Jetzt blü­hen die Ver­schwö­rungs­theo­ri­en

Rheinische Post – Stadtteilausgabe Duesseldorf-Mitte/West - - PUTSCH IN DER TÜRKEI - VON EVA QUADBECK

Er­do­gan und der is­la­mi­sche Pre­di­ger Fe­thul­lah Gü­len schie­ben sich ge­gen­sei­tig die Ver­ant­wor­tung für den Auf­stand zu.

BER­LIN Der ge­schei­ter­te Putsch von Tei­len des tür­ki­schen Mi­li­tärs ge­gen Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan wirft vie­le Fra­gen auf und lässt Raum für Ge­rüch­te und Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. Wahr­schein­lich wer­den erst die His­to­ri­ker rück­bli­ckend die Er­eig­nis­se und ih­re Hin­ter­grün­de auf­klä­ren kön­nen. Die wich­tigs­ten of­fe­nen Fra­gen: Wel­che Rol­le spiel­te Gü­len?

Die tür­ki­sche Füh­rung be­schul­digt den 1999 nach Ame­ri­ka emi­grier­ten Pre­di­ger Fe­thul­lah Gü­len, hin­ter dem Putsch zu ste­cken. Gü- len wies die An­schul­di­gun­gen em­pört zu­rück und lenk­te den Ver­dacht auf den tür­ki­schen Prä­si­den­ten, der mög­li­cher­wei­se selbst den Putsch­ver­such an­ge­zet­telt ha­be. Frü­her wa­ren Gü­len und Er­do­gan, die bei­de ei­ner kon­ser­va­ti­ven Aus­le­gung des Is­lam an­hän­gen, Ver­bün­de­te. Fein­de sind sie, seit­dem Gü­len 2013 die Nie­der­schla­gung der fried­li­chen Pro­tes­te im Istan­bu­ler Ge­ziPark kri­ti­sier­te. Aus sei­nem Exil steu­ert Gü­len Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und Wohl­tä­tig­keits­or­ga­ni­sa­tio­nen, was sei­ner zwei Mil­lio­nen An­hän­ger star­ken Be­we­gung Ein­fluss si­chert. In der Tür­kei wur­de sie zur Ter­ror-Or­ga­ni­sa­ti­on er­klärt. Hat Er­do­gan den Putsch selbst an­ge­zet­telt?

Da­für gibt es kei­ne di­rek­ten Be­le­ge. Aber die Stüm­per­haf­tig­keit, mit der das Mi­li­tär vor­ge­gan­gen ist, wirft zu­min­dest die Fra­ge auf, wie ernst der Putsch­ver­such ge­meint war. Als die Pan­zer in Istan­bul los­roll­ten, hielt sich Er­do­gan in ei­nem Ho­tel in Mar­ma­ris an der Ägä­is zum Ur­laub auf. Die­ses Ho­tel wur­de erst St­un­den nach sei­ner Abrei­se von sei­nen Geg­nern bom­bar­diert. Bei frü­he­ren er­folg­rei­chen Mi­li­tär­auf­stän­den in der Tür­kei sorg­ten die Uni­for­mier­ten je­weils als Ers­tes da­für, die Macht­ha­ber aus­zu­schal­ten. Er­staun­lich ist auch, dass Er­do­gan über­haupt nach Istan­bul flie­gen konn­te, ob­wohl doch die Luft­waf­fe Draht­zie­her des Put­sches ge­we­sen sein soll. Sie hät­te zu­min­dest in der La­ge sein sol­len, Er­do­gans Lan­dung in Istan­bul zu ver­hin­dern. War­um war der Putsch so schlecht or­ga­ni­siert?

Plau­si­bel er­scheint, dass Er­do­gan den Putsch nicht selbst an­ge­zet­telt hat, aber von den Plä­nen Wind be­kam. Da­für spricht, dass schon kurz be­vor die Pan­zer los­roll­ten, An­ka­ra sei­ne Be­am­ten in den Di­enst zu­rück­be­or­der­te. Dann könn­ten die Put­schis­ten un­ter er­heb­li­chem Druck ge­stan­den ha­ben los­zu­schla­gen, was auch den un­güns­ti­gen Zeit­punkt für den Be­ginn des Auf­stands er­klärt. Frü­he­re er­folg­rei­che Auf­stän­de gin­gen nicht am spä­ten Abend, son­dern mit­ten in der Nacht los. Wenn die Put­schis­ten al­so nach ei­nem im­pro­vi­sier­ten Plan ar­bei­ten muss­ten, dann er­klärt dies auch in Tei­len ihr un­ge­schick­tes Vor­ge­hen.

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