„Es ist vor­bei, wir ha­ben ge­won­nen“

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - PUTSCH IN DER TÜRKEI - VON FRANK NORD­HAU­SEN

In den Ca­fés des li­be­ra­len Istan­bu­ler Zen­trums wird nach dem ge­schei­ter­ten Putsch hef­tig über die Hin­ter­grün­de dis­ku­tiert. Wei­te Tei­le der Be­völ­ke­rung sind froh, dass der Auf­stand vor­bei ist – die Nacht war auch hier dra­ma­tisch. Die ver­stärk­te Prä­senz of­fen­sicht­lich is­la­mis­ti­scher Ei­fe­rer aber er­füllt vie­le mit Sor­ge.

ISTAN­BUL Die­se Bil­der wer­den sich der tür­ki­schen Na­ti­on ein­bren­nen. Es ist die Nacht von Frei­tag auf Sams­tag: Das Mi­li­tär putscht, auf dem Tak­sim-Platz im Her­zen der Me­tro­po­le Istan­bul ha­ben 20 Sol­da­ten, jun­ge Ker­le, Pos­ten um das his­to­ri­sche Denk­mal für den Re­pu­blik­grün­der Musta­fa Ke­mal Ata­türk be­zo­gen. Das soll of­fen­bar ein State­ment sein, denn das he­roi­sche Mo­nu­ment ist ein na­tio­na­les Hei­lig­tum wie die Ar­mee des Lan­des. Doch die Sol­da­ten wir­ken so gar nicht hel­den­haft, viel­mehr angst­voll und ver­letz­lich. Sie drän­gen sich eng an­ein­an­der, um­klam­mern ih­re auf­ge­pflanz­ten Ge­weh­re wie Ta­lis­ma­ne. Vor ih­nen 200 wü­ten­de Män­ner, vie­le mit Voll­bart, die „Sol­da­ten in die Ka­ser­ne“brül­len und „Gott ist groß!“. Dann skan­die­ren sie den Na­men des Staats­prä­si­den­ten: „Re­cep Tay­yip Er­do­gan!“Nur ei­ner Ket­te von Män­nern, die sich schüt­zend vor sie stel­len, ha­ben die Sol­da­ten es zu ver­dan­ken, dass die Men­ge nicht hand­greif­lich wird. 50 Me­ter ent­fernt steht die Po­li­zei in vol­ler Mon­tur mit ei­nem Was­ser­wer­fer, oh­ne ein­zu­grei­fen.

Ei­nen Mi­li­tär­putsch stellt man sich doch ir­gend­wie an­ders vor. Ei­ne St­un­de spä­ter mar­schiert ei­ne wei­te­re Trup­pe von 20 Sol­da­ten auf den Platz, da stel­len sich ihr Män­ner in den Weg mit er­ho­be­nen Hän­den und ei­ner tür­ki­schen Flag­ge. Der Trupp stoppt, die Po­li­zei steht da­ne­ben und guckt. Es kommt zu Ge­drän­ge. Schließ­lich wis­sen sich die Sol­da­ten nicht mehr an­ders zu hel­fen, als wild in die Luft zu schie­ßen. Mi­nu­ten­lang hal­len die Schüs­se über den Platz. Die Zi­vi­lis­ten flüch­ten. Die Po­li­zei schaut zu. Dann macht der klei­ne Kor­don kehrt und ver­schwin­det wie­der un­ter Ge­wehr­feu­er. Men­schen lie­gen am Bo­den, ver­letzt von Qu­er­schlä­gern. Kran­ken­wa­gen fah­ren vor mit Blau­licht und Si­re­nen. Die Sol­da­ten am Ata­türk-Denk­mal wir­ken jetzt noch hilf­lo­ser. Vie­le zit­tern vor Angst. „Wir ha­ben kei­ne Ah­nung, was los ist“, sagt ein Wehr­pflich­ti­ger. „Wir wur­den hier­her zu ei­ner Übung be­foh­len.“Sie wer­den noch St­un­den so aus­har­ren müs­sen.

Jetzt kur­sie­ren ih­re er­bar­mungs­wür­di­gen­den Fotos be­reits mil­lio­nen­fach im In­ter­net. Bald kom­men ver­stö­ren­de Bil­der von Sol­da­ten hin­zu, die sich dem Mob auf ei­ner Brü­cke über den Bo­spo­rus er­ge­ben, die sie in der Nacht zu­vor ge­sperrt hat­ten. Ein bär­ti­ger Mann schlägt wie wild mit sei­nem Gür­tel auf vor ihm knie­en­de tür­ki­sche Sol­da­ten ein, de­ren zer­schun­de­ne Ge­sich­ter vor Angst ver­zerrt sind. Die Fotos zei­gen die Ra­che der Sie­ger ei­ner Nacht, in der das Mi­li­tär zum fünf­ten Mal ge­gen ei­ne de­mo­kra­tisch ge­wähl­te Re­gie­rung ge­putscht hat. Es sind Bil­der, wie es sie in der Tür­kei noch nie gab. Denn die rie­si­ge tür­ki­sche Wehr­pflich­ti­gen­ar­mee wirk­te bis­her wie ein Fels in der Bran­dung der Stür­me, die über das Land feg­ten. Jetzt sieht man sie de­mo­ra­li­siert, ge­de­mü­tigt, ge­schla­gen von Is­la­mis­ten. Es sind Bil­der von Sol­da­ten, die von ih­ren Vor­ge­setz­ten nicht ge­schützt wer­den, und ei­nes Staa­tes, der den Mob ge­wäh­ren lässt.

In Istan­bul se­hen die Leu­te sie sich am nächs­ten Tag auf ih­ren Smart­pho­nes an und blei­ben er­staun­lich un­ge­rührt. „Es ist vor­bei, wir ha­ben ge­won­nen“, sagt ei­ne Frau. Vie­le sind er­leich­tert. Die Ge­schäf­te und Re­stau­rants ha­ben ge­öff­net, die Obst­händ­ler und Dö­ner­ver­käu­fer ar­bei­ten wie ge­wohnt. Auch ges­tern ste­hen ei­ni­ge Män­ner und Frau­en um das Ata­türk-Denk­mal, schwen­ken die rot-wei­ßen tür­ki­schen Flag­gen, sin­gen pa­trio­ti­sche Lie­der und skan­die­ren den Na­men des Staats­prä­si­den­ten. Am Abend zu­vor ha­ben hier ei­ni­ge Hun­dert Men­schen ge­gen die Put­schis­ten de­mons­triert. Im Üb­ri­gen wirkt die La­ge nor­mal.

Als Er­do­gan ge­gen vier Uhr mor­gens im Prä­si­den­ten­jet auf dem Ata­türk-Flug­ha­fen in Istan­bul lan­de­te und ei­ne Pres­se­kon­fe­renz ab­hielt, sag­te er, die Put­schis­ten hät­ten sein Fe­ri­en­ho­tel in der Ägäis­stadt Mar­ma­ris bom­bar­diert, aber er sei recht­zei­tig vor­her ab­ge­flo­gen. „Die Tür­kei wird nicht vom Mi­li­tär re­giert“, er­klär­te er und be­fahl, von Auf­stän­di­schen ge­ka­per­te Kampf­jets ab­zu­schie­ßen. Er wirk­te mas­ken­haft, aber selbst­be­wusst wie im­mer.

„Ich ha­be am Ata­türk-Flug­ha­fen nur Er­do­gan-An­hän­ger ge­se­hen“, be­rich­tet ei­ne Au­gen­zeu­gin. „Es gab kei­ne Po­li­zei, und Mi­li­tär tauch­te nur kurz mal an der Pass­kon­trol­le auf.“Ein pen­sio­nier­ter tür­ki­scher Of­fi­zier, mit dem sie sprach, war ver­wun­dert, dass Er­do­gan un­be­hel­ligt auf dem Flug­ha­fen lan­den und vor sei­ne An­hän­ger tre­ten konn­te. „Das ist kein ech­ter Putsch“, sag­te er. „Das ist ei­ne Ins­ze­nie­rung. Ech­te Put­schis­ten hät­ten nie­mals zu­ge­las­sen, dass der Prä­si­dent hier lan­det.“

Auch an­ders­wo sind un­ter den De­mons­tran­ten of­fen­bar nur we­ni­ge, die in Op­po­si­ti­on zum Staats­chef ste­hen. Das hängt nicht da­mit zu­sam­men, dass sie ei­nen Putsch un­ter­stüt­zen, als viel­mehr mit den Som­mer­fe­ri­en, die vie­le An­ge­hö­ri­ge der li­be­ra­len Mit­tel­schicht am Mit­tel­meer ver­brin­gen. „Als ich am Sams­tag­nach­mit­tag auf die Stra­ße ging, hat­te sich das Le­ben nor­ma­li­siert, aber auf den gro­ßen Plät­zen sam­mel­ten sich nur Leu­te, die ich als Re­li­giö­se be­zeich­nen wür­de, mit Bär­ten und Kopf­tü­chern“, er­zählt Ay­se Yücel (Na­me ge­än­dert), ei­ne In­ge­nieu­rin aus An­ka­ra. „Ich hat­te ein selt­sa­mes Ge­fühl, weil ich wie sonst auch ein Hemd mit Spa­ghet­ti­trä­gern trug. Als ob ich in Ge­fahr wä­re. Es war, als ob die Re­li­giö­sen plötz­lich über­all wä­ren.“

Nie­mand aus ih­rem Be­kann­ten­kreis feie­re die Nie­der­la­ge der Put­schis­ten als Sieg der De­mo­kra­tie, sagt Ay­se Yücel. Doch im In­ter­net kur­sie­ren jetzt im­mer mehr Bil­der der is­la­mi­schen Re­vo­lu­ti­on im Iran 1979, als Aya­tol­lah Khomei­ni im Nach­bar­land wie Er­do­gan das Volk auf die Stra­ße rief. Auch die Bil­der der ge­tö­te­ten Wehr­pflich­ti­gen ma­chen der In­ge­nieu­rin Angst. „Ich fürch­te mich zum ers­ten Mal in mei­nem Le­ben vor der Ent­wick­lung im Land und über­le­ge, ob ich es ver­las­sen muss“, sagt sie. Sie wohnt in der Nä­he des Prä­si­den­ten­pa­las­tes, den die Auf­stän­di­schen am Sams­tag­mor­gen bom­bar­dier­ten. „Die Ex­plo­sio­nen wa­ren furcht­ein­flö­ßend. Ich dach­te, die Fens­ter zer­sprin­gen, ich ha­be ge­weint.“Sie glaubt, dass die Put­schis­ten sich to­tal ver­kal­ku­liert hät­ten und die La­ge im Land jetzt noch in­sta­bi­ler wer­de, als sie es oh­ne­hin schon war.

Auch in den Ca­fés des li­be­ra­len Istan­bu­ler Zen­trums re­den sich die Men­schen die Köp­fe heiß, wer ei­gent­lich und war­um hin­ter dem Putsch ste­cke. Je­der kennt die The­se des pro­mi­nen­ten In­ves­ti­ga­ti­vjour­na­lis­ten Ah­met Sik, dass die Re­gie­rung von dem Plan Wind be­kam und die Um­stürz­ler sich zum Han­deln ge­zwun­gen sa­hen, be­vor ih­re Vor­be­rei­tun­gen ab­ge­schlos­sen wa­ren – auch Gülnur Sav­ran, ei­ne pen­sio­nier­te Po­li­tik­pro­fes­so­rin, die mit vier Freun­din­nen zum Brunch in ei­nem Bis­tro sitzt. „Wir wer­den ei­nen Putsch nie­mals gut­hei­ßen. Ich ha­be seit 1960 drei Put­sche mit­er­lebt und kann sa­gen: Die­ser neue Staats­streich war ei­ne Far­ce und ei­ne Show im Fern­se­hen.“Gülnur Sav­ran be­fürch­tet, dass Er­do­gan jetzt „noch fa­schis­ti­scher“wer­de und ei­ne „schreck­li­che Dik­ta­tur“er­rich­te: „Ich bin sehr pes­si­mis­tisch. Er­do­gan ruft sei­ne An­hän­ger auf die Stra­ßen. Das kann nur übel en­den.“

Am Sams­tag wer­den aus ver­schie­de­nen Städ­ten der Tür­kei Über­grif­fe auf eth­ni­sche Min­der­hei­ten ge­mel­det. In den Städ­ten Os­ma­niye, Ma­la­tya und Is­ken­de­run sei­en Bü­ros der pro­kur­di­schen Link­s­par­tei HDP at­ta­ckiert wor­den, in An­ka­ra setzt ein fa­na­ti­sier­ter Mob ei­ne Schu­le von Gü­len-An­hän­gern in Brand. Kn­ei­pen­gän­ger wer­den at­ta­ckiert, weil sie Al­ko­hol trin­ken. Durch die Fuß­gän­ger­zo­ne Is­ti­k­lal Cad­de­si mar­schie­ren Er­do­gan-Fans und ru­fen re­li­giö­se Pa­ro­len.

FOTO: DPA

Er­do­gan-An­hän­ger fei­ern in Istan­bul die Nie­der­schla­gung des Staats­streichs.

FOTO: REU­TERS

Ei­ne ent­schei­den­de Sze­ne der Put­sch­Nacht: Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan wird per In­ter­net in ei­ner Fern­seh­sen­dung zu­ge­schal­tet und mo­bi­li­siert sei­ne Un­ter­stüt­zer.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.