Auf Ries­ling-Rou­ten durch den Rhein­gau

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - REISE&WELT - VON ULLI TRAUB

Der Gro­ße Karl war da, Mön­che ha­ben zahl­rei­che Klös­ter ge­grün­det und Goe­the kam zum Wan­dern. Der Rhein­gau ist Kul­tur­land. Dar­an muss er­in­nert wer­den, sonst denkt man viel­leicht, es gä­be nur die Dros­sel­gas­se.

Rü­des­heim mit sei­ner Rum­ta­ta-Mei­le, in der schon mit­tags San­geskünst­ler ihr Bes­tes ver­su­chen und kaum ein Ca­fé-Be­su­cher es schafft, den von den Kell­nern auf­ge­dräng­ten Rü­des­hei­mer Kaf­fee aus­zu­schla­gen, ist so et­was wie die Haupt­stadt des Rhein­gaus – ein Ort mit zwei Ge­sich­tern. Denn we­ni­ge Schrit­te ab­seits der Dros­sel­gas­se gibt es nicht nur stil­le Win­kel, son­dern auch viel bes­se­re Trop­fen als Kaf­fee mit Wein­brand und Sprüh­sah­ne. Der Rhein­gau, der sich west­lich von Wies­ba­den er­streckt, wo der Rhein sei­ne Rich­tung än­dert und aus­nahms­wei­se nach Wes­ten statt nach Nor­den fließt, ist schließ­lich in ers­ter Li­nie ein Wein­gau.

Wäh­rend das An­bau­ge­biet Rhein­hes­sen in Rhein­land-Pfalz liegt, ge­hört der Rhein­gau zu Hes­sen. Al­les klar? Wenn nicht, auch egal, Haupt­sa­che, der Wein ist gut. Und das ist er im Rhein­gau – nicht zu­letzt dank der Ar­beit von The­re­sa Breu­er. Die jun­ge Rü­des­hei­me­rin ist Win­ze­rin mit Leib und See­le. Zur Le­se ist sie je­den Tag mit im Wein­berg. „Hier liegt der Schlüs­sel für die Qua­li­tät des Wei­nes“, er­klärt sie, „nicht mehr im Wein­kel­ler wie frü­her.“Die Ern­te brin­gen The­re­sa Breu­er und ih­re Hel­fer aus­schließ­lich mit der Hand ein, um be­schä­dig­te Trau­ben aus­sor­tie­ren zu kön­nen. Das sei zwar zeit­rau­bend, kom­me dem Wein aber zu­gu­te. „Er schmeckt dann ein­fach bes­ser“, sagt die en­ga­gier­te Win­ze­rin, in de­ren Wein­ber­gen die Re­ben kom­plett oh­ne Che­mie ge­dei­hen. In ih­rer Vi­no­thek in Rü­des­heim kann man sich da­von über­zeu­gen.

Ge­mein­sam mit jun­gen Kol­le­gen setzt The­re­sa Breu­er auf Klas­se statt Mas­se. Die „Ge­ne­ra­ti­on Ries­ling“sorgt da­für, dass das klei­ne Wein­bau­ge­biet sei­nen Spit­zen­platz in Deutsch­land in punc­to Qua­li­tät aus­ge­baut hat. Auf 80 Pro­zent der Flä­che wird im Rhein­gau Ries­ling an­ge­baut. „Wein ist nicht ir­gend­ein Pro­dukt, son­dern prägt das Image un­se­rer Hei­mat. Schließ­lich ist hier Wein­bau­ge­schich­te ge­schrie­ben wor­den“, weiß die jun­ge Win­ze­rin.

Der Rhein­gau ist ur­al­tes Re­ben­land. Karl der Gro­ße ließ hier ro­den, um Wein­stö­cke pflan­zen zu kön­nen. Spä­ter wur­de der Wein­bau in den vie­len Klös­tern der Re­gi­on wei­ter­ent­wi­ckelt. Noch heu­te stellt er für die Be­ne­dik­ti­ne­rin­nen aus Ei­bin­gen, die ihr Klos­ter mit ei­ge­nen Mit­teln un­ter­hal­ten

The­re­sa Breu­er müs­sen, die wich­tigs­te Ein­nah­me­quel­le dar. Das be­rühm­tes­te der Rhein­gau­er Klös­ter ist Eber­bach, in des­sen Mau­ern Sze­nen der Ver­fil­mung des Ro­mans „Der Na­me der Ro­se“ge­dreht wor­den sind. Heu­te ist es als hes­si­sches Staats­wein­gut das größ­te Wein­gut in Deutsch­land.

Am nur 65 Ki­lo­me­ter lan­gen Lauf des Rheins durch sei­nen Gau – von Wies­ba­den nach Lorch – fin­det man so­zu­sa­gen auf Schritt und Tritt (ehe­ma­li­ge) Klös­ter und Schlös­ser. Auch das äl­tes­te Wein­gut Deutsch­lands liegt im Rhein­gau. Die Ge­schich­te von Schloss Voll- rads mit sei­nem mar­kan­ten Turm und dem lau­schi­gen Bier- und Wein­gar­ten reicht bis ins Jahr 1211 zu­rück. Und am Jo­han­nis­ber­ger Schloss, vor des­sen To­ren der so ge­nann­te Goe­the-Blick ei­ne fa­mo­se Aus­sicht über den Rhein und sei­ne In­sel­chen bie­tet, wur­de 1720 der ers­te Ries­ling-Wein­berg an­ge­legt. Gleich ober­halb der Rhein-Or­te wan­dert man auf den, ja, man ahnt es viel­leicht schon: den Ries­ling-Rou­ten. So lernt man den Rhein­gau von sei­ner schöns­ten Sei­te ken­nen – aus der ers­ten Eta­ge, im­mer den Fluss im Blick, Wein­ber­ge durch­que­rend, in de­nen auch ei­ne Über­ra­schung wie ein gut ge­füll­ter Wein-Kühl­schrank auf die Wan­de­rer war­tet. Als Sta­tio­nen lo­cken die his­to­ri­schen Stät­ten. Und Strauß­wirt­schaf­ten, in de­nen man ras­ten und Wein pro­bie­ren kann, lie­gen selbst­ver­ständ­lich am Weg. Auch für Rad­wan­de­rer gibt es ei­nen Ries­ling-Weg durch den Rhein­gau.

Für Wan­de­rer emp­fiehlt sich der Start mit der klei­nen Ka­bi­nen­seil­bahn in Rü­des­heim. Ge­mäch­lich zu­ckelt sie über die Wein­ber­ge von The­re­sa Breu­er und er­reicht nach zehn Mi­nu­ten das Nie­der­wal­dDenk­mal mit der ko­los­sa­len Ger­ma­nia. Die Da­me soll aber mit­nich­ten den Ruhm des deut­schen Wei­nes prei­sen, son­dern er­in­nert an die Grün­dung des Deut­schen Rei­ches 1871. Stolz streckt sie statt Glas und Re­ben ei­ne lor­bee­rum­rank­te Kro­ne in den Him­mel. Von den Wein­berg­s­hö­hen hin­ab­zu­stei­gen, lohnt sich be­son­ders in Elt­vil­le. Ge­gen­über Rü­des­heim wirkt der Ort mit sei­ner hüb­schen Alt­stadt und ih­ren präch­ti­gen Adels­hö­fen an­ge­nehm in sich ge­kehrt. An der Pro­me­na­de, um de­ren Er­halt in den 60er-Jah­ren Deutsch­lands ers­te Bür­ger­initia­ti­ve er­folg­reich ge­kämpft hat, trifft man sich nach­mit­tags und abends am Wein­pa­vil­lon. Im Wo­chen­rhyth­mus schen­ken hier im­mer an­de­re Win­zer ih­re neu­en Wei­ne aus. Bre­zel- und Spun­de­käs-Ver­käu­fer sor­gen da­für, dass man Lust auf ein wei­te­res Gläs­chen be­kommt. Man sitzt un­ter Pla­ta­nen, lässt die Bei­ne von der Ufer­be­fes­ti­gung bau­meln oder geht ein paar Schrit­te über die Pro­me­na­de zur Kur­fürst­li­chen Burg mit ih­rem Ro­sen­gar­ten.

Schö­ner als an der Pro­me­na­de von Elt­vil­le kann man sei­ne Rhein­gau-Ent­de­ckun­gen kaum ab­schlie­ßen. Und man wird ver­ste­hen, was The­re­sa Breu­er meint, wenn sie sagt: „Wenn ich auf Rei­sen oder Wein­mes­sen er­zäh­le, dass ich im Rhein­gau Ries­ling an­baue, ern­te ich meist ein er­freu­tes Lä­cheln.“

„Im Wein­berg liegt der Schlüs­sel für die Qua­li­tät

des Weins“

Bio-Win­ze­rin

FO­TOS (2): UL­RICH TRAUB

Ge­mäch­lich zu­ckelt die Seil­bahn von Rü­des­heim über die Reb­hän­ge zum Nie­der­wald-Denk­mal.

Ver­tre­te­rin der „Ge­ne­ra­ti­on Ries­ling“: die jun­ge Bio-Win­ze­rin The­re­sa Breu­er bei der Ar­beit – mit der Hand.

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