Tür­kei droht in der Na­to Au­ßen­sei­ter zu wer­den

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - PUTSCH IN DER TÜRKEI - VON EVA QUADBECK VON MAR­TIN KESS­LER

De­mo­kra­ten aus al­ler Welt stell­ten sich in den St­un­den des Putsch­ver­suchs und da­nach hin­ter den tür­ki­schen Macht­ha­ber Re­cep Tay­yip Er­do­gan. Die­ser Akt der So­li­da­ri­tät war rich­tig und an­ge­mes­sen. Ei­nen Macht­wech­sel kann es in De­mo­kra­ti­en im­mer nur durch Wah­len ge­ben. Auch wenn die Tür­kei al­les an­de­re als ei­ne lu­pen­rei­ne De­mo­kra­tie ist, wä­re ei­ne Mi­li­tär­dik­ta­tur ei­ne denk­bar schlech­te Al­ter­na­ti­ve.

Er­do­gan er­weist sich nun der So­li­da­ri­tät der de­mo­kra­ti­schen Welt als un­wür­dig. Ei­ne Über­ra­schung ist das nicht. Er nutzt den Putsch­ver­such, um den Um­bau der Tür­kei von ei­ner De­mo­kra­tie in ein au­to­kra­ti­sches und au­to­ri­tä­res Prä­si­di­al­sys­tem fort­zu­set­zen.

Er sieht den stüm­per­haft um­ge­setz­ten Auf­stand gar als „Ge­schenk Got­tes“. Denn der An­griff auf sei­ne Macht gibt Er­do­gan den An­lass, ei­ne „Säu­be­rung“beim Mi­li­tär vor­zu­neh­men und auch am Putsch­ver­such un­be­tei­lig­te Rich­ter fest­neh­men zu las­sen, nur weil sie ihn kri­tisch se­hen. Der Op­po­si­ti­on, die auch aus de­mo­kra­ti­scher Über­zeu­gung den ver­hass­ten Prä­si­den­ten stütz­te, droht nun erst recht die Drang­sa­lie­rung. So­gar die Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe ist in der Tür­kei im Ge­spräch. Die­se Ent­wick­lung ist auch für die in­ter­na­tio­nal Ver­bün­de­ten der Tür­kei dra­ma­tisch.

Die Na­to ver­steht sich nicht nur als Ver­tei­di­gungs­bünd­nis. In ih­rer Prä­am­bel ist das Ziel ver­an­kert, „die Frei­heit, das ge­mein­sa­me Er­be und die Zi­vi­li­sa­ti­on ih­rer Völ­ker, die auf den Grund­sät­zen der De­mo­kra­tie, der Frei­heit der Per­son und der Herr­schaft des Rechts be­ru­hen, zu ge­währ­leis­ten“. Von die­sen Grund­sät­zen ver­ab­schie­det sich die Tür­kei in ra­san­tem Tem­po. s steht zu be­fürch­ten, dass die Tür­kei im west­li­chen Ver­tei­di­gungs­bünd­nis zum Au­ßen­sei­ter wird und da­mit auch der ge­mein­sa­me Kampf ge­gen die Ter­ror­mi­liz IS ins Sto­cken ge­rät. Nach dem Putsch­ver­such sind in der tür­ki­schen Re­gie­rung an­ti-ame­ri­ka­ni­sche Tö­ne laut ge­wor­den, wäh­rend Er­do­gan den Schul­ter­schluss mit Pu­tin sucht. Auch das ist ge­fähr­lich. Die West­bin­dung der Tür­kei droht trotz Na­to-Mit­glied­schaft zu zer­brö­seln. Mit Deutsch­land – dem wich­tigs­ten Part­ner in Eu­ro­pa – herrscht seit der Ar­me­ni­en-Re­so­lu­ti­on oh­ne­hin Eis­zeit.

Das Mi­li­tär ist in der Tür­kei tra­di­tio­nell ein Ga­rant für die sä­ku­la­re Staats­form. Er­do­gan, der sei­ne Macht vor al­lem auf ei­ne kon­ser­va­ti­ve is­la­mi­sche An­hän­ger­schaft baut, wird al­les dar­an set­zen, die­se po­li­ti­sche Funk­ti­on der Ar­mee ab­zu­schal­ten. Für Eu­ro­pa und die Na­to, für die ge­mein­sa­me Flücht­lings- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik, ist das ei­ne schwe­re Hy­po­thek. BE­RICHT PUTSCH NACH DEM PUTSCH, TI­TEL­SEI­TE

ELeh­ren aus Niz­za

Noch ist Frank­reich in Trau­er ver­eint, noch be­schwö­ren al­le die re­pu­bli­ka­ni­schen Wer­te, noch neh­men die Men­schen die ver­meint­li­che Un­ab­wend­bar­keit des Ter­rors hin. Al­les rich­tig. Aber jen­seits der Fas­sungs­lo­sig­keit über die Tat von Niz­za be­ginnt die De­bat­te, ob wir nicht doch in ei­nem Aus­nah­me­zu­stand le­ben.

Na­tür­lich müs­sen wir den Ter­ror mit rechts­staat­li­chen Mit­teln be­kämp­fen. Wir dür­fen auch nicht ei­ne Re­li­gi­on wie den Is­lam oder ei­ne Grup­pe wie die Zu­wan­de­rer aus Nord­afri­ka un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht stel­len. Aber wir müs­sen ak­zep­tie­ren, dass die un­be­schwer­te Zeit nach dem Fall des Ei­ser­nen Vor­hangs und des sich aus­brei­ten­den Welt­frie­dens vor­bei ist. Wir le­ben in ei­ner an­ge­spann­ten Si­tua­ti­on.

Un­se­re Si­cher­heits­kräf­te müs­sen noch wach­sa­mer, die Mög­lich­kei­ten tech­ni­scher Über­wa­chung noch kon­se­quen­ter aus­ge­schöpft wer­den. Wir müs­sen uns et­was mehr Über­wa­chung und Kon­trol­le ge­fal­len las­sen, auch wenn das den All­tag be­rührt. Und vor al­lem: Wir müs­sen uns das un­be­ding­te Ziel set­zen, den Ter­ror mit al­len le­ga­len Mit­teln zu be­sie­gen. BE­RICHT RE­GIE­RUNG: TÄ­TER VON NIZ­ZA . . ., TI­TEL­SEI­TE

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