Es­sen am gro­ßen Dra­chen­tisch

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - DÜSSELDORF - VON CHRIS­TI­AN HERRENDORF

In der Nä­he des Wehr­hahns hat das viet­na­me­si­sche Re­stau­rant „Banh Bo­yo“er­öff­net, das in­nen hübsch ein­ge­rich­tet und drau­ßen im bes­ten Sin­ne urban ist.

Es gab da die­se kur­ze Zeit, in der wir al­len, die sag­ten, Düsseldorf sei ja schön, aber lei­der nicht cool, ein­fach nur das Wort „Flin­gern“ent­ge­gen­hiel­ten. Der Na­me des Stadt­teils stand für ei­nen Wan­del, der aus der Acker­stra­ße – einst nur Au­to­fah­rern be­kannt, die Staus auf den um­lie­gen­den Haupt­stra­ßen um­fah­ren woll­ten – ein Sze­ne­vier­tel mach­te, das es mit den Lieb­lings­stadt­tei­len in Ham­burg oder Lon­don auf­neh­men konn­te. Dann aber er­füll­te sich die Theo­rie von der Gen­tri­fi­zie­rung voll­stän­dig und so ver­schwan­den die Be­grün­der des Auf­schwungs zu­guns­ten von Im­mo­bi­li­en­pro­jek­ten, und Laut­stär­ke und Öff­nungs­zei­ten von Lo­ka­len wur­den ein The­ma un­ter neu­en Nach­barn.

Viel­leicht aber er­lebt Flin­gern ganz in der Nä­he des ers­ten Wan­dels sei­nen zwei­ten Cool­ness-Früh­ling. Denn dort, wo die Wehr­hahn-Li­nie auf- und ab­taucht, hat ein Re­stau­rant er­öff­net, das den schö­nen Stem­pel „urban“ver­dient: das „Banh Bo­yo“. Das bleibt wohl auch nicht lang al­lein, denn ne­ben­an wird schon die Er­öff­nung ei­nes La­dens na­mens „Ka­mi­ka­ze Su­shi“an­ge­kün­digt.

Drin­nen sorgt das viet­na­me­si­sche Re­stau­rant mit sei­nen vie­len bun­ten Lam­pen, den tür­kis- und pink­far­be­nen Ho­ckern so­wie dem Tisch, der an ei­nen Dra­chen­schwanz er­in­nert, auch bei Ber­li­ner Sze­ne­ken­nern min­des­tens für hoch­ge­zo­ge­ne Au­gen­brau­en. In Gän­ze ent­wi­ckelt das „Banh Bo­yo“sei­nen Charme aber so­gar erst, wenn es tro­cken und halb­wegs warm ist. Dann be­sitzt es näm­lich auch ei­ne Ter­ras­se, auf der die Gäs­te die ge­ball­te Misch-Op­tik aus Öf­fent­li­chem Per­so­nen­nah­ver­kehr, den em­si­gen Lie­fe­ran­ten des Hau­ses und dem ge­park­ten Food­truck des Hau­ses ha­ben.

Auf die Ti­sche drin­nen und drau­ßen kommt ei­ne Men­ge Pap­pe. Ein Schwer­punkt der Kü­che liegt auf Vor­spei­sen (Mon Khai Vi). Für je­des der 27 klei­nen Ge­rich­te gibt es ei­ne ei­ge­ne Kar­te, auf den Be­stell­zet­tel schrei­ben die Gäs­te dann ein­fach die Num­mern ih­rer Fa­vo­ri­ten. Wer zu­dem oder statt­des­sen lie­ber ein Haupt­ge­richt möch­te, er­hält die Aus­wahl ge­bün­delt auf ei­ner Kar­te mit ei­nem net­ten Zu­satz: Ab­ge­se­hen von Pho- und Udon-Sup­pe wer­den al­le Spei­sen auf Wunsch in ve­ge­ta­ri­scher Aus­füh­rung ser­viert. Das ist für die Kü­che auch des­halb kein Akt, weil sie oh­ne­hin al­les frisch und schmeck­bar oh­ne Ge­schmacks­ver­stär­ker zu­be­rei­tet.

Viel falsch ma­chen kann der Wäh­ler nicht, er kann le­dig­lich sein per­sön­li­ches Fas­sungs­ver­mö­gen über­schät­zen. Klei­ne Ent­schei­dungs­hil­fe von un­se­ren Test­be­su­chen: Un­ter den Vor­spei­sen ha­ben uns der Man­go-Gur­ken-Sa­lat, die ge­dämpf­ten He­fe­teig­ta­schen und das Rind­fleisch mit grü­nen Boh­nen ziem­lich gut ge­fal­len. Tat­säch­lich war die Neu­gier bei den viet­na­me­si­schen Ta­pas so groß, dass wir die Haupt­ge­rich­te nicht mehr ge­braucht hät­ten. An­de­rer­seits wa­ren es ins­be­son­de­re die Gar­ne­len mit Pak­choi, Erd­nüs­sen und Zi­tro­nen­gras, die ei­ne herr­li­che Mi­schung aus frisch, scharf und un­ge­wöhn­lich in uns aus­lös­ten. Da­zu wie­der­um pass­te über­ra­schend gut ei­ner der Wei­ne, die wir auf der Kar­te zu­nächst nicht ver­mu­tet hat­ten. Der Grau­bur­gun­der bei- spiels­wei­se braucht ge­nau sol­che Kon­tras­te.

Am En­de steht ein Abend, an dem wir uns als Be­woh­ner ei­ner läs­si­gen Stadt füh­len, an dem wir uns vom Ser­vice gut be­ra­ten und gut ver­sorgt füh­len und an dem wir im We­sent­li­chen nur ei­nen Kri­tik­punkt hat­ten. Der gan­ze Spaß ist nicht ge­ra­de güns­tig, selbst zu zweit ist man schnell jen­seits von 50 Eu­ro.

Ka­ba­rett mit Weih­nachts­gans

RP-FO­TO: ANDRE­AS ENDERMANN

Die Gäs­te sit­zen im „Banh Bo­yo“un­ter vie­len bun­ten Lam­pen und an ei­nem Tisch, der dem Schwanz ei­nes Dra­chen nach­ge­formt ist.

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