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Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - MARKTPLATZ -

Ur­laub oh­ne

Auf­sicht

Mar­tin Kess­ler

Li­bu­da Klas die­se klei­ne­re Er­nüch­te­rung. Und wenn wir drei un­se­ren Auf­bruch da­mals mit Ka­te­go­ri­en aus der Tier­welt be­dacht hät­ten, wä­ren wir si­cher mit dem se­kun­dä­ren Nest­flüch­ter ein­ver­stan­den ge­we­sen, der im Ver­gleich zum pri­mä­ren oder gar ex­tre­men Nest­flüch­ter der sanf­tes­te Ver­tre­ter un­ter al­len Aus­rei­ßern ist.

Na­tür­lich wa­ren wir un­vor­be­rei­tet. Jut­ta hat­te we­nigs­tens das Taschenbuch aus der Rei­he „An­ders Rei­sen“be­sorgt, das ver­sprach, nicht spie­ßig zu sein und das – wie sich spä­ter her­aus­stell­te – oft lei­der nicht sehr nütz­lich war.

Den­noch sind wir ir­gend­wann an­ge­kom­men. Ei­gent­lich un­fass­bar, dass wir es ge­schafft hat­ten. Von der Stra­ße sa­hen wir die grün­lich blaue Ar­dé­che weit un­ter uns, ein­ge­rahmt und ge­führt von den schrof­fen stei- Mar­ti­na Stö­cker An­net­te Bo­set­ti von dem wir noch kei­ne Vor­stel­lung hat­ten.

Wir ret­te­ten uns in Tä­tig­keit. Es gab gleich un­ten am Fluss ei­nen preis­wer­ten Cam­ping­platz, des­sen klei­nes und nur mit ei­nem Tau ab­ge­steck­tes Are­al wie wil­des Zel­ten aus­sah. Wer ein paar Me­ter da­hin­ter sein Zelt auf­schlug, muss­te so­gar gar nichts be­zah­len. Das aber trau­ten wir uns nicht, weil wir sonst ein mul­mi­ges Ge­fühl ge­habt hät­ten, spä­ter in der Bruch­bu­de des Platz­ver­mie­ters ei­nen Milch­kaf­fee zu trin­ken – aus Tas­sen frei­lich, die man nicht ge­nau an­schau­en soll­te. Jut­ta je­den­falls be­stell­te nichts. Wir ekel­ten uns zwar auch, be­wie­sen im wa­cke­ren Selbst­ex­pe­ri­ment aber den Un­sinn sol­cher Vor­sicht.

Lei­der war es noch viel pein­li­cher, da wir Jut­ta je­des Mal auch noch trak­tier­ten mit ih­rer „post-fa­schis­to­iden Hy­gie­ne­sucht“, ei­nem Satz, den wir vom lin­ken Deutsch­leh­rer ge­hört und na­tür­lich so­fort in­ha­liert hat­ten.

In Er­in­ne­rung ge­blie­ben ist mir noch ein lang­haa­ri­ger Deut­scher am Ne­ben­tisch, der mit Schul­eng­lisch ei­ner fran­zö­si­schen Hüb­sch­heit den In­halt von Ste­fan Zweigs „Schach­no­vel­le“zu er­klä­ren ver­such­te. Ziem­lich schlecht, wie ich fand – und auch sag­te –, schließ­lich hat­te ich erst we­ni­ge Wo­chen vor­her ein Re­fe­rat im Deutsch­un­ter­richt über die­ses Werk ge­hal­ten, so dass ich mich für den ak­tu­ell größ­ten Ken­ner die­ses Werks hielt. Dass es am Ne­ben­tisch gar nicht um die Schach­no­vel­le ging, ahn­te ich in mei­nem be­tu­li­chen Bil­dungs­ei­fer nicht.

Je­den­falls konn­te, soll­te und muss­te jetzt die gro­ße Frei­heit kom­men. Sie traf uns an­ders als er­war­tet. Denn ge­ba­det wur­de in der Ar­dé­che aus­schließ­lich nackt, wie wir be­trof­fen se­hen muss­ten. Und da wir viel zu schüch­tern wa­ren, um uns dem frei­en Kör­per­kult rings­um zu wi­der­set­zen, ent­klei­de­ten wir uns nach kur­zer Be­ra­tung auch; ret­te­ten uns auf ir­gend­ei­nen rand­stän­di­gen Fel­sen und hock­ten dort so Sc Lo h r t ö h d ar er Phil­ipp Hol­stein Ant­je Hö­ning cool es eben ging mit dau­ernd an­ge­zo­ge­nen Bei­nen.

Die gro­ße Frei­heit kam un­schein­bar. Als wir uns und al­len an­de­ren nichts mehr be­wei­sen muss­ten. Als wir ein­fach un­se­re Ba­de­ho­sen wie­der an­zo­gen und zu un­se­rer Über­ra­schung nicht doof an­ge­schaut wur­den. Un­se­re gro­ße Frei­heit ent­pupp­te sich tat­säch­lich im ge­las­se­nen Nichts. Wir schlunz­ten so durch den Tag, rauch­ten die ers­te Zi­ga­ret­te schon vor dem Früh­stück, das oh­ne­hin nur aus Kaf­fee be­stand. Wir ha­ben mords­mä­ßig viel ge­le­sen da­mals, auf je­den Fall „Sil­ber­mond und Kup­fer­mün­ze“von So­mer­set Maug­ham. Das spe­cki­ge Taschenbuch steht heu­te noch im Re­gal als Re­likt ei­ner Zeit, die das Un­be­schwer­te ent­deck­te. Von Ver­wahr­lo­sung konn­te bei uns kei­ne Re­de sein, auch wenn „Rei in der Tu­be“mit der ab­so­lut prak­ti­schen Bürs­te kaum noch zum Ein­satz kam.

Un­se­re gro­ße Frei­heit war ein Ver­spre­chen. Un­se­re gro­ße Frei­heit war Do­ro­thee

Krings Wolf

ram Go­er

tz die Il­lu­si­on, al­le Zeit der Welt zu ha­ben. Un­se­re gro­ße Frei­heit war ei­ne gu­te Por­ti­on Nai­vi­tät, oh­ne die es kaum An­fän­ge gibt. Viel­leicht ahn­ten wir, dass die­se Frei­heit auch ein Über­gang ist, und dass sie zer­stört wird, wenn man an ihr fest­hält.

Wer sol­che Frei­heit er­le­ben will, darf sie nie ein­for­dern. Sie ge­schieht, oder sie bleibt im­mer nur ein Traum von et­was. Ob es dann fünf­zehn oder zwan­zig Ur­laubs­ta­ge wa­ren – das ver­rät mein Ge­dächt­nis nicht mehr. Es be­wahrt viel­mehr ein Ge­fühl, das nicht mess­bar ist.

Das nächs­te Er­in­ne­rungs­bild ist das von der Heim­rei­se. Ir­gend­wann war es gut mit die­sem Som­mer. Und oh­ne dar­über zu spre­chen, war al­len klar, dass kein Zwi­schen­stopp mehr ein­ge­legt wer­den soll­te. In ei­nem Rutsch nach Hau­se al­so; kei­ne wei­te­ren Ein­drü­cke soll­te un­se­re Ar­dé­che-Welt be­fle­cken. Den hal­ben Tag und die gan­ze Nacht sind wir durch­ge­fah­ren. An­ge­hal­ten wur­de nur zum Tan­ken, zu es­sen gab es ein paar Bro­te, ge­raucht wur­de oh­ne­hin be­den­ken­los im Au­to.

Die letz­te Etap­pe hat­te ich zu fah­ren, die ich mit Hil­fe ei­ner Scho­ko­la­de aus ro­ten run­den Blech­do­sen über­stand. Auf­put­schen soll­te die Sü­ßig­keit, die an­geb­lich auch Pi­lo­ten im Zwei­ten Welt­krieg ver­ab­reicht wur­de und die dar­um Flie­ger­scho­ko­la­de hieß. Und wäh­rend die bei­den an­de­ren im Wa­gen schlie­fen, nä­her­ten wir uns der Dunst­glo­cke des Ruhr­ge­biets. Ich sah die grel­len Lich­ter der Che­mie­in­dus­trie, die ro­ten Ver­fär­bun­gen des Him­mels bei ei­nem Hoch­ofen-Ab­stich. Es war sehr still in un­se­rem Au­to in die­ser Nacht.

We­nig spä­ter ging für uns al­le das Er­wach­sen­wer­den wei­ter. Nicht sehr über­ra­schend. Wir al­le wuss­ten, dass nach der An­kun­ft et­was Neu­es be­ginnt. Was das hei­ßen wür­de, wuss­ten wir nicht; viel­leicht woll­ten wir es auch gar nicht wis­sen. Ich blieb je­den­falls da­heim, be­rei­te­te mich im Ju­gend­zen­trum der Ge­mein­de auf mei­ne Ge­wis­sens­prü­fung vor der so­ge­nann­ten Wehr­be­reichs­kam­mer vor. Ein sol­cher Test war da­mals noch nö­tig, um den Zi­vil­dienst leis­ten und den Kriegs­dienst mit der Waf­fe ver­wei­gern zu kön­nen.

Micha­el statt­des­sen ging zur Bun­des­wehr. Und weil er im­mer schon gern die Al­pen be­reis­te, mel­de­te er sich zu den Ge­birgs­jä­gern in Mit­ten­wald. Ein Feh­ler, wie sich nach und nach raus­stell­te. Jut­ta schließ­lich stu­dier­te Me­di­zin, wie schon ihr äl­te­rer Bru­der.

Un­se­re Rei­se­ge­sell­schaft in die gro­ße Frei­heit hat merk­wür­di­ger­wei­se nie mehr zu­sam­men­ge­fun­den. Als sei ihr Sinn ge­nau ei­ne Rei­se ge­we­sen. Und als sei ge­nau die­se Rei­se das Tor zu ei­ner für uns je­weils an­de­ren Welt ge­wor­den. Die Spu­ren der an­de­ren wur­den zu­neh­mend blas­ser. Micha­els ver­schwan­den in der Schweiz, Jut­tas als Ärz­tin in Neu­see­land.

In die­sem Som­mer aber schien die Son­ne tat­säch­lich Tag für Tag. In ei­nem Som­mer, in dem noch al­les mög­lich war.

Je­den­falls in mei­ner Er­in­ne­rung. Und die ist, wie es der Schrift­stel­ler Cees Noote­boom einst for­mu­lier­te, ein Hund, der sich hin­legt, wo er will – dies­mal ins Ar­dé­che-Tal des Som­mers 1982.

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