Un­ter Frol­le­gen

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - PANORAMA - VON LESLIE BROOK

Aus Kol­le­gen wer­den im­mer häu­fi­ger Freun­de – Frol­le­gen. Vie­le ver­brin­gen auch nach der Ar­beit Zeit mit­ein­an­der. Aber wie viel Pri­va­tes soll­te man im Job preis­ge­ben?

ER­LAN­GEN Man ver­bringt mit ih­nen mehr Zeit als mit sei­nem Part­ner. Min­des­tens acht St­un­den am Tag, oft je­doch mehr, und das an durch­schnitt­lich 222 Ar­beits­ta­gen pro Jahr. Da pas­siert es recht schnell, dass Kol­le­gen zu ei­ner Art Freun­de wer­den, dass sich Pri­va­tes und Be­ruf­li­ches ver­mischt, dass man so­gar Ge­heim­nis­se teilt und auch abends mal et­was zu­sam­men trin­ken geht. Kurz: dass man un­ter Frol­le­gen – ei­ne Mi­schung aus Kol­le­gen und Freun­den, im Eng­li­schen als „frol­le­agues“be­zeich­net – ar­bei­tet.

Wer in der­sel­ben Fir­ma an­ge­stellt ist, hat von vor­ne­her­ein ei­ni­ges ge­mein­sam: et­wa ei­nen ähn­li­chen Wer­de­gang, ähn­li­che In­ter­es­sen, ähn­li­che Wer­te – und oft auch ähn­li­che Pro­ble­me. Das schweißt zu­sam­men und birgt viel Ge­sprächs­stoff. Durch den blo­ßen Kon­takt wird man sich meist schon sym­pa­thi­scher, sagt Psy­cho­lo­gin Sa­bi­ne Hom­mel­hoff von der Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät Er­lan­gen. Im Lau­fe der Zeit ent­deckt man dann viel­leicht noch wei­te­re Ge­mein­sam­kei­ten, zum Bei­spiel ei­nen ähn­li­chen Hu­mor.

Zu­dem wird in vie­len Un­ter­neh­men das Mit­ein­an­der ge­för­dert. So scheint sich die Zahl der Freund­schaf­ten am Ar­beits­platz zu er­hö­hen: Drei bis vier Freun­de ha­ben be­rufs­tä­ti­ge Deut­sche durch­schnitt­lich im Job, das hat Hom­mel­hoff in ei­ner (nicht re­prä­sen­ta­ti­ven) Stu­die her­aus­ge­fun­den. „Ich war von der Zahl ein biss­chen über­rascht, da ich mit we­ni­ger ge­rech­net hät­te“, sagt die Stu­di­en­lei­te­rin. Denn sie hat­te den rund 200 Teil­neh­mern ei­ne De­fi­ni­ti­on vor­ge­ge­ben, die Freund­schaft als rei­ne Freund­schaft dar­stell­te – oh­ne jeg­li­chen be­ruf­li­chen Nut­zen.

In ei­ni­gen Stu­di­en gilt es als Haupt­merk­mal ei­ner Freund­schaft bei der Ar­beit, dass man sich auch pri­vat, ab­seits von der Ar­beit, sieht. Im Prin­zip kön­ne man sich ein­fach fra­gen, ob die Ver­bin­dung, die am Ar­beits­platz ent­stan­den ist, auch den „nor­ma­len“Kri­te­ri­en ei­ner Freund­schaft ent­spricht, sagt die In­ha­be­rin des Lehr­stuhls für Psy­cho­lo­gie im Ar­beits­le­ben. „Es muss ei­ne frei­wil­li­ge, ver­trau­ens­vol­le, po­si­ti­ve, lang­an­dau­ern­de Be­zie­hung sein; im Prin­zip frei von Nütz­lich­keits­er­wä­gun­gen und auch frei von se­xu­el­lem In­ter­es­se.“

Das Phä­no­men, dass aus Kol­le­gen Freun­de wer­den, gibt es schon län­ger. Neu ist je­doch, dass in ei­ni­gen Un­ter­neh­men be­reits in Stel­len­an­zei­gen ei­ne Freun­des­kul­tur am Ar­beits­platz be­wor­ben wird, et­wa mit fol­gen­dem Wort­laut: „Hier ar­bei­ten Sie un­ter Freun­den, nicht un­ter Kol­le­gen“. Auch das hat Hom­mel­hoff un­ter­sucht. Ihr Er­geb­nis: Per­so­nen, die Freund­schafts­S­tel­len­an­zei­gen le­sen, den­ken, dass sie in ei­ner sol­chen Or­ga­ni­sa­ti­on we­ni­ger leis­ten müs­sen (im Ver­gleich zur Ein­schät­zung von Per­so­nen, die ei­ne nor­ma­le Stel­len­an­zei­ge er­hal­ten ha­ben). „Im Prin­zip ist es lo­gisch: Wenn man Freund­schaft be­tont, dann er­weckt man den Ein­druck, dass es ei­nem vor­ran­gig um das Wohl des an­de­ren, um das gu­te Kli­ma geht, aber nicht so sehr um die Sach- und Leis­tungs­ori­en­tie­rung, die sonst bei der Ar­beit üb­lich ist“, er­klärt Hom­mel­hoff.

Pro­ble­ma­tisch kann es wer­den, wenn ein Frol­le­ge zum Vor­ge­setz­ten be­för­dert wird oder so­gar ei­ne Stel­le be­kommt, die man selbst auch ger­ne ge­habt hät­te. „Es hat sich ge­zeigt, dass es nicht ein­fach ist, wenn un­ter­schied­li­che Hier­ar­chi­en ins Spiel kom­men“, er­klärt Hom­mel­hoff. Schwie­rig kann es auch wer­den, wenn der Chef sich als „ei­ner von ih­nen“be­greift. Laut Hom­mel­hoff soll­te man sich in die­ser Po­si­ti­on wie Kas­per Ror­sted, der Ex-Hen­kel Chef und künf­ti­ge Vor­stands­vor­sit­zen­de von Adi­das, ver­hal­ten: „When we ha­ve par­ties, I’m the one who will lea­ve ear­ly“(„Fir­men­par­tys ver- las­se ich früh“), so wird der Un­ter­neh­mer von der „New York Ti­mes“zi­tiert. Zu­rück­hal­tung geht al­so vor Che­fal­lü­ren.

Un­ter­neh­men, die ih­re freund­schaft­li­che Kul­tur be­son­ders be­to­nen, schaf­fen aber da­mit nicht au­to­ma­tisch gu­te Ar­beits­be­din­gun- gen. Hom­mel­hoff: „Das Du­zen kann sei­ne Tü­cken ha­ben, das freund­li­che Sie wird mei­nes Erach­tens un­ter­schätzt.“ Selbst wenn man sich mit den Frol­le­gen gut ver­steht, heißt das aber nicht, dass man ih­nen al­les er­zäh­len muss. „All­ge­mein wür­de ich hier ra­ten, sich klar­zu­ma­chen, dass man manch­mal von der höf­li- chen, klas­si­schen Re­ak­ti­on ,mir hat je­mand ei­ne Fra­ge ge­stellt, ich be­ant­wor­te sie’ ab­wei­chen soll­te, wenn ei­ne Fra­ge nicht an­ge­mes­sen oder un­an­ge­nehm ist“, rät Hom­mel­hoff. Je nach Um­gangs­ton und Ver­hält­nis kön­ne man das sach­lich oder aber ein biss­chen hu­mor­vol­ler be­ant­wor­ten. „Es ist rat­sam, ein paar Ant­wort­mög­lich­kei­ten im Kopf zu ha­ben, sonst är­gert man sich viel­leicht hin­ter­her, wenn man zu ir­gend­ei­nem in­ti­men Ge­ständ­nis ge­drängt wur­de“, sagt Hom­mel­hoff. Ei­ne Teil­neh­me­rin ih­rer Stu­die schil­der­te, dass es bei ihr am Ar­beits­platz we­ni­ge Ta­bus ge­be, auch se­xu­el­le Din­ge wür­den be­spro­chen; das sei ihr un­an­ge­nehm ge­we­sen.

Auch zu Ein­la­dun­gen im Frol­le­gen­kreis ist man nicht ver­pflich­tet. Vor al­lem bei ei­ner Hoch­zeit (aber auch bei Ge­burts­ta­gen) gilt laut der Psy­cho­lo­gin, dass man nur die ein­la­den soll­te, mit de­nen man die­ses Er­eig­nis wirk­lich fei­ern möch­te. „Wenn man tol­le Kol­le­gen hat, mit de­nen man be­freun­det ist und die man da­bei ha­ben möch­te, dann lädt man sie ein; aber wenn man ei­gent­lich gar nicht möch­te und nur denkt, man sei ver­pflich­tet, dann soll­te man es lie­ber las­sen“, so lau­tet Hom­mel­hoffs per­sön­li­che An­sicht.

Wie be­stän­dig die Be­zie­hung zu den Frol­le­gen ist, er­fährt man spä­tes­tens, wenn ei­ner das Un­ter­neh­men wech­selt. Denn dann fällt das ver­bin­den­de Ge­sprächs­the­ma Job weg. Wenn es kei­ne ech­te Freund­schaft war und ei­nen doch nicht so viel ver­bun­den hat, dann wer­de der Kon­takt ver­mut­lich lo­ser. Aber dann fin­det man bald viel­leicht schon wie­der neue Frol­le­gen.

Drei bis vier Freun­de ha­ben laut ei­ner Stu­die be­rufs­tä­ti­ge Deut­sche durch­schnitt­lich im Job

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