria) und lenk­ten nur vom Ge­bet zu Al­lah ab, so die Les­art ex­tre­mis­ti­scher Mus­li­me, die je­de Art von Fei­ern als Got­tes­läs­te­rung be­trach­ten. Kei­ne Mu­sik, kei­ne Ki­nos, kein Thea­ter, kei­ne Par­tys – al­les ist „ha­ram“, ver­bo­ten. Seit Jah­ren wer­den im Irak und in Sy­ri­en Hoch­zeits­fei­ern an­ge­grif­fen, Ge­burts­tags­par­tys in Re­stau­rants und Stu­di­en­ab­schluss­fei­ern in Ca­fés. Selbst Trau­er­fei­ern sind oft Ziel der Ter­ro­ris­ten – nicht nur, weil sich dort vie­le Men­schen ver­sam­meln. Es ist auch ein ideo­lo­gi­scher Aspekt da­bei, um die Gräu­el­ta­ten re­li­gi­ös zu le­gi­ti­mie­ren. Tö­ten im Na­men Al­lahs hat ei­ne an­de­re Di­men­si­on als Tö­ten um des Tö­tens wil­len.

Al­ler­dings gibt es auch pro­fa­ne Grün­de zum Mit­ma­chen, et­wa Ra­che und Ver­gel­tung. Wann im­mer die Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat Tei­le ih­rer 2014 er­ober­ten Ter­ri­to­ri­en im Kampf räu­men muss­te, er­folg­te un­mit­tel­bar da­nach ein Ge­gen­schlag. Die Bot­schaft war stets die glei­che: „Ihr habt uns zwar ver­trie­ben, wir sind aber im­mer noch da.“Auf die Rück­er­obe­rung Ti­krits durch ira­ki­sche Re­gie­rungs­trup­pen folg­te die Ero­be­rung Ra­ma­dis durch den IS. Als die selbst er­nann­ten Got- tes­krie­ger Ra­ma­di ver­lo­ren, grif­fen sie Städ­te in der Nä­he von Mos­sul an und ver­stärk­ten ih­re Prä­senz in Li­by­en und auf dem ägyp­ti­schen Si­nai. Als sie Fal­lud­scha ver­lo­ren, er­folg­te die Ter­ror­wel­le in Bag­dad.

Al­ler­dings ha­ben die sun­ni­ti­schen IS-Ex­tre­mis­ten in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten meh­re­re An­füh­rer ver­lo­ren. Erst vor we­ni­gen Ta­gen be­stä­tig­ten An­hän­ger des IS, dass der un­ter sei­nem Kampf­na­men „Omar der Tsche­tsche­ne“be­kann­te Tar­kan Ba­ti­ra­schwi­li ge­tö­tet wor­den sei. Er galt als „Kriegs­mi­nis­ter“des IS und ge­hör­te zum engs­ten Füh­rungs­zir­kel. An­geb­lich ist er von ei­nem fran­zö­si­schen Kampf­flug­zeug ge­tö­tet wor­den.

US-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ash­ton Car­ter hat­te En­de März er­klärt, dass IS-Fi­nanz­chef Ab­dul Rah­man Mus-

RP-KA­RI­KA­TUR: NIK EBERT ta­fa al Ka­du­li bei ei­ner Mi­li­tär­ope­ra­ti­on ge­tö­tet wor­den sei. „Wir eli­mi­nie­ren sys­te­ma­tisch ihr Ka­bi­nett“, sag­te Car­ter da­mals. Zu­dem gibt es Ge­rüch­te über schwe­re Ver­let­zun­gen von IS-Chef Abu Ba­kr al Bag­da­di. Die­se wur­den aber nie of­fi­zi­ell be­stä­tigt.

Tat­sa­che ist: Der IS dünnt so­wohl per­so­nell als auch ter­ri­to­ri­al aus. Al­lein bei der Rück­er­obe­rung Ra­ma- dis sol­len über 1200 IS-Kämp­fer ge­tö­tet wor­den sein. Im Kampf um die Rück­er­obe­rung Fal­lud­schas sei­en fast 2000 Dschi­ha­dis­ten ge­fal­len, heißt es. Mitt­ler­wei­le hat der IS mehr als ein Vier­tel des Ter­ri­to­ri­ums des selbst aus­ge­ru­fe­nen Is­la­mi­schen Staa­tes im Irak ver­lo­ren. In Sy­ri­en dürf­ten die Ver­lus­te noch hö­her sein. FBI-Di­rek­tor Ja­mes Co­mey pro­phe­zeit, dass es nach der Zer­stö­rung des vom IS pro­kla­mier­ten Ka­li­fats durch das Mi­li­tär ei­ne „ter­ro­ris­ti­sche Dia­spo­ra“ge­ben wer­de . Sind die An­schlä­ge von Niz­za und Bag­dad dem­nach erst der An­fang?

Wie sich die Stra­te­gie des IS ver­än­dert, zeig­te sich An­fang der Wo­che in Di­ja­la, als 110 Ki­lo­me­ter nörd­lich von Bag­dad et­wa 40 ISKämp­fer gleich­zei­tig meh­re­re vor Mo­na­ten be­frei­te Dör­fer über­fie­len. Doch wäh­rend die Ter­ro­ris­ten noch vor zwei Jah­ren Ero­be­rungs­zü­ge zur Er­rich­tung ih­res Ka­li­fats durch­führ­ten, agier­ten sie die­ses Mal völ­lig an­ders. „Sie trie­ben die Dorf­be­woh­ner zu­sam­men und mach­ten klar, dass der IS im­mer noch exis­tiert und stark ge­nug ist, um je­der­zeit wie­der zu­rück­zu­kom­men“, be­rich­tet Ra­him Aziz, Vor­sit­zen­der der Pro­vinz­ver­wal­tung. „Sie ver­teil­ten Flug­blät­ter mit der War­nung, dass je­der be­straft wird, der mit der ira­ki­schen Ar­mee oder der Pe­schmer­ga ko­ope­riert.“Der IS wol­le die Stel­lung der Si­cher­heits­kräf­te schwä­chen, in­dem er die Be­völ­ke­rung ein­schüch­tert. „Das ist die al­te Tak­tik von Al Kai­da”, sagt Aziz. „Daesh ver­sucht sich zu re­or­ga­ni­sie­ren“, kom­men­tiert Ad­nan Ha­sam, ein in der Re­gi­on sta­tio­nier­ter Ge­heim­dienst­of­fi­zier der ira­ki­schen Ar­mee, den Stra­te­gie­wan­del. „Sie sind da­bei, sich zu ei­ner Gue­ril­la-Zel­le zu­rück­zu­bil­den.“

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